zuletzt aktualisiert vor

Wie kam die Kippe aufs Plakat? Kabarettist Wilfried Schmickler: Zigaretten, Schokolade – und Sport

Das machen nur wenige: Wilfried Schmickler posiert mit Zigarette fürs PlakatDas machen nur wenige: Wilfried Schmickler posiert mit Zigarette fürs Plakat

Köln. Böse und laut, sanft und berührend, wütend und witzig: Wilfried Schmickler ist ein Kabarettist der Extraklasse, der längst alle wichtigen Preise sein Eigen nennen kann und doch völlig bodenständig und authentisch geblieben ist. In einem Kölner Café unterhalten wir uns über Zielgruppen und Zigaretten, Politiker und eine Panne, die fast sein Karriereende bedeutet hätte:

Herr Schmickler, war früher alles besser?

Nein. Aber früher gab es mehr Möglichkeiten, ein ungeordnetes Leben zu führen. Die Mieten waren billiger, es gab mehr Jobs für Ungelernte, die dennoch relativ gut bezahlt waren. In den Siebzigerjahren herrschte eine kreative, spontane Atmosphäre: Was interessiert uns Altersvorsorge und Rente, was interessiert uns die Zukunft? Wir leben jetzt. Heute ist im materiellen Bereich alles sehr viel reglementierter.

Ganz früher waren Sie mal Schulsprecher – hatten Sie immer schon das Bedürfnis, den Mund aufzumachen?

Ich habe früh gemerkt: Das Leben macht mehr Spaß, wenn man sich einmischt, engagiert und mehr tut als nötig. Deshalb war ich nicht nur Schulsprecher, sondern vorher auch schon lange Zeit Messdiener und Vorbeter in der katholischen Kirche.

Waren Sie als Schulsprecher auch ein früher Wutbürger?

Das ist wohl zu hart formuliert. Ich hatte einfach die grundsätzliche Haltung, die Dinge nicht so hinzunehmen, wie sie sind, und wollte im Rahmen meiner Möglichkeiten Einfluss nehmen, am liebsten zusammen mit anderen.

Fanden Sie Kabarett auch schon als Jugendlicher unterhaltsam?

Damals bestand Kabarett in erster Linie noch aus der Lach- und Schießgesellschaft oder den Stachelschweinen, die dann zu Silvester im Fernsehen auftauchten und von den Eltern als Pflichtübung geguckt wurden - das fand ich relativ langweilig. In den Siebzigerjahren kamen dann die Ersten, die es anders, anarchistischer machten: Pachl, Rogler, Hüsch, die Tornados, das Frankfurter Fronttheater und viele andere. Da war plötzlich Schwung im Laden. Auf der anderen Seite war Jürgen von Manger immer ein Vorbild, dessen Texte wir als Schüler alle auswendig kannten.

Also haben Sie sich früh fürs Kabarett entschieden?

Eigentlich wollte ich zum Theater. Und da ich als Schauspieler kein Talent habe, wollte ich Regisseur werden, mit freien Theatergruppen Stücke inszenieren und vielleicht sogar selbst schreiben. Aber die Gruppen wurden immer kleiner - bis ich übrig geblieben bin.

Kabarett galt lange und gilt vielen heute noch als der politische Humor älterer Leute, speziell der Lehrer. Und plötzlich schafft es eine Sendung wie die „heute-show“, den Altersdurchschnitt des ZDF-Publikums zu senken. Gibt es eine Trendwende?

Absolut. Seit zwei oder drei Jahren kommen bei den Kollegen neue, junge, interessante Leute wie Claus von Wagner, Philipp Weber und Mathias Tretter dazu, die die neuen Medien mit einbeziehen und dadurch jüngere Leute ansprechen. Auf der anderen Seite wird auch das Publikum ein bisschen jünger, auch wenn es nach wie vor 40 plus ist. Mir soll es egal sein - wenn die Kirche voll ist, ist der Pfarrer zufrieden. Mein Publikum ist mit mir zusammen alt geworden - ich werde es nicht mehr schaffen, dass zu mir die jungen Leute kommen. Vielleicht mal einer...

Gestern Abend dachte ich: Vom Alter her ist es die Zielgruppe „Notruf Hafenkante“ oder „Rote Rosen“.

