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Interview mit unserer Zeitung „Zornige“ Sarah Wiener fragt: Würden Sie auf Sex verzichten?


Hamburg. Auf dem Tisch des versteckt liegenden Cafés im Hamburger Stadtteil Ottensen dampft vorzüglicher Café au Lait, natürlich mit Vorzugsmilch. Wenig später steht eine Katze neben der Tasse und versucht, etwas vom Schaum zu stibitzen. Starköchin, Stiftungsgründerin und Buchautorin ( „Zukunftsmenü“ ) Sarah Wiener vertreibt das Tier und spricht über die Notwendigkeit, vernünftig zu essen. So kämpferisch klang sie selten zuvor:

Frau Wiener, Sie haben mir heute schon ein schlechtes Gewissen gemacht.

Tatsächlich? Warum?

Ich hatte vorhin im Bahnhof Heißhunger auf eine Bratwurst, dachte dann aber: Das kannst du nicht bringen – dich gleich mit Sarah Wiener über Ernährung unterhalten und vorher eine fette Bratwurst verschlingen.

(lacht) Gegen eine Bratwurst ist doch nichts einzuwenden, wenn Sie wissen, was drinsteckt.

Wer weiß denn schon, was in der Bratwurst steckt, deren Duft einem gerade in die Nase zieht?

Warum bestrafen Sie sich dann, indem Sie etwas essen, von dem Sie gar nicht wissen, was es wirklich ist?

Das ist ja das Problem: Ich habe ja gar nicht das Gefühl, mich zu bestrafen, wenn ich in eine Bratwurst beiße – eher im Gegenteil.

Das ist so, weil Sie sich nicht wirklich mit dem ganzen Prozess ihres Bratwürstl auseinandergesetzt haben. Jetzt wird’s ein bisserl ungemütlich: Das Bratwürstl hat nämlich eine Vorgeschichte.

Und die geht…?

Meist fängt sie an bei in drängender Enge gehaltenen Schweinen, denen man die Schwänze und Zähne abgekniffen hat, weil sie Stress haben und nicht artgerecht gehalten werden. Sie stehen auf Spaltböden und dürfen ihren natürlichen Bedürfnissen, wie zum Beispiel das Wühlen in der Erde, nicht nachgehen. Sie bekommen als Allesfresser oft sterilisiertes, mit Antibiotika angereichertes gemahlenes „Kraftfutter“, das sind oft Industrieabfälle vom Schlachthof und anderen Produktionen wie Reste der Nahrungsmittelindustrie, Brauereien, Ölindustrie und so weiter. Und sie werden dann über weite Strecken zum Schlachthof gekarrt, sehen zum ersten Mal Sonnenlicht und fahren elend lang durchs Land. Am Ende werden sie im Akkord geschlachtet und zum Beispiel zum Bratwürstl verarbeitet. Von den Gülleproblemen, die unsere Böden zerstören, und dem Gestank gar nicht zu reden, die so eine Massentierhaltung mit sich bringt.

Also nie wieder Bratwurst?

Das Würstl ist ein tolles Produkt. Da kann man vieles hineinverarbeiten. Viel Sinnvolles. Das ist aber vielleicht für mich etwas anderes als für eine Industrie, die billig produzieren will und muss. Um es schön rosa und lange haltbar zu erhalten, muss man ein bisschen mit Chemie nachhelfen. Die Konsistenz und der Geschmack sollen sich ja auch nicht ändern. Wenn sie also in das Bratwürstl mit Genuss beißen, dann essen sie das alles mit. Und nebenbei noch viel mehr, aber das würde jetzt zu weit führen.

In Ihrem Buch gestehen Sie aber auch ein, dass Sie als Kind die Bratwürstl und die krossen Bratkartoffeln Ihrer Mutter geliebt haben. Wussten Sie damals, was drin ist?

