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Schriftstellerin über Abnabelung und wahres Leben Jenny Erpenbeck ist längst mehr als „die Tochter von ...“

Von Elke Schröder


Osnabrück. Der große Bekanntheitsgrad ihrer Schriftstellerfamilie zu DDR-Zeiten hätte Jenny Erpenbeck fast daran gehindert, selbst Autorin zu werden, verrät sie im Interview mit unserer Zeitung. Heute wird die mehrfach ausgezeichnete Berliner Schriftstellerin und Regisseurin als eine Meisterin literarischer Verdichtung gefeiert. Die 45-Jährige ist derzeit mit ihrem Roman „Aller Tage Abend“, der für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert war, auf Lesereise. Am Dienstag, 15. Januar, 20 Uhr, liest sie daraus in der Reihe „Littera“ im Osnabrücker Blue Note.

In ihrem Roman setzt sie sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Tod auseinander. Sie spielt verschiedene Varianten eines Lebenslaufs durch. In dem Buch stirbt eine Frau fünfmal und steht – vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – viermal wieder auf. In unserem Gespräch lässt sich Jenny Erpenbeck noch einmal auf dieses „Was wäre, wenn“-Gedankenspiel ein.

Frau Erpenbeck, was wäre, wenn Sie Buchbinderin geblieben wären?

Ich hätte mein ganzes Leben lang um 6.30 Uhr anfangen müssen zu arbeiten. Das wäre hart geworden. Es könnte auch sein, dass ich jetzt arbeitslos wäre und von Hartz IV leben müsste, denn diese handwerklichen Buchbindereien fristen ein hartes Dasein. Ich kenne eine Buchbinderei in Berlin-Mitte, die überlebt hat. Vielleicht wäre ich heute Meisterin und würde dort arbeiten. Das wäre auch nicht so schlecht.

Wie organisieren Sie Ihren Tag als Schriftstellerin?

Das Absurde ist: Ich muss jetzt zwar auch früh aufstehen, aber immerhin nicht schon um 6.30 Uhr auf einer Arbeitsstelle sein. Was ich am Schreiben sehr schätze, ist, dass ich zu Hause arbeiten und mir die Arbeit selbst einteilen kann. Mein Alltag sieht so aus: Ich stehe um 6 Uhr auf, bringe mein Kind zur Schule, arbeite von 8.30 bis 14 Uhr, hole das Kind von der Schule wieder ab, dann bin als Mutter unterwegs, und abends, wenn ich noch die Kraft und die Nerven habe, arbeite ich auch noch einmal.

Darf Sie Ihr Sohn Franz stören, wenn Sie am Schreibtisch sitzen?

Ich sitze faktisch nie am Schreibtisch, wenn mein Sohn da ist. Der Sohn und meine Arbeit am Schreibtisch – die treffen selten zusammen in eine Zeit. Wenn es aber einmal Termindruck gibt und ich zwischendurch doch ein bis zwei Stunden Ruhe brauche, ist er sehr kooperativ und lässt mich.

Was wäre, wenn Sie den Deutschen Buchpreis 2012 für „Aller Tage Abend“ bekommen hätten?

Ich hätte viel weniger Geldsorgen (lacht). Alle Leute hätten mir gesagt: Ich wusste, dass du den bekommst! Ich hätte meinen Namen mal auf der Bestsellerliste lesen können. Ich hätte wahrscheinlich noch mehr Lesungsanfragen, was zwar einerseits erfreulich wäre, mein Leben aber nicht unbedingt einfacher gemacht hätte.

Können Sie Ihren Erfolg als Schriftstellerin genießen?

Das Wichtigste ist, dass ich das machen kann, was mich interessiert. Schriftstellerin zu sein ist wie ein lebenslanges Studium. Ich bin dankbar dafür, dass ich Zeit habe, um nachzudenken, um mich mit Dingen, die ich nicht verstehe, in Ruhe zu beschäftigen. Es ist ein Privileg, wenn man auch noch davon leben kann.

In „Aller Tage Abend“ geht es auch um die Frage, wie ein Leben nach dem Tod bewertet wird. Als Schriftstellerin wird ja zumindest ein Teil Ihres Lebens zu Lebzeiten durch die Literaturkritik bewertet.

Nun ja, mal hat man das Glück, dass verstanden wird, was man versucht hat, mal wird man auch für das Falsche gelobt oder für das, was man für richtig hält, verrissen. Aber all das ist ja auch in Bewegung. Wenn ich jetzt die Hoteltreppe hinunterstürze, werden alle sagen: Eine gute Gelegenheit, den Nobelpreis posthum zu verleihen (lacht) … Oder sie sagen: Als ob sie das in ihrem Buch vorausgeahnt hätte! Der Tod verändert auch ein Werk im Rückblick. Das ist ja das Verrückte, dass ein Tod Dinge verändert, die eigentlich schon fertig bewertet sind.

Sie schreiben, wenn Dinge für Sie ungelöst sind. Was hat sich nach dem Roman „Aller Tage Abend“ für Sie gelöst?

Wenn ich sage, dass ich über Dinge zu schreiben beginne, wenn etwas Unauflösbares da ist, heißt das nicht, dass ich diese Dinge durchs Schreiben dann löse. Ich bin schon froh, wenn es mir gelingt, die richtigen Fragen zu formulieren, überhaupt zu wissen, wo ich mit dem Fragen anfangen muss. Ich beantworte die Fragen aber weder selber, noch erwarte ich die Antworten von den Lesern.

Was ist es dann?

Ich möchte die Dinge anschauen können. In „Aller Tage Abend“ sehe ich in dem Moment, wo das Buch fertig ist, diese verschiedenen Varianten, wie das Leben der Hauptfigur und ihrer Familie verlaufen könnte, die in dem Roman parallel existieren. Es wird alles immer wieder anders gedacht und genauso möglich gedacht. Das relativiert die Härte des Todes, die Unausweichlichkeit. Mit dem Tod wird man aber immer schwer fertig, auch wenn man fünf Romane darüber geschrieben hätte. Das Problem löst sich nicht durch das Buch, aber man ordnet sich selbst vielleicht anders ein oder sieht, welche Wege das Leben sich durch die einzelnen Schicksale hindurch sucht, über das Private hinaus.

Hat Sie der Tod eines nachstehenden Menschen je für eine Weile sprachlos als Schriftstellerin gemacht?

Gute Frage. – Ich habe Notizen gemacht, weil ich Angst hatte, dass ich alles vergessen würde. In dem Moment, wo jemand stirbt, ist man ja noch ganz nah an dessen Leben dran. Und um dieses Leben wenigstens für einen Moment so zu behalten, wie es eben noch ausgesehen hat, habe ich Notizen gemacht. Einen Text habe ich einmal auch geschrieben, der aber sehr privat ist und den ich deshalb nie irgendwo gedruckt sehen wollte. Man muss als Schriftsteller die Privatperson aus einem Text erst wieder herausnehmen. Das ist wohl das Schwierige. Die ganzen Gefühle und Gedanken, die in „Aller Tage Abend“ stecken, konnte ich erst im Laufe mehrerer Jahre formulieren.

Gehen Sie gern über einen Friedhof?

Das hat sich verändert. Früher war