Aber es nicht mehr so, dass nur die Lehrer und Sozialarbeiter kommen, um sich ihre Meinung bestätigen zu lassen. Die Zielgruppe ist breiter geworden, es kommen Leute, die früher nicht ins Kabarett gegangen wären. Die können eigentlich mit bestimmten radikalen Positionen gar nichts anfangen, hören sie sich aber dennoch gerne an, weil sie mittlerweile auch eine gewisse Unzufriedenheit verspüren.

Heute kommen Leute in Ihre Vorstellungen, die den Mann auf der Bühne mit ihrem Smartphone fotografieren.

Weil sie denken, ich sehe es nicht. Aber der Sensor ist so hell, dass ich jeden Einzelnen sehe, der mich fotografiert. Deshalb sage ich auch, sie sollen es sein lassen. Es stört mich, es stört die Nachbarn und ist einfach eine Unart, die sich mittlerweile als Selbstverständlichkeit durchgesetzt hat. Das hätte man sich früher nie getraut, da waren die Manieren noch ein bisschen besser.

Früher... da haben Sie Ihre vielen Preise noch im Badezimmer aufbewahrt. Prix Panthon neben dem Deo-Roller und Salzburger Stier hinterm Rasierschaum?

Die standen auf der Toilette, sind aber mittlerweile in mein Arbeitszimmer umgezogen. Meine Frau hat irgendwann gesagt: Das Zeug muss hier raus. Jetzt steht’s bei mir im Büro. Die Preise sind schön und machen mich auch stolz, aber man sollte sie nicht überschätzen. Wenn man lange genug im Geschäft ist und macht seine Sache halbwegs ordentlich, dann ist man irgendwann dran. Der Kreis der Preiswürdigen ist ja überschaubar.

Für den „Krawattenmann des Jahres“ taugen Sie nicht, aber Sie wären sicher ein Kandidat für die Auszeichnung „Raucher des Jahres“.

(lacht) Allerdings. Aber zum Glück gibt’s die ja nicht, es würde sich sofort ein Proteststurm erheben, die Nichtraucher-Organisationen würden ja Amok laufen.

Auf Ihrem aktuellen Plakat posieren Sie mit Zigarette in der Hand in einem Ruderboot.

Nicht absichtlich, das ist keine Botschaft.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie die Zigarette ganz zufällig in der Hand hatten?

Ja, so in etwa. Wir haben diese Fotos gemacht, das hat gedauert, und dann habe ich zwischendurch eben mal eine geraucht. Ich finde, es sieht gut aus, wie der Rauch so durch die Landschaft kräuselt, außerdem hat die rechte Hand was zum Festhalten – und so ist die Zigarette aus ganz profanen Gründen aufs Plakat gekommen. Ich habe auch schon böse Briefe von Nichtraucher-Organisationen bekommen, die mich als Knecht der Nikotin-Lobby bezeichnen. Das sehe ich nicht so dramatisch, es ist schließlich meine Privatangelegenheit.

Gleich nach unserem Interview rauchen Sie also noch eine – und gehen dann zum Sport. Die unbekannte Seite des Wilfried Schmickler?

Ich gehe nach Möglichkeit dreimal pro Woche in die Muckibude und mache dort das ganz normale Programm, das alle machen: ein bisschen Ausdauer und etwas Kraftsport. Schließlich habe ich neben dem Rauchen noch ein zweites Laster: Ich esse für mein Leben gern Süßigkeiten. Ich bin ein richtiger Schokoladenfresser, vor allem nachts, wenn man sich das Zeug eigentlich auch gleich um die Hüften binden könnte. Um das auszugleichen, muss ich einfach Sport machen. Mein Körpergefühl wird dadurch besser, ich habe mehr Spannung in den Armen und im Rücken. Aber es macht mir auch richtig Spaß, einfach ganz blöde ein paar Kilos wegzudrücken. Mittlerweile fehlt mir etwas, wenn ich es nicht mache.

Hilft der Sport auch, auf der Bühne die schier atemlose Empörung zu entwickeln, für die Sie bekannt sind? Dafür braucht man doch sicher eine bestimmte Sprech- und Atemtechnik...

Das habe ich nie gelernt. Ich habe halt den Vorteil, von der Natur mit einer relativ guten Sprechstimme ausgestattet worden zu sein. Was man damit machen kann, habe ich im Laufe der letzten 30 Jahre rausgekriegt: Schnell sprechen, leise sprechen und damit im Programm eine gewisse Spannung erzeugen.