Die liebe ich noch immer! Damals habe ich mich überhaupt nicht damit beschäftigt. Für mich waren Lebensmittel etwas, das von kleinbäuerlichen Höfen direkt in die Läden gekommen ist. Ich hätte nicht im Geringsten vermutet, dass mein Bratwürstl vielleicht aus einem Großbetrieb, gar einer Industrieanlage kommt, in der Schweine und Kühe nicht artgerecht gefüttert werden, ihnen die lebendigen Hörner abgeschnitten werden, den Schweinen ohne Betäubung die Schwänze abgekniffen werden, dass die Tiere vielleicht degenerativ unfruchtbar, auf eine einzige Eigenschaft gezüchtet und künstlich befruchtet sind, dass diese armen Kühe – und die Schweine erst recht – vielleicht noch nie die Sonne und den Wind gespürt und noch nie auf einer Weide gestanden haben. Das sind ja alles Dinge, von denen wir erst in den letzten Jahrzehnten erfahren haben. Aber ich erinnere mich noch, wie ich mich als 16-Jährige darüber empört habe, dass man Hormone im Fleisch gefunden hat.

Sie haben also früh ein Gespür für Lebensmittel entwickelt. Aber diejenigen, die sich mit 30 oder 40 immer noch schlecht ernähren, sind doch gar nicht mehr zu überzeugen, oder?

Das finde ich nicht. Ich merke schon, dass viele Menschen auch in diesem Alter ihre Ernährungsgewohnheiten ändern. Ändern wollen. Wir wollen doch genussvoll in ein Schnitzel reinbeißen, Lebensmittel, die uns nähren und gesund erhalten. Niemand will doch 360 chemische Zusatzstoffe essen oder mit Pestiziden und Fungiziden getränkte Nahrung zu sich nehmen. Wir wollen klares Wasser und gesunde Böden für künftige Generationen. Meine Empörung ist nicht nur eine ideelle und moralische, sondern auch eine hinwendende und notwendige, weil wir in einer Sackgasse stehen.

Es ist allerdings nicht ganz leicht, sich nach Ihren Kriterien vernünftig zu ernähren. Ich habe vorhin zwar auf die Bratwurst verzichtet, aber im gesamten Hamburger Hauptbahnhof nichts gefunden, womit ich meinen Hunger hätte stillen und gleichzeitig bei Ihnen ein paar Punkte hätte sammeln können.

Das ist doch traurig. Wir haben uns entkoppelt von natürlichen, gesunden, handwerklich hergestellten Grundnahrungsmitteln. Vom Bauern, dem wir ins Auge schauen und nachfragen können. Wo gibt es heute noch den Metzger, dessen Wurst anders schmeckt als im nächsten Laden, den Bäcker, der ein vernünftiges Sauerteigbrot und selbst gemachten Kuchen anbietet? Stattdessen werden wir überflutet mit chemisch stark verarbeiteten Nahrungsmitteln. Mit Einkaufsstellen, die keine Fachverkäufer(innen) mehr haben. Aus diesem Einheitsmeer ragen nur noch ganz wenige Inseln der Qualität und des Geschmacks heraus. Auf diesen Inseln müssen wir versuchen, wieder Land zu gewinnen.

Einspruch. Die Zahl der Menschen, die sich vernünftig ernähren wollen, wächst doch von Jahr zu Jahr.

Na ja, der Anteil des ökologischen Anbaus beträgt gerade mal vier Prozent. Der Ökolandbau wird von der Politik im Gegensatz zur Agroindustrie kaum gefördert. Sicher gibt es eine Sehnsucht nach dem Natürlichen und Ursprünglichen, aber die wird meist von einer Industrie befriedigt, die in sich einfach nicht stimmig ist. Bio-Erdbeeren aus China sind einfach das falsche Signal. Wir vertrauen Konzernen, die ihre eigene Gewinnmaximierung im Blick haben.

Sind nicht auch deren Kunden schuld?

