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Im Kino: Jäger des Augenblicks Die Extremkletterer Glowacz und Heuber sprechen vom Tod an der Steilwand

Von Daniel Benedict


Osnabrück.Die Extremkletterer Stefan Glowacz und Holger Heuber trotzen an der Setilwand dem Tod. Ihr Bergfreund Kurt Albert ist kürzlich nach einem Routinefehler gestorben. Die gemeinsame Expedition zum Roirama setzen sie allein fort. Davon erzählt ihr Kinofilm „Jäger des Augenblicks“. Im Interview stellen Glowacz und Heuber ihn vor.

Den ersten Versuch, die Steilwand des Roirama zu erklettern, machten die Extremsportler Stefan Glowacz und Holger Heuber noch gemeinsam mit Kurt Albert. Gelungen ist die Expedition im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guyana erst im zweiten Anlauf. Da war Albert schon tot. Nach einem Routinefehler war er in der Oberpfalz aus 18 Meter Höhe gestürzt und an seinen Verletzungen gestorben. Der aktuelle Kinofilm „Jäger des Augenblicks“ wurde so zum Denkmal für den Freund und legendären Kletterer. Im Interview sprechen Glowacz und Heuber von dem Unfall und ihrem Verhältnis zum Tod.

Herr Glowacz, Bergsteiger taufen die Routen ihrer Erstbesteigungen. Ihre heißen: „The Lost World“, „Vom Winde verweht“, „Take the long way home“ oder aktuell „Behind the Rainbow“. Haben Sie eine poetische Ader?

Glowacz: Uns ist es wichtig, einen Zusammenhang herzustellen. „Take the Long Way Home“ bezeichnet eine Tour in Baffin Island, bei der wir nach dem Klettern 450 Kilometer zurück in die Zivilisation marschiert sind. Und am Roraima zog hinter uns jeden Tag ein Regenbogen auf. „Behind the Rainbow“ meint hier aber auch das Leben von unserem Freund Kurt Albert, der den Abschluss der Expedition nicht mehr erlebt hat. Es gibt ein Foto, wo er die Arme ausbreitet, als würde er den Regenbogen mit den Händen halten. Sein Leben war genauso schillernd.

Er selbst hat wüstere Tournamen erfunden: „Entsafter“, „Eraserhead“, „Sautanz.

Glowacz: Das war halt die Sturm-und-Drang-Zeit des Kletterns, als diese Namen entstanden sind.

Bei Ihren Expeditionen stoßen Sie auf Kulturen, denen die Berge heilig sind. Empfinden Sie es selbst auch so?

Glowacz: Man respektiert es natürlich. Als wir in Venezuela den Acopan-Tepui bestiegen haben, ist vorher das Dorf zusammengekommen und hat beratschlagt, ob wir überhaupt klettern dürfen. Bei einem Nein wäre die Expedition hier zu Ende gewesen. Wir lassen uns zu den Bergen nicht anfliegen, sondern wir suchen eine echte Annäherung – die Begegnung mit den Einheimischen, mit ihrer Demut gegenüber der Natur gehört dazu.

Ist es nicht auch für Sie eine spirituelle Erfahrung, wenn Sie sich als winziger Mensch der gewaltigen, Millionen Jahre alten Wand ausliefern?

Glowacz: Schon. Darum heißt unser Film ja „Jäger des Augenblicks“, weil wir eben diese ganz besonderen Augenblicke suchen. Der Alltag zieht an dir vorüber; am Donnerstag weißt du nicht mehr, was du Montag gegessen hast. Je intensiver die Erlebnisse, umso dauerhafter. Ich weiß nicht, ob das spirituell ist. Aber am Berg bist du ganz bei dir.

Sie sind nicht nur bei sich, sondern immer auch beieinander. Was tun Sie, wenn Sie mal verschwinden müssen?

Heuber: Am Berg macht man zwei Wochen alles gemeinsam.

Glowacz: Man darf nicht scheu sein. Zumal die Bedürfnisse am Berg genau geregelt sind: Das kleine Geschäft darf man schon wild erledigen. Für das größere hat man kompostierbare Tüten dabei, die man dann zum Verrotten nach unten wirft. Es gibt aber auch Berge, an denen so viel Verkehr ist, dass selbst die Tüten verboten sind. Dann nimmt man ein langes Plexiglas-Rohr mit, in dem man die Tüten mitsamt der Hinterlassenschaft während der ganzen Tour mittransportiert.

Wie schlafen Sie am Felsen?