Und haben nie Probleme damit gehabt?

Doch, einmal, und dann gleich richtig. Vor etwa zehn Jahren bin ich am Knie operiert worden...

Das ist Ihnen auf die Stimme geschlagen?

Ja, ich wachte nach der Operation auf und konnte nicht mehr sprechen. Man hatte mich in Vollnarkose versetzt und musste beim Beatmen dann mit einem Schlauch intubieren. Dabei haben sie mir beide Stimmbänder verletzt – und ich konnte nicht mehr sprechen. Ich bin aufgewacht und habe keinen Ton mehr rausgekriegt – es war der Horror, ich hatte Panik ohne Ende. Ich musste über Wochen und Monate hinweg jeden Morgen mühsam spülen und inhalieren, bis ich wieder so sprechen konnte wie vorher. Damals hat mir jemand zum Geburtstag Gesangsunterricht geschenkt. Ich wollte damit meine Technik verbessern.

Und?

Ich bin zweimal dahin gegangen – und es war derart ermüdend, dass ich es wieder gelassen habe.

Aber Sie konnten monatelang nicht auftreten?

Richtig, und es war eine Zeit lang fraglich, ob es überhaupt jemals wieder gehen würde. Das war schon eine sehr dramatische Situation für mich.

Haben Sie das Krankenhaus verklagt?

Wie sollte ich das machen? Die haben mir gesagt, es sei ein Notfall während der Narkose gewesen, die Intubation hätte sein müssen. Außerdem wurde die Verletzung in Zusammenhang mit dem Rauchen gebracht, weil sich angeblich irgendwas verkrampft hat. Das Risiko war halt da, und das hatte ich vorher ja auch unterschrieben. Aber wer rechnet schon damit: Du wirst am Knie operiert und kannst nachher nicht mehr sprechen...das war schon der Hammer.

Für einen Raucher wie Sie war dann die Loki-und-Helmut-Schmidt-Persiflage „Loki Für einen Raucher wie Sie war dann die Loki-und-Helmut-Schmidt-Persiflage „Loki & Smoky“ wohl die Traumrolle?amp; Smoky“ wohl die Traumrolle?

Vor allen Dingen für Uwe Lyko, der ja eigentlich Nichtraucher beziehungsweise ehemaliger Raucher ist. Der hat sich immer total darauf gefreut, wenn wir „Loki & Smoky“ gespielt haben. Er hat sich dann Zigaretten bei mir geschnorrt und wollte auch immer schon bei der Probe rauchen. Meinen Einwand, es würde doch reichen, wenn er die Zigarette bei der Probe nur in der Hand hält, hat er nicht akzeptiert. An diesen Abenden kam er immer auf drei oder vier Zigaretten –- und hat danach sofort wieder aufgehört. Das finde ich super – Leute, die das so dosieren können, bewundere ich.

Haben Sie überlegt, mit „Loki Haben Sie überlegt, mit „Loki & Smoky“ weiterzumachen, nachdem Loki Schmidt gestorben war?amp; Smoky“ weiterzumachen, nachdem Loki Schmidt gestorben war?

Keine Sekunde. Uns war sofort klar, dass wir damit nicht weitermachen können. Alles andere wäre pietät- und geschmacklos gewesen, auch wenn es uns einen Riesenspaß gemacht hatte.

Ist das Super-Wahljahr auch ein Super-Kabarettjahr?

Vor der Wahl liegt ja fast alles brach, die wichtigen Entscheidungen werden auf die Zeit nach der Wahl verschoben. Es gibt wenig Greifbares und damit auch wenig Angreifbares – damit kann man schlecht Kabarett machen. Aber – und da sehe ich mich mit einigen Kollegen wie Urban Priol und Erwin Pelzig in einem Boot – wir wollen möglichst viel dafür zu tun, dass die Wahlbeteiligung hoch ist. Die Leute sollen wählen, was sie wollen – Hauptsache, sie gehen hin.

Was wäre für Sie der denkbar dankbarste Wahlausgang?

Das ist mir mittlerweile egal. Ich weiß noch, wie wir nach dem rot-grünen Wahlsieg dachten, jetzt sei für uns Kabarettisten alles vorbei. Und was war? Rot-Grün war die enttäuschendste Regierung, die das Land jemals hatte – mit Hartz IV, Kriegseinsätzen und all dem Elend. Das tagespolitische Geschäft ist ja eh nur ein Teil des Programms.