Es gibt ein unglaubliches Desinteresse unsererseits, wir delegieren, wir sind träge Tiere, denen es schon oft zu unbequem ist, mal den nächsten vernünftigen Laden um die Ecke aufzusuchen. Wir wollen billig einkaufen und ignorieren den tatsächlichen Preis, den wir alle zahlen müssen. Ökologische Lebensmittel aus der Region zu kaufen und zu essen sind die billigsten Lebensmittel überhaupt: Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis, wir fördern unseren Nachbarn und bewahren unsere Umwelt für alle. Unsere Agroindustrie wird weltweit stark subventioniert, Gesetze und Vorschriften begünstigen die Großkonzerne, da können kleine Betriebe bei den vielen Auflagen und Vorschriften gar nicht mehr mithalten. Das ist auch nicht gewollt. Da steht David gegen Goliath.

Wie streng sind Sie eigentlich mit sich selbst? Gönnen Sie sich ab und zu mal etwas, das Sie bei allem, was Sie schreiben und sagen, niemals in den Mund nehmen dürften?

Oh Gott, ich bin zügellos und gierig und liebe es, gut zu essen! Ich glaube, Sie unterliegen den bunten Werbebildern, die ihnen vorgaukeln, dass sie erst vollwertiger Teil der Gesellschaft sind, wenn sie bestimmte abgepackte, schwer zu verarbeitende Nahrungsmittel kaufen, die sie glücklicher machen werden. Hm. Wenn ich auf den Markt gehe, ist das für mich ein Genuss. Hier, sehen Sie mal: Ich habe heute frischen Rhabarber, Rauke und Spargel gekauft – und es wird mir eine Freude sein, es gleich zuzubereiten. Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Ich weiß, woher es kommt, es ist frisch, schmeckt kräftig und jeden Tag ein bisschen anders – für mich ist das ein sinnliches Vergnügen.

Aber nicht immer und überall verfügbar.Es gibt auch Tage wie gestern, da habe ich neun Stunden im Zug gesessen und natürlich gegessen, was da angeboten wurde.

Wenn ich Lust auf etwas picksüßes Künstliches habe, dann esse ich das auch. Dann esse ich es sehr bewusst und bleibe – hoffentlich – befriedigt zurück für eine lange Zeit, denn hernach habe ich kein Bedürfnis mehr, gleich nochmals so etwas zu essen. Ich bin ja nicht angetreten, um mönchischen Verzicht zu propagieren oder vorzuführen, dass ich disziplinierter bin als alle anderen. Das bin ich nämlich nicht, sondern gierig und maßlos. Ich liebe es, gut zu essen, und esse auch viel zu schnell. Der Weg ist doch das Ziel. Ein bisschen bewusster herumzuschauen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Vor allen Dingen: Sich klar darüber werden, was wir überhaupt essen!

Sie kauen also nicht 30-mal auf jedem Bissen rum?

Leider nein. Ganz selten, aber immerhin kaue ich. Etwas lang kauen zu können ist ein Qualitätsmerkmal. Und natürlich ist es das größere Vergnügen, wenn man etwas kocht, von dem man weiß, was es ist, als wenn ich irgendeine Verpackung aufreiße, den Inhalt in einen Ofen oder eine Mikrowelle kippe und es dann ganz schnell herunterschlingen muss, weil man es kalt nicht mehr runterkriegt.

Ist es ein Indiz, dass etwas Gutes auch kalt schmecken muss?

Für mich ist es ein Indiz, wie etwas schmeckt, wenn man es bei Zimmertemperatur isst, egal ob es vorher gekocht oder gekühlt wurde. Sie werden sich wundern, was alles bei dieser Temperatur kaum essbar ist, das eiskalt oder brüllend heiß noch als Genuss daherkam.

Ihr Buch wirkt in manchen Teilen durchaus zornig.

Dabei habe ich versucht, meine Emotionen so weit wie möglich zu mildern. (lacht) Aber es stimmt, ich bin auch zornig. Weil ich jahrzehntelang Dinge vorgesetzt bekommen habe, die die Natur schädigen, für die Tiere grausam behandelt werden, die meinem Körper nicht guttun, meinen Geschmack verschlammen, mich abhängig machen und mir auch noch vorgaukeln, ich würde mir etwas Gutes tun. Ich wusste nichts von den Auswirkungen auf andere Länder und Menschen, vom verantwortungslosen Umgang mit Wasser oder von Medikamentenmissbrauch. Diese ganze Lebensmittellobby und Agroindustrie hat uns nie offen gesagt, was sie da wirklich tut und uns vorsetzt. Ich finde schon, dass man da zornig werden kann.

