zuletzt aktualisiert vor

Ein Leben für den Stolperstein Wie der Künstler Gunter Demnig gegen das Vergessen arbeitet


„Jedes Opfer des Holocaust hätte seinen Stein verdient“: Gunter Demnig verlegt seine Mini-Mahnmale in ganz Europa. Bald kommt der 40.000 tausendste Stein - in den Niederlanden.

Gunter Demnig trägt Hut und Weste wie Joseph Beuys. Und Cordhose sowie Knieschoner wie ein Bauhandwerker. Der Stilmix ist sein Markenzeichen, der „Stolperstein“ sein Leben. Die Steinwürfel mit den Messingplaketten, die an Opfer des Holocaust erinnern, liegen inzwischen nicht nur in den Straßenpflastern vieler deutscher, sondern auch mancher europäischer Städte. Mit dem Kastenwagen kehrt Demnig am Tag unseres Interviews auf den Hof des Künstlerzentrums „Signalwerk“ in Frechen bei Köln heim. In dem Haus hat er sein Atelier. Und sein Büro. Die Aktenordner mit den Planungsunterlagen zu Tausenden von „Stolpersteinen“ füllen eine ganze Regalwand. Demnig setzt sich in den Drehsessel am Schreibtisch. Nach einem Tag ehrlicher Handarbeit auf den Straßen Kölns ist er ein wenig abgespannt, sein Blick hingegen wach und aufmerksam.

Herr Demnig, wie viele Stolpersteine haben Sie heute verlegt?

Heute waren es gar nicht so viele, vielleicht zehn Einzelsteine in Köln. Darunter war ein Stein für einen Zwangsarbeiter, auch zwei für Opfer der Euthanasie, und das sind immer Einzelsteine. Aber in den letzten beiden Tagen habe ich 34 Steine verlegt.

Wie haben Sie
angefangen?

Die Idee stammt von 1993. Ein Jahr später habe ich die ersten 200 Steine gemacht, ohne an eine Verlegung zu denken. Die Steine sind in der Kölner Antoniter-Kirche ausgestellt worden. Dazu gab es Fotos der Häuser. Später gab es aber die ersten Probleme. Die tatsächliche Verlegung kam nicht voran. Bei dem Projekt wurden mir so viele Stolpersteine in den Weg gelegt, dass ich das Projekt erst einmal an die Seite gestellt habe.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten verlegten Stolperstein?

Ich habe in Köln zunächst einen Stein zur Probe verlegt, um dem Tiefbauamt zu zeigen, dass es mit diesen Steinen im Alltag keine Probleme gibt. Niemand stolpert, rutscht oder fällt hin. Aber die erste richtige Verlegung habe ich 1996 in Berlin-Kreuzberg gemacht. Die neue Gesellschaft für zeitgenössische Kunst hat eine Ausstellung zum Thema „Künstler forschen nach Auschwitz“ veranstaltet. Ich hatte das Konzept der Stolpersteine. Da habe ich 51 Steine für Kreuzberger Juden gemacht. Für eine Genehmigung war einfach keine Zeit mehr. Da habe ich halt illegal verlegt. Ich stellte meinen Wagen ins Halteverbot, habe zwei Pylone hingestellt und angefangen zu arbeiten.

Der autoritätshörige Deutsche hat Ihnen die Baustelle geglaubt?

Es ist nichts passiert. Erst drei Monate später ist das Ganze dem Tiefbauamt aufgefallen, aber nur weil Bauarbeiten am Moritzplatz waren. Die Arbeiter, die graben sollten, sprachen ihren Polier an und sagten: Die Steine sind doch ein Denkmal, was machen wir? Das Amt war alarmiert, es gab eine Ortsbegehung. Aber ich musste am Ende die Steine nur geringfügig versetzen. Mehr nicht.

Wie ging es weiter?

Mit einem zweiten Anlauf in Köln 1997. Die Anregung kam vom damaligen Direktor des Stadtmuseums. Allerdings gab es zuerst einen Vortrag im Museum, dann im Kulturausschuss, dann ging das Projekt durch mehrere Stadtbezirke. Und auch dort musste erst das Tiefbauamt etwas dazu sagen. Dann kam noch das Amt für Stadtplanung, dann der Haushaltsausschuss. Und erst danach ging das Projekt in den Rat der Stadt. Die eine Gegenstimme kam von einem Republikaner.