Taugt Tagespolitik nicht mehr fürs Kabarett?

Die Säue, die durchs Dorf getrieben werden, werden immer schneller. Wenn heute rauskommt, dass CSU-Politiker in Bayern ihre Familienmitglieder auf Staatskosten versorgt haben, dann stehen in Deutschland schlagartig 150 Männer und Frauen bereit, das satirisch zu kommentieren – in Zeitungen, Fernsehen, Radio und Internet. Das Reservoir der Witze, die man darüber machen kann, ist aber begrenzt – da sind ganz schnell alle Bemerkungen schon mal gemacht worden.

Sehen Sie eigentlich häufiger Politiker in Ihrem Publikum?

Das gibt’s kaum noch. Die meisten Politiker haben heute ein derart anstrengendes Tagesprogramm, dass Ihnen dazu abends die Zeit und die Kraft nicht mehr reichen. Hannelore Kraft ist da eine Ausnahme, die kommt zwei- oder dreimal im Jahr zu den „Mitternachtsspitzen“. Ganz unscheinbar – sie kündigt sich nicht groß an, lässt ihre Bodyguards draußen, kommt sehr freundlich und bescheiden rein und macht sich einen schönen Abend.

Stellen Sie sich mal vor, Ihr ganz spezieller „Freund“ Dirk Niebel tauchte auf und wollte nach der Vorstellung ein Bier mit Ihnen trinken.

Also, den mag ich für sich nicht. Es gibt ein paar Politiker, da würde ich mich im Lokal an einen anderen Tisch setzen. Ich muss ja nicht mit jedem gut Freund sein.

Vor welchem Politiker ziehen Sie den Hut?

Vor einigen – um „Guten Tag“ zu sagen. Aber jemandem eine besondere Ehre zu erweisen, indem ich den Hut durch den Staub ziehe – das liegt mir nicht so. Nur weil einer seine Arbeit ordentlich macht, muss man ihn ja noch nicht besonders hofieren. Das wird schließlich von allen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in diesem Land erwartet. Und das erwarte ich auch von Politikern: Die haben einen Job, und den haben sie gefälligst gut zu machen.

Würden Sie bei großen Unternehmen auftreten?

Ich bin einmal in so eine Veranstaltung reingeschliddert – und habe gleich am nächsten Tag meinen Agenten angerufen und gesagt: Das machen wir nie wieder. Man kommt sich da vor wie so ein Tanzäffchen, in das man hinten fünf Euro reinschmeißt, damit es fünf Minuten rumkaspert, bis der Nächste wieder fünf Euro reinschmeißt. Das ist erbärmlich.

Wilfried Schmickler

wird am 28. November 1954 in Hitdorf (heute ein Stadtteil von Leverkusen) geboren. Er hat eine um ein Jahr ältere Schwester, seine Eltern arbeiten bei Bayer – der Vater als Chemielaborant, die Mutter als Verkäuferin im konzerneigenen Kaufhaus. In Leverkusen geht er auch zur Schule, schreibt für die Schülerzeitung, wird Schulsprecher und macht sein Abitur. Ein Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften bricht er schnell wieder ab.

Früh wendet sich Schmickler dem Theater zu, steigt 1989 als Nachfolger von Jürgen Becker beim Kabarett-Trio „3 Gestirn Köln 1“ ein und feiert damit erste Erfolge. Ab 2004 geht er mit Soloprogrammen auf Tournee und wird im Laufe der Jahre mit allen wichtigen Preisen seiner Branche ausgezeichnet, darunter der „Prix Pantheon“ (2007), Deutscher Kabarettpreis (2008), Deutscher Kleinkunstpreis (2009) und Salzburger Stier (2010). Schmickler zählt seit über zehn Jahren zum Stammpersonal der populären WDR-Satiresendung „Mitternachtsspitzen“ (Bild) und begeistert auf verschiedenen Wellen regelmäßig das WDR-Hörfunkpublikum.

Das 59-jährige Mitglied des Fußballklubs Fortuna Köln ist kinderlos verheiratet mit der Fotografin Ilona Klimek und lebt seit über 20 Jahren in der Kölner Südstadt.


0 Kommentare