Sie schreiben, wer im Supermarkt Bio-Produkte kaufe, mache sich etwas vor. Zu der Sorte Leute gehöre ich auch und frage mich jetzt: Wozu gibt’s dann überhaupt diese Bio-Siegel?

Bio-Siegel sind ja nichts anderes als ein Geländer in einem Sumpf, von dem wir nicht mehr wissen, wo der Weg entlangführen sollte. Sie geben uns eine gewisse Orientierung, Sicherheit und Standards, die es sonst überhaupt nicht gäbe. Insofern sind die Siegel zwar eine Krücke, aber immer noch besser als gar nichts. Besser 3000 Hühner im Stall als 20000 und Medikamente. 3000 ist aber auch nicht wesensgerecht. Es gibt allerdings auch Siegel, denen ich sehr vertraue, zum Beispiel Demeter und Bioland. Eu bio ist für einen Städter, der seine Bauern nicht mehr kennt, auch im schlechtesten Fall immerhin sinnvolle Orientierung.

Die Siegel weisen uns also den Weg zum geringeren Übel?

So würde ich das sehen. Wir wissen, dass beim EU-Biosiegel die Tiere nicht mit Antibiotika behandelt werden, keine Pestizide auf die Pflanzen gespritzt werden dürfen und kein Mineraldünger eingesetzt werden darf. Das sind ja schon ganz große Fortschritte. Sicher ist gerade in der Geflügelhaltung auch Bio nicht der Idealzustand, aber es ist eben besser als die allgemeine konventionelle Haltung.

Dennoch werde ich stutzig, wenn ein Bio-Ei im Supermarkt genauso wenig kostet wie auf dem Wochenmarkt ein „normales“.

Ich höre schon wieder die Leute aufschreien: Die Multimillionärin – die ich gern wäre – propagiert, dass das Essen teurer werden soll. Aber Fakt ist: Wir werfen fast die Hälfte unserer Lebensmittel in die Tonne. Und Fakt ist auch: Wir zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Euro für eine Kugel Eis und sind nicht gewillt, 40 Cent für ein Ei auszugeben. Da stimmt doch etwas nicht, wenn solche Lebensmittel nichts mehr wert sind. Wieso investieren wir lieber in eine Limousine, als unseren eigenen Körper als Limousine zu betrachten und darin zu investieren?

Was muss sich ändern?

Meiner Meinung nach im Grunde das ganze System. Wenn Monokulturen den Boden zerstören, Regenwald dafür abgeholzt wird, Kleinbauern vertrieben oder ins Elend gestürzt werden und Landfrüchte nur durch Pestizide rentabel abgeerntet werden können, um damit wesensfremd unsere Massen an Nutztieren zu füttern, die dann beim Discounter verramscht werden – dann ist die Frage doch: Was essen wir eigentlich, wenn die Böden kaputt sind?

Darüber machen sich viele Menschen aber keine Gedanken.

Natürlich kann man sagen, es sei jedermanns Privatvergnügen, wenn er zum Discounter geht und jeden Tag ein Huhn für drei Euro, seine Fertigpizza, seinen Analogkäse, monatelang haltbar gemachte H-Milch und ein Kilo Nackensteak mitnimmt. Wenn ich aber sehe, dass dieses Verhalten unmittelbare Auswirkungen auf die Zukunft meiner Kinder und Nachbarskinder hat, die Böden erodiert, Tierleid verursacht, den Getreidehandel an den Börsen begünstigt und dadurch Ursache für die Hungersnot anderer Menschen ist, dann ist das kein Privatvergnügen mehr. Wir sind einfach zu viele geworden und müssen solidarischer handeln.

Nehmen wir mal eine ganz normale Hühnerbrühe…

Gutes Beispiel. Man reißt einen Beutel auf, hat irgendein püriertes Pulver, das unsere Großmütter nicht als Nahrung erkannt hätten, schüttet es in einen Liter kochendes Wasser und bekommt eine stark riechende hühnersuppenähnliche Konsistenz, die auch noch so gut wie nichts kostet.