Heuber: Kopf an Fuß. Wir haben ein sogenanntes Portaledge, eine Plattform mit Zeltplane. Das ist für zwei Personen einen knappen Meter breit; sobald der Nachbar sich bewegt, kriegt man’s mit der Angst zu tun. Man muss hier um des Gleichgewichtes willen alles gemeinsam machen: Das Portaledge ist an einer einzigen zentralen Aufhängung befestigt.

Am Berg leben Sie in engster Intimität und teilen die intensivsten Momente miteinander. Sind Ihre Frauen eifersüchtig?

Glowacz: Das geht gar nicht. Wenn du mir das Klettern wegnehmen würdest, dann wäre ich nicht mehr ich selbst – und damit auch nicht mehr der, in den meine Frau sich verliebt hat.

Sprechen Sie darüber, dass auch Sie wie Ihr Freund Kurt in den Tod stürzen könnten?

Glowacz: Das gehört eben zu meinem Leben dazu. Meine Frau sieht das auch so. Das ist dann halt Schicksal.

Und dass es Kurt Albert passiert ist, ändert nichts?

Glowacz: Wir haben das Klettern auch nach dem Tod vom Kurt keine Sekunde infrage gestellt. Dem Holger ist es schwergefallen, dass wir schon zwei Wochen nach der Beerdigung die Tour fortgesetzt hatten; da musste ich ein bisschen überreden. Aber du setzt dich dein ganzes Leben mit der Gefahr auseinander. Wir brauchen keine Anlässe, um darüber nachzudenken. Schuld am Tod vom Kurt war ein Routinefehler. Die Quintessenz aus dem Unfall ist für uns: Sicherheit darf kein Automatismus werden. Kurts Tod war vermeidbar.

Woher weiß man denn von den Unfallumständen. Konnte er noch darüber sprechen?

Glowacz: Das nicht. Er ist zwar erst im Krankenhaus gestorben, aber gleich nach dem Sturz war er so schwer verletzt, dass er nicht mehr zu Bewusstsein kam. Es kann aber nur so gewesen sein, dass eine Leine auf den Karabiner gedrückt und ihn geöffnet hat. Das wissen wir, weil
der Karabiner noch in der Wand war.

Der Film zeigt Sie an der
Kante über der Steilwand.
Man kriegt schon beim
Zusehen Angst.

Glowacz: Das geht uns genauso. Die Tiefe zieht einen an. Das saugt. Bis ganz an die Kante können wir gar nicht rangehen.

Wie halten Sie es dann 13 Tage lang an der Wand aus?

Glowacz: An der Wand ist das kein Problem. Das endet, sobald du angeseilt bist.

Wie ist es, im Film Ihre Griff-Folgen noch einmal zu sehen?

Glowacz: Die Griff-Folgen haben wir sowieso immer vor Augen. Die Schlüsselstelle vom Roraima könnte ich hier noch aus dem Gedächtnis vorklettern.

Ihren Stil bezeichnen Sie als Klettern „by fair means“: Sport mit fairen Mitteln. Wem gegenüber wollen Sie fair sein?

Glowacz: Das kommt aus dem Höhenbergsteigen. Damit wird die Begehung ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff bezeichnet, ohne Hilfsmittel, die die eigene Leistungsfähigkeit steigern. Man würde ja auch nicht mit einem Gummiband Klimmzüge machen.

Könnte man mit dieser Begründung nicht auch auf Schuhe verzichten? Wo zieht man denn die Grenze?

Glowacz: Man könnte auch nackert auf den Berg steigen. Ohne Schuhe würde einem allerdings die Haut in Fetzen runterhängen.

Heuber: Aber es ist schon richtig – „by fair means“ ist kein Regelbegriff. Beim Rotpunkt-Klettern gibt es ganz klare Regeln: Wenn das Sicherungsseil belastet wird, ist es kein Rotpunkt mehr. Beim Klettern „by fair means“ sind die Ausschlusskriterien nicht so trennscharf; es geht darum, die Wand aus eigener Kraft zu bewältigen. Unsere Zielsetzung ist es, beim ganzen Unternehmen auf Hilfsmittel zu verzichten: kein Motorschlitten, kein Helikopter. Wir versuchen vom letzten Punkt der Zivilisation aus zum Fels und zurück zu kommen, von dort, wo die Straße aufhört.

Wie wichtig ist der Rekordgedanke, die Erstbesteigung?

Glowacz: Überhaupt nicht. Null. Für uns ist nur wichtig, dass die Region und die Wand uns beide begeistern. Am Roraima waren vor uns schon die Engländer. Wir könnten die Tour, die wir diesmal in zwei Etappen gemacht haben, noch einmal in einem Stück klettern. Aber das bedeutet nichts.