Dann besteht das Projekt ja nicht nur aus dem Verlegen. Alles andere gehört auch dazu, nicht?

Ja, es geht um eine soziale Skulptur, auch im Sinn von Joseph Beuys. In Köln dauerte der Prozess von 1997 bis 2000. Dann waren alle Instanzen absolviert.

Inzwischen sind Sie bei fast 40000 Steinen ange-
kommen?

Im Juli verlege ich Steine in Oss bei Utrecht. Dort verlege ich 154 Steine. Einer von ihnen wird der vierzigtausendste sein.

Wer recherchiert die Informationen für die einzelnen Steine?

Das könnte ich allein jedenfalls nicht leisten. Vieles bekomme ich zugeliefert. Es ist eine Initiative der Bürger , auch das Geld kommt ja auch von ihnen, über Patenschaften . Inzwischen wird es mit den Genehmigungen einfacher. Aber es gibt auch Gegenstimmen. Der Bürgermeister von Primasens sprach sich zum Beispiel gegen die Steine mit dem Einwand aus, dass sie ja schon in so viel anderen Städten lägen.

Es gab auch Einwände gegen Ihr Projekt. Charlotte Knobloch, seinerzeit Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte, die Steine würden dazu führen, dass das Andenken der Opfer mit Füßen getreten werde. Was sagen Sie dazu?

Besonders zynisch fand ich den Einwand des Münchener Oberbürgermeisters Christian Ude. Er sagte seinerzeit, wer trauern wolle, der solle nach Dachau gehen. Das finde ich einfach dumm. Charlotte Knobloch hat ihre Meinung inzwischen auch revidiert. In Husum sagte sie, man solle das Projekt unterstützen, sie sei mit ihrer Haltung doch sehr einsam. Es geht übrigens nicht darum, auf dem Andenken der Opfer herumzutrampeln. Meiner Ansicht nach werden die Opfer mit dieser Bemerkung verhöhnt. Die Nazis haben sich nicht damit begnügt, auf den Menschen herumzutrampeln, sie hatten ein Mordprogramm. Auch das Argument, die Glatzen könnten mit ihren Stiefeln auf den Steinen herumtreten, überzeugt mich nicht. Dazu sage ich nur: Umso blanker werden die Steine. Ein Schild an der Wand ist auch nicht sicher.

Fertigen Sie jedes der Messingschilder persönlich?

Nicht mehr. Inzwischen haben wir ein Team aus fünf Leuten. Am Anfang habe ich geplant, die Steine gefertigt und dann verlegt. Zuerst hat mir dann eine Freundin die Planung abgenommen. Dann haben andere mitgeholfen. Inzwischen sind die Plaketten immer perfekter geworden. Meinen Steinen sah man früher noch mehr die reine Handarbeit an.

Für einen Stolperstein braucht es ein Loch im Straßenpflaster. Hinter jedem der Namen tut sich aber ein Schicksal wie ein Abgrund auf. Wie halten Sie das aus?

Dabei kommt so viel Positives zurück, dass die Belastung dadurch wieder ausgeglichen wird. Oft denke ich, dass mich nichts mehr erschüttern kann. Und dann treffe ich auf Schicksale, bei denen alle Routine nicht weiterhilft. Oft hat man ja nur dürre Fakten über die Schicksale. Aber ich werde doch immer wieder mit neuen Schicksalen konfrontiert. Positiv ist die Begegnung mit den Initiatoren der Verlegungen, vor allem mit Schulklassen. Immer häufiger kommen auch Angehörige der Opfer zu den Verlegungen. Viele von ihnen trauern überhaupt zum ersten Mal. Ihnen hilft allerdings das Interesse weiter, das sich in den einzelnen Projekten manifestiert.

Wer ergreift eigentlich die
Initiative für die Verlegun-
gen? Wer kommt auf Sie zu?
Wer ergreift eigentlich die
Initiative für die Verlegun-
gen? Wer kommt auf Sie zu?