Was ist so schlimm daran?

Fragen Sie sich mal, wie viel Huhn in diesem ganzen Liter stark duftender Suppe ist. Es sind zwei Gramm Trockenfleisch. Da fragt man sich doch: Was ist da sonst noch drin, dass es so stark riecht und schmeckt? Das sind dann Geschmacksverstärker, modifizierte Stärke, Schwebstoffe, Aroma und vieles mehr. Und für diese 30-Cent-Suppe ist Hühnerfutter angebaut worden, Hühnerställe wurden gebaut, der Bauer, die Ernte, das Lager und der Transport müssen auch bezahlt werden, ebenso wie die Verpackung, die Industrieanlage, die Chemiker, die Etikette, die künstlichen Inhaltsstoffe und der Transport in den Supermarkt, wo auch noch die Verkäufer und der Inhaber was verdienen wollen.

Klingt nicht nach 30-Cent-Suppe…

Wie kann man sich bei diesem ganzen Verbrauch von Ressourcen dann noch sagen, das sei aber günstig und habe noch irgendeine Qualität? Wenn aber diese künstliche Suppe als Hühnersuppe gehandelt wird, wer wird dann noch wahre Hühnersuppe erkennen und erschmecken können? Geschweige denn nachfragen und kochen?

Selbst kochen ist Ihre Alternative – aber wir leben in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer mehr arbeiten und immer weniger Zeit haben fürs Kochen.

Das ist ja ein Argument. Solange wir essen müssen, sollten wir auch in der Lage sein, selbst kochen zu können. Vergleichen wir es mal mit anderen natürlichen Tätigkeiten: Würden Sie auf Sex verzichten, weil es heute auch andere Möglichkeiten gibt, Kinder zu zeugen? Wollen wir uns alle nur noch in Spermalaboren treffen, um Kinder auf die Welt zu bringen?

Apropos Sex: In unserer Gesellschaft gibt es immer mehr Singles – und für sich allein zu kochen macht einfach nicht so viel Spaß, das sagen Sie doch auch.

Man muss ja nicht immer kochen, es geht ja auch mal eine gute Scheibe Brot mit ein bisschen Rohmilchkäse und ein paar Radischen. Man muss auch nicht jeden Tag frisch kochen oder ein Fünf-Gänge-Menü zubereiten – diesen Druck machen wir uns ja selbst. Aber Kochen per se ist doch so befriedigend, kreativ und das eigene Selbstwertgefühl stärkend, einer der wenigen Momente, in denen man noch alle Sinne einsetzen kann. Die Haptik, der Geruch, der Geschmack, das Gehör – das erleben wir in unserer wilden Welt doch sonst gar nicht mehr.

Nächstes „Ja, aber“: Wenn ich abends nach zehn oder elf Stunden Arbeit nach Hause komme, ist es mir oft zu spät und zu anstrengend, noch etwas zu kochen.

Jetzt mal ehrlich: Ein paar Kartoffeln ins Wasser zu werfen, dazu einen Kräuterquark zu machen, eine Karotte klein zu raspeln und einen Fenchel klein zu schneiden – das dauert bei aller Liebe eine Viertelstunde. Wenn Sie etwas auftauen, haben Sie es auch nicht schneller auf dem Teller. Und wenn Sie sagen, dazu hätten Sie keine Zeit, dann haben Sie auch keinen Hunger. Dann lassen Sie doch das Essen. Oder essen Sie einen Apfel.

Haben Sie mal mit einem Ihrer vielen prominenten Kollegen diskutiert, die als Spitzenköche gelten und für Fertiggerichte Werbung machen?

Nein, das habe ich nicht. Die haben ganz offensichtlich ganz andere Interessen und Prioritäten als ich, sonst würden sie diese Werbung nicht machen. Da hat jeder seine eigene Verantwortung.

Haben Sie denn die Essgewohnheiten Ihres Mannes verändert?