Was macht eine ideale Wand aus? Und gibt es auch Partien, die einen Kletterer nerven?

Glowacz: Eine Wand muss eine gewisse Ästhetik haben; so ein Fels ist ja wie eine Skulptur.

Auf bestimmte Schwierigkeiten legen Sie es aber nicht an?

Heuber: Selbst wenn – danach kann man nicht auswählen. Man weiß nicht, was einen in 500 Meter Höhe erwartet. Dadurch ist eine Erstbegehung dann doch das Spannendste. Was uns nervt: viel Gras, viel Grünzeug, viel Moos, Kakteen, Wasser. Solche Sachen machen eine Wand unattraktiv. Je besser die Felsqualität, je steiler die Wand, je höher die senkrechte Fläche, desto spannender wird die Tour.

Sie machen am Berg Notizen. Für die eigene Technik oder zur Dokumentation?

Glowacz: Schon zur Dokumentation. Solche Aufzeichnungen sind die einzige Möglichkeit, um Transparenz herzustellen. Ich könnte sonst ja viel erzählen. Unten kann keiner nachvollziehen, ob wir es wirklich sauber mit Rotpunkt-Klettern geschafft oder ob wir uns technisch die Wand hochgebohrt haben.

Heuber: Es wird schon immer wieder geschwindelt – und es fliegt auch immer wieder auf.

Glowacz: Vor ein paar Jahren hat einer behauptet, er sei in Rekordzeit auf den K2 gerannt; er hat sogar irgendwelche Bilder
im Schneetreiben gezeigt. Zuerst ist dann aufgefallen, dass das Foto einen anderen Berg zeigt. Dann hat sich herausgestellt, dass der Rekord-Sportler das Basislager gar nicht verlassen hatte. Der ist geteert und gefedert worden.

Heuber: Es muss unerträglich sein, sich für eine Lüge feiern zu lassen. Aber es gibt halt Leute, für die die Anerkennung wichtiger ist als das Sportliche. Es kommt aber keiner damit durch. Irgendwann wird jemand dieselbe Tour klettern. Und der sieht das ja: Wenn jemand sich hochgebohrt hat, sind die Löcher da. Und wenn so was auffliegt, wird alles angezweifelt, was man gemacht hat.

Was kommt als Nächstes?

Glowacz: Die Frage stellen wir uns auch. Wir waren in Grönland, auf Baffin Island, im Urwald – alles „by fair means“. Wir müssen uns was Neues ausdenken.

Biografie:

Holger Heuber und Stefan Glowacz bezwingen seit Jahren gemeinsam spektakuläre Steilwände auf der ganzen Welt. Holger Heuber wird am 15. August 1962 in der Fränkischen Schweiz geboren. Er arbeitet als Sportlehrer, eröffnet ein Sportgeschäft und finanziert damit Touren wie die Erstbesteigung des Cap Renard Tower in der Antarktis oder die Erstbegehung am El Gigante, der höchsten Wand Mexikos. 2002 stürzte er bei einem Gleitschirmwettbewerb aus 20 Meter Höhe ab und muss über zweieinhalb Jahre seine komplizierten Verletzungen auskurieren.

Stefan Glowacz wird am 22. März 1965 im bayrischen Tittmoning geboren. 1987, 1988 und 1992 gewinnt er die „Rock Masters“ im italienischen Arco; unter Fans gilt der Wettkampf als inoffizielle Weltmeisterschaft der Kletterer. Anfang der 90er-Jahre ist Glowacz auch auf der Leinwand zu sehen, in Willy Bogners „Feuer, Eis & Dynamit“ (1990) und in Werner Herzogs „Schrei aus Stein“ (1991) mit Donald Sutherland. Seit 1999 stellt er mit seiner Firma Red Chili Kletterausrüstung her. Zu seinen Bergtouren zählen die Erstbegehung des Schweizer Titils, eine Ostgrönland-Expedition mit Erstbesteigung am Tupilak und eine Expedition nach Baffin Island im kanadisch-arktischen Archipel.Mit dem Kletter-Pionier Kurt Albert (1954–2010) brechen Heuber und Glowacz 2010 nach Guyana auf. Die Besteigung des Roraima gelingt erst beim zweiten Versuch, den Albert nach einem tödlichen Sturz nicht mehr erlebt. Der aktuelle Kino-Film „Jäger des Augenblicks“ dokumentiert diese Expedition.

Hier geht‘s zum Trailer.