Das ist ganz verschieden. Mal sind es Heimat- oder Geschichtsvereine, mal Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Parteien sind es weniger, wenn, dann machen die Grünen mit. Bei den Kirchen überwiegt das Engagement der evangelischen Kirche. Aber die katholische Kirche hat aufgeholt. In Hamburg zum Beispiel ist es aber ein einzelner Mäzen, der das Projekt für Hamburg vorangebracht hat. In Köln kümmert sich ein Schwulen-Geschichtsverein. Kurz, es gibt überhaupt kein Schema. Sehr viel Recherche braucht man übrigens oft nicht. Das meiste Material ist abrufbar. Richtig aktiv sind oft die Schüler. In Neuss machten sich zum Beispiel Schüler auf dem Weg in das Stadtarchiv und forschten nach , auch bei Privatpersonen . Eindrucksvoll. Auch an anderen Orten haben Schüler die Initiative ergriffen, zum Teil sogar mit eigenen Anträgen bei der Stadt.

Welches Beispiel hat Sie da besonders berührt?

Das einer Klasse von der Insel Wangerooge. Die waren in Berlin, haben sich über jüdisches Leben informiert. So kam der Kontakt zustande. Ich bin hingefahren, um die Plakette für die eine auf der Insel betroffene Familie zu verlegen. Es waren aber erst alle dagegen. Das Projekt kam nicht weiter. 2010 gab es einen neuen Anlauf. Der Besitzer des Hauses hat sich aber gesperrt. Ich habe dann den Ort etwas verlegt, an die Einmündung der Straße. Das ist sogar viel besser. Die Plakette liegt auf dem Weg zum Strand. Da kommen alle vorbei.

Jedes Opfer des Holocaust hätte seinen Stein verdient. Das ist aber nicht zu schaffen. Sollen andere Ihr Projekt fortsetzen?

Das ganze Projekt wird symbolisch bleiben, unabhängig von der Zahl. Ich will so viele Orte wie möglich erreichen. An manchen Orten liegt nur ein Stein. In Berlin ist das anders. Allein Charlottenburg weist 17000 ermordete jüdische Mitbürger auf. Die Geflohenen sind dabei gar nicht berücksichtigt.

In Greifswald sind kürzlich alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden. Andernorts wurden Steine beschädigt. Ist das Gedenken noch immer kein Konsens in unserer Gesellschaft?In Greifswald sind kürzlich alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden. Andernorts wurden Steine beschädigt. Ist das Gedenken noch immer kein Konsens in unserer Gesellschaft?In Greifswald sind kürzlich alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden. Andernorts wurden Steine beschädigt. Ist das Gedenken noch immer kein Konsens in unserer Gesellschaft?In Greifswald sind kürzlich alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden. Andernorts wurden Steine beschädigt. Ist das Gedenken noch immer kein Konsens in unserer Gesellschaft?In Greifswald sind kürzlich alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden. Andernorts wurden Steine beschädigt. Ist das Gedenken noch immer kein Konsens in unserer Gesellschaft?

Ja, da haben Leute geschrieben, Greifswald sei jetzt stolperstein-frei. Das waren insgesamt elf Steine. Die neuen sind aber schon fertig. Die Stadt verlegt sie im Mai selbst. Derzeit werden sie im Rathaus ausgestellt. Insgesamt sind im Lauf der Jahre 800 Steine angegriffen worden. Mit Farbe, mit Teer, mit Silikon. Für all das gibt es aber Lösungsmittel. Ungefähr 100 Steine sind herausgerissen worden.

Wird da eigentlich ermittelt?

Der Staatsschutz ermittelt sofort. Aber bislang ist noch kein Schuldiger ermittelt worden. Auch in Greifswald nicht.

Sind Sie auch persönlich schon bedroht worden?

Bis jetzt habe ich drei Morddrohungen erhalten. Einer schrieb: Ich würde mich freuen zu hören, dass jemand diesen Bastard gekillt hat. Das ist sehr raffiniert, weil juristisch nicht greifbar. Bei einer Verlegung sind Rechte aufmarschiert. In Schlips und Kragen. Die sagten dann, man solle doch etwas für die deutschen Soldaten oder Bombenopfer machen. Ich habe die dann nur aufgefordert, das doch selbst zu machen. Dann sind die abgezogen.

Haben Sie einmal daran gedacht, das Projekt „Stolpersteine“ von sich aus zu beenden?

Als das Projekt anfing, hatte ich an ein paar Hundert Steine gedacht. Ich habe niemals in den Dimensionen gedacht, die wir erreicht haben. Das Jahr ist schon jetzt fast ausgebucht. Oft mache ich noch kleine Umwege, um eben noch weitere Steine zu verlegen. Haben Sie eigentlich noch Zeit für andere künstlerische Projekte?Haben Sie eigentlich noch Zeit für andere künstlerische Projekte?Haben Sie eigentlich noch Zeit für andere künstlerische Projekte?

Nein. Das ist jetzt mein Lebenswerk. Da kommt so viel Positives zurück. Welcher Künstler erlebt das. Ich lerne tolle Menschen kennen. Das ist ungemein bereichernd.

Sie haben gesagt, dass inzwischen immer mehr Angehörige der Opfer zu den Verlegungen kommen. Kommt da Abschied und Gedenken neu in Gang?

Über die Steine kommen viele Leute überhaupt zum ersten Mal ins Gespräch. Dann sind die Eltern wieder Thema, aber auch die schwierigen Fragen: Warum habe ich überlebt und die anderen nicht? Das Echo des Projektes geht bis nach Südamerika und Asien. Bei den Verlegungen haben sich zum Teil Familienteile getroffen, die voneinander nichts wussten. In Aachen habe ich ein ganzes Familientreffen bei einer Verlegung erlebt. Die Leute wohnten alle in Israel, haben sich aber erst bei der Verlegung in Deutschland richtig kennengelernt.

Sie haben sich schon früher an große Projekte gemacht. Sie haben die Kasseler Documenta und die Biennale in Venedig mit einem Ariadne-Faden verbunden, Namen von Friedensverträgen in Dachdeckerblei geschlagen. Lag darin eine Vorbereitung für die „Stolpersteine“?

Ja, das ist ein Werkkontext. Es gab eine logische Entwicklung. Mich beschäftigt das Einschreiben und Sichern von Spuren. Ohne die ersten Projekte wäre ich auf die Stolpersteine nicht gekommen. Ich hätte mich vor allem nicht getraut, so in den öffentlichen Raum zu gehen. Bei den früheren Projekten habe ich Mut gelernt und die Fähigkeit, mit Behörden umzugehen. Jedes der Projekte hat mich zum nächsten geführt, auch zur Roma-Sinti-Spur, mit der ich an die Deportation von Roma und Sinti erinnert habe. Gerade Hindernisse und kleine Skandale haben mich weitergebracht. Erst nach Jahren mit der Arbeit mit Farbe und Kreide bin aber auch darauf gekommen, Spuren in Messing zu verlegen. Einen Teil Ihrer Ausbildung haben Sie bei dem in Lingen geborenen Künstler Harry Kramer in Kassel absolviert. Was haben Sie von Kramer für Ihre Arbeit mitgenommen?

Sehr viel. Das Legen von Spuren, zum Beispiel. Die Wendung in den öffentlichen Raum. Das ist eine andere Arbeit als die des Malers und Bildhauers, der im Atelier bleibt. Kramer hat vermittelt, mit der eigenen Arbeit nach draußen zu gehen. Ich habe dabei gelernt, künstlerische Arbeit als Engagement zu begreifen. Harry Kramer konnte allerdings mit meinem Projekt Stolpersteine nichts anfangen. Er war der Meinung, dass man mit einem solchen Projekt kein Geld verdienen dürfe. Ich bin aber sicher, dass er heute über das Projekt sehr glücklich wäre. Gibt es Tage ohne Stolperstein – und was machen Sie dann?

Es gibt keine Tage ohne Stolperstein. Ich war jetzt zwei Wochen auf Kuba. Da gab es natürlich keine Stolpersteine. Als ich zurückkam, lagen die nächsten Anfragen allerdings schon wieder auf dem Tisch.

Gunter Demnig ist der Erfinder des Erinnerungsprojektes „Stolpersteine“. Er wird am 27. Oktober 1947 in Berlin geboren.

Demnig absolviert ein Studium der Kunstpädagogik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. 1971 geht er an die Kunstakademie in Kassel. Nach seinem Staatsexamen 1974 studiert er in Kassel in der Klasse des Lingener Documenta-Künstlers Harry Kramer.

Im „Atelier Kramer“, so Kramers eigene Bezeichnung für seine Klasse, übt Demnig künstlerische Projektarbeit ein.

Seit Anfang der Achtzigerjahre macht er mit Rauminstallationen und Performances auf sich aufmerksam.

1985 etabliert Demnig sein Atelier in Köln, 1996 startet er das Projekt „Stolpersteine“, das er heute als einziges künstlerisches Projekt betreibt. 2006 folgen die ersten Steinverlegungen im Ausland.

Für seine Arbeit erhält Gunter Demnig zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 das Bundesverdienstkreuz.