Die mussten nicht verändert werden, die waren schon super. Wenn er heute nach Hause käme und lieber ein Fertiggericht isst als das, was ich koche, dann müsste ich mich natürlich fragen, was mit meiner Kochkunst los ist. Aber selbst wenn ich nicht da bin, würde er ein Fertiggericht nicht als Belohnung, sondern eher als Bestrafung empfinden. Na ja, denke ich zumindest (lacht).

Belohnen – bestrafen. Sind das die Pole beim Essen?

Nicht nur beim Essen. Wenn ich einkaufen gehe und kochen darf, dann freue ich mich, dann geht bei mir das Belohnungszentrum an. Es ist für mich eine innere Befriedigung, ich entspanne und erde mich in meiner Küche, höre vielleicht noch Musik dabei. Aber wenn Sie mir jetzt anbieten, ich dürfte mir so viele Fertigprodukte aussuchen, wie ich mag, dann wäre das für mich keine Belohnung. Ich weiß einfach zu viel darüber.

Dann suchen Sie sich mal drei Dinge aus, von denen Sie gern mehr in den Supermärkten sehen würden.

Kontrollierte unverarbeitete Rohmilch, mehr Glas statt Plastik und Transparenz bei den Etiketten. Keine Fotos, die mich täuschen, und ein Ampelsystem, das mir zeigt: Hier ist enorm viel Zucker oder Fett drin.

Und was würden Sie am liebsten verbannen?

Desinfiziersprays – Essig tut’s auch, H-Milch und Brot in Plastikverpackungen.

Warum H-Milch?

Weil H-Milch ein Kunstprodukt, eine weiße Flüssigkeit ist, die unser Körper nicht als Milch erkennt. Sie ist weder heilend noch stärkend, noch hat sie irgendwelche positiven Wirkstoffe. Frische Milch aus der Kuh gemolken schmeckt je nach Region, Futter und Jahreszeit immer unterschiedlich. Sahnig süß, nach den Kräutern, die sie gegessen hat.
Sie war ein Heilmittel für Kin-
der und Kranke. Wer weiß
das heute noch? Ein unglaublicher Verlust! Dafür steigen die Milchunverträglichkeiten. Ist das Zufall?

Besteht nicht die Gefahr, dass Sie mit Ihrem Buch nur diejenigen erreichen, die ohnehin schon auf Ihrer Seite sind – aber nicht diejenigen, die es viel nötiger hätten?

Ich habe wirklich versucht, ein nicht zu anstrengendes, aber unterhaltsames wissenschaftliches Buch zu schreiben und auch nicht nur zu wettern, sondern positive und lustvolle Ansätze für eine vernünftige Ernährung aufzuzeigen. Viele Fotos gibt’s auch.

Aber werden Sie den ausgewiesenen Bratwurst- und Frittenfreak damit erreichen?

Ich habe das Buch aus einem inneren Bedürfnis und einer Not heraus geschrieben. Ich möchte Menschen, die ein bisschen achtsamer mit sich und ihrem Leben umgehen, eine Hilfe, einen Ratgeber und ein Aufklärungsbuch an die Hand geben. Aber ganz klar: Es wird immer viele Leute geben, die vom Gegenteil überzeugt sind und denken, mehr Technik werde die Natur ersetzen können. Oder – noch schlimmer – Leute, die manche Dinge einfach nicht wissen möchten. Nur der informierte Mensch kann aber Eigenverantwortung ausüben und nicht manipuliert werden. Es ist doch wichtig, dieses ganze System zu beleuchten und mal ganz anders zu denken, auch wenn ich nicht die große Lösung habe. Aber man muss doch mal einen Anfang machen – weiterzumachen wie bisher ist keine Option.

Ist die Gedankenlosigkeit vieler Menschen beim Essen das größte Problem?

Es ist ein Mix, zu dem sicher die Gedankenlosigkeit gehört, aber auch die Verführung, die Gut- und Leichtgläubigkeit, Bequemlichkeit, Gier und Statusdenken. Manch einer denkt ja, er sei jemand, wenn er am Tag 300 Gramm Fleisch isst – ohne darüber nachzudenken, was das mit der Welt macht.

