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Nach der NDR-Panne Katja Riemann über Heino, Rammstein und die Vergangenheit

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Berlin. Katja Riemanns Interview mit dem NDR-Mann Hinnerk Baumgarten hat die Nation bewegt. Aber worum ging es in dem missglückten Gespräch eigentlich? Um die Bernhard-Schlink-Verfilmung „Das Wochenende“ – über die wir mit ihr gesprochen haben. Ruhigen Blutes und ohne Missverständnisse.

Mit ihrem missglückten Interview in der NDR-Show „DAS“ hat Katja Riemann mehr Aufmerksamkeit erreicht, als ihr lieb sein kann. Im Internet erzielte ein Zusammenschnitt Millionen Aufrufe, in dem sie und Moderator Hinnerk Baumgarten aneinander vorbeireden. Feuilletons griffen die Debatte in großen Beiträgen auf. Riemann selbst hat auf ihrer Homepage dazu Stellung genommen. Anlass des aufgeregt diskutierten Problemgesprächs war Riemanns Kinofilm „Das Wochenende“. Das Kammerspiel erzählt von einem haftentlassenen RAF-Terroristen, der sich mit seinen einstigen Weggefährten den Schatten der Vergangenheit stellen muss. Gemeinsam mit Katja Riemann greifen wir das Thema auf und spinnen es weiter:

Frau Riemann, wenn Sie eine Zeitreise zu einem einzigen Tag Ihrer Vergangenheit unternehmen dürften – welchen würden Sie auswählen?

Den meiner Geburt. Es wäre doch fantastisch, mit erinnerbarem Bewusstsein auf die Welt zu kommen, es aber erst nach 50 Jahren bewusst zu haben. Aber vielleicht würde man auf eine große Furcht treffen, die einen gar nicht erst leben lässt.

Gehen Sie gern an den Ort Ihrer Kindheit zurück? Empfinden Sie die Veränderungen als traurig oder als Erleichterung?

Ich gehe nicht an den Ort meiner Kindheit zurück. Ich habe ihn ja in mir. So, wie er war, gibt es ihn nicht mehr. Die Menschen gibt es nicht mehr, die Sonne, die Häuser, die Dimensionen, die Betrachtung auf das Leben. Das ist auch gar nicht traurig, denn er war ja mal real und im Außen da, und nun ist er in mir.

In den letzten Jahren häufen sich die RAF-Filme. Brauchte das Kino den zeitlichen Abstand, um das Thema jetzt umso intensiver zu behandeln?

Das glaube, ich schon. Man kann einen Stoff nicht fiktional verarbeiten, bevor man ihn mental verarbeitet hat. Genau davon wollten wir erzählen: von den Schwierigkeiten, die Vergangenheit in seinen gegenwärtigen Lebensentwurf einzubauen. Vieles kann man natürlich auch deshalb erst mit historischem Abstand verfilmen, weil es vorher ganz einfach nicht bekannt war. Bei dem Film „Rosenstraße“, den ich mit Margarethe von Trotta gemacht habe, war das so: Dass Frauen 1943 auf die Straße gegangen sind, um ihre jüdischen Männer aus dem Gefängnis zurückzufordern, ist erst in den 90ern recherchiert worden.

Den Deutschen Herbst haben Sie als Kind erlebt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Als Erstes fallen mir die Fahndungsplakate ein. Ich komme vom Land; da gab’s eine Sparkasse. Und da hing ein weißes Plakat mit rotem Rand, DIN A4, höchstens DIN A3, finstere Fotos und darüber die dramatische Überschrift: „Gesucht – 10000 DM“. Das war noch die erste RAF-Generation, Meinhof, Baader, Raspe, Ensslin. Und ich stand als Kind davor und dachte: Komisch, dass da überhaupt jemand die Gesichter erkennen kann. Für mich sahen die alle gleich aus, mit Bärten und Brillen, unscharf, schlecht kopiert. Dann habe ich natürlich die Nachrichten wahrgenommen, die Flugzeug-Entführung in Mogadischu zum Beispiel. In meiner Familie habe ich allerdings nicht die entschiedene Verdammung der RAF kennengelernt, sondern eher eine Sympathie für alles Linke und Oppositionelle. Unser Film zitiert das Fahndungsplakat jetzt als poppigen T-Shirt-Aufdruck. Ein schönes Bild für den Bedeutungswandel des Terrors.

Die 68er haben die Abrechnung mit den Nazi-Vätern betrieben; im „Wochenende“ rechnet nun ein Sohn mit seinem RAF-Vater ab. Fragen Sie sich, was die nächste Generation uns mal vorwerfen wird?

So weit möchte ich es nicht kommen lassen. Ich versuche schon jetzt, die wichtigen Themen anzusprechen. Ich will wissen, wo Dinge schieflaufen, wo Unterdrückung stattfindet – um mich später eben nicht fragen lassen zu müssen: Mama, was hast du gemacht? Oder: Oma, was hast du nicht gemacht? Es ist unsere Bürgerpflicht aufzupassen. Die Dinge finden statt: Auf der Welt findet Genozid statt, wie verhält man sich als Deutscher dazu. Wir stecken hier im saturierten Leben, sprechen von den Rechten der Minderheiten – und begreifen nicht, dass wir selbst die Minderheit sind.

Was sollte man machen?

Die Dinge beim Namen nennen. Wir werden nicht von Politikern, sondern von Wirtschaft und den Medien regiert. Wofür wird unser Geld ausgegeben. Waren Sie mal in einer Berliner Schule? Das ist eine Katastrophe. Immer heißt es, die deutschen Schüler sind so schlecht in der PISA-Studie, die Chinesen sind viel besser. Aber stecken wir denn Geld in die Schulen? Tun wir nicht. Deutschland ist nicht kinderlieb. Es scheint andere Prioritäten zu geben. Hier wird viel Geld mit Waffen verdient, aber in Bildung zu investieren passiert, wie ich finde, nicht genug.

Gibt es etwas, dass Sie bereuen?

Ich glaube, man bereut vor allem das, was man nicht getan hat. Dinge, an die man sich erinnert, die einem den Schweiß auf die Stirn treiben, weil man sich noch nachträglich schämt oder weil man uncool war, oder Erinnerungen, deren Schmerz nie ganz schweigt, sind dennoch so was wie die Formen, die das Leben in dich schabten, äußerlich und innerlich. Aber ist es nicht traurig, wenn man sagt: Das habe ich verpasst, da habe ich nicht gesagt, dass ich liebe, dort habe ich mich nicht getraut, etwas zu bewegen, zu ändern, zu sagen, zu reisen.

Fällt es bei historischen Rollen schwer, ihr Vorwissen als Nachgeborene auszublenden? Wie versetzen Sie sich bei einem Film wie „Rosenstraße“ in die Situation einer Frau, die nicht weiß, wie der Krieg ausgeht?

Also, ich würde mal sagen, that is part of the job. Das betrifft auch nicht nur historische Rollen. Man weiß als Schauspieler ja immer, wie das Drehbuch ausgeht, auch bei Gegenwartsstoffen. Man spielt konkrete Situationen, die dann im Verlauf der Geschichte einen entsprechenden Bogen bilden, eine Entwicklung der Figur im besten Falle. Und es wäre ja absurd, wenn man beim Gretchen im Garten bereits das Gretchen im Kerker mitspielt.

Ihre Figur im Film wird plötzlich mit dem Mann ihrer Vergangenheit konfrontiert – und steckt auf einmal wieder in Gefühlen für ihn, mit denen sie längst abgeschlossen hatte. Kennen Sie das selbst: reaktivierbare Gefühle?

Ich glaube, die Figur hatte mit ihren Gefühlen nicht abgeschlossen, sie hatte verdrängt; aber da pochte noch was. Das ist für mich ein Unterschied. Und diesen Gefühlen ist die Figur umso schutzloser ausgeliefert, als sie sich auf die Wiederkehr ihres Mannes nicht vorbereiten konnte. Eigentlich sollte er später aus dem Gefängnis entlassen werden – aber er ist auf einmal früher da.

Nach seiner Haft-Entlassung bekommt dieser Jens seine 20 Jahre alten Habseligkeiten ausgeliefert: einen 10-Mark-Schein, historische „Spiegel“-Ausgaben. Zu Hause findet er seine Platten-Sammlung wieder. Haben Sie selbst solche Dinge, die wie kleine Zeitkapseln funktionieren?