Wir sprachen vorhin über Ihr Belohnungszentrum – wann springt das denn an, wenn Sie bekocht werden?

Bekocht zu werden ist schon deshalb schön, weil es ein unmittelbarer Akt der Liebe ist, der auf unaufgeregte, sanfte, stille Art transportiert wird. Allein, dass sich jemand die Mühe macht, für jemand anderen zu kochen, das ehre ich.

Wir haben mit Bratwurst angefangen – lassen Sie uns mit Roter Bete aufhören. Ich weiß, dass die Dinger gesund sind, aber ich kriege sie einfach nicht durch den Hals. Was kann ich da tun?

Dann essen Sie die nicht. Warum sollten Sie? Gesund essen heißt auch immer: genussvoll und befriedigt essen. Essen ist doch keine Bestrafung, sondern pure Lebensfreude, die neben meinem Körper auch meine Seele und meinen Geist nährt.

Sarah Wiener

wird am 27. August 1962 in Halle/Westfalen als zweites von drei Kindern des Literaten, Kulturphilosophen, Jazzmusikers und späteren Gastronomen Oswald Wiener sowie der Künstlerin Lore Heuermann geboren. Ihr Vater, bekannt unter dem Namen „Ossi“, geht in den 70er-Jahren als Kneipier nach Berlin-Kreuzberg. Die Ehe ihrer Eltern wird 1964 geschieden, mit ihren Geschwistern Una und Adam wächst sie bei ihrer Mutter in Wien auf.

Das Kind besucht ein Wiener Mädcheninternat – und verlässt es noch vor dem Abschluss. Sie sei ein „unglückliches, zorniges, faules, melancholisches Kind gewesen, das sich „keinem Druck“ beuge wollte, erzählt Wiener später in einem Interview.

Ohne Schulabschluss und Ausbildung kämpft sie sich in den folgenden Jahren durchs Leben, trampt durch Europa und landet sie schließlich mit Anfang 20 in Berlin, wo sie mit ihrem Sohn zunächst von Sozialhilfe lebt.

Zum Kochen kommt Sarah Wiener eher durch Zufall. In der von ihrem Vater betriebenen legendären Szene-Kneipe „Exil“ in Berlin-Kreuzberg fertigt sie Kuchen und Torten, außerdem bekocht sie Mitarbeiter einer Werbeagentur. 1990 kauft sie sich einen alten Küchenwagen aus ehemaligen NVA-Beständen und versorgt erstmals eine Filmcrew während deren Dreharbeiten in Polen.

Nach und nach macht sich Sarah Wiener mit ihrer mobilen Küche einen Namen vor allem bei Filmschaffenden und Popgrößen. Sie kocht auf Filmsets und hinter Bühnen im In- und Ausland für die Prominenz, von Maximillian Schell über Tobias Moretti bis zu Kate Moss.

Als sie 2004 durch ihre Mitwirkung als gestrenge Mamsell in der ARD-Geschichts-Doku „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ bundesweit bekannt wird, betreibt Sarah Wiener in Berlin bereits drei eigene Restaurants und beschäftigt rund 100 Mitarbeiter. Durch ihre Präsenz bei den Koch-Specials der „Johannes B. Kerner Show“ wird sie noch bekannter, mittlerweile sieht sie sich selbst nicht mehr nur als Köchin, sondern vielmehr als Unternehmerin. 2007 gründet sie ihre „Sarah Wiener Stiftung“, die den Untertitel „Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“ trägt und mittlerweile mit bundesweit rund 500 Partnerschulen und -kitas zusammenarbeitet. Im Fernsehen macht sie sich mit Sendungen wie „Sarah und die Küchenkinder“ für die kleinen Esser stark. Auch in ihrem neuen Buch „Zukunftsmenü“ setzt sich die Köchin kämpferisch für eine gesunde und vernünftige Ernährung ein.

2008 heiratet Sarah Wiener den Schauspieler Peter Lohmeyer (Bild), der aus früheren Beziehungen vier Kinder hat. Das Paar lebt in Berlin und Hamburg.


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