Musik ist ein gutes Beispiel. Die ist für mich ein Katapult in die Vergangenheit. Wenn ich zum Beispiel Al Jarreau höre, bin ich wieder in meiner Münchner Schauspielschul-Zeit, eine auch schmerzlich verbrachte Zeit, darum kann ich das nicht mehr so gut hören.

Sie lassen sich auch als Interpretin auf neue Musikformen ein, zum Beispiel...

.. . mit meinem Rammstein-Programm. Die Band habe ich tatsächlich erst vor ein paar Jahren entdeckt. Mittlerweile kenne ich sie persönlich. Ich knie nieder vor denen; das sind großartige Musiker mit einem genialen Produzenten.

Und sehr kontroversen Texten. Finden Sie nicht, dass da mitunter Provokation um der Provokation willen betrieben wird?

Was ist schlecht an Provokation in der Kunst? Ich bin für mein Konzert-Programm natürlich sofort angegriffen worden. Es hieß „Friedensreich – ein Doitschlandabend“. Schon die Schreibweise hat für Aufregung gesorgt – weil es auf die Neonazi-Problematik und ihre Erkennungssignale anspielt. Bei solchen Dingen hakt sich sofort eine falsche Berichterstattung ein, die es in Wahrheit gar nicht genau wissen will. Wer Rammstein kennt, weiß: Das sind alles Linke, die kommen aus der DDR, essen vegetarisch, sind WG-Bewohner, liebevolle Väter, sehr schlau und künstlerisch. In den Texten werden wirklich Dinge verhandelt.

Immerhin singt jetzt sogar Heino Rammstein – gerade weil es nicht zu ihm passt.

Aber was heißt das denn schon? Was passt denn zu Heino? Wieso muss man immer alle Leute einengen? Lasst ihn doch machen! Immer diese künstliche Aufregung. Das ist so arm, das ist so traurig.

Haben Sie Déjà-vu-Gefühle, wenn sie Komödien-Revival von Schweiger und Schweighöfer beobachten?

Überhaupt nicht. Außerdem ist Til genauso alt wie ich...was ist mit seinem Revival... hat er bei meinen Filmen bestimmt auch nicht...

Frau Riemann, Sie gucken auf die Uhr.

Ja, Entschuldigung. Ich habe noch Verpflichtungen: Heute ist im Anne-Frank-Haus eine Gedenkveranstaltung für die Frauen der Rosenstraße. 70 Jahre sind die Geschehnisse nun her. Ich werde eine Zeitzeugin treffen, eine Dame, die damals 13-jährig in der Rosenstraße mit ihrer Mama war und auf ihren Vater wartete. Ich freue mich auf sie.

Vita: Katja RiemannGeboren wird am 1. November 1963 im niedersächsischen Kirchweye als Tochter eines Lehrerpaars geboren. Noch während ihrer Bühnenausbildung in Hannover und München wird sie für den Fernsehmehrteiler „Sommer in Lesmona“ engagiert – und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihre Theaterlaufbahn führt sie an so renommierte Häuser wie die Münchner Kammerspiele sowie das Schiller- und das Gorki-Theater in Berlin. Zum Publikumsstar macht sie aber das Kino der 90er-Jahre. In Filmen wie „Abgeschminkt“ (1992), „Stadtgespräch“ (1995) und „Die Apothekerin“ (1996) etabliert Riemann sich als Gesicht des Komödien-Booms. Ihre Präsenz löst auch Häme aus: Detlev Buck bewirbt seinen Film „Männerpension“ (1996) als „garantiert Riemann-frei“. Auf den heimischen Spott folgt die internationale Anerkennung: 2003 verleihen die Filmfestspiele von Venedig ihr den Darstellerpreis für Margarethe von Trottas „Rosenstraße“. Mit den Songs aus Katja von Garniers „Bandits“ (1997) wendet Riemann sich auch der Musik zu; sie spielt das Pop-Album „Nachtblende“ (2000) ein, swingt mit Johannes Heesters (2006), legt ein Jazz-Album vor und tritt mit Rammstein-Liedern auf. Die Künstlerin engagiert sich für Organisationen wie UNICEF und Amnesty International. Aus einer Beziehung mit ihrem Kollegen Peter Sattmann hat sie eine erwachsene Tochter. Aktuell ist sie in der Schlink-Verfilmung „Das Wochenende“ im Kino zu sehen.

Hier geht‘s zur Filmkritik von „Das Wochenende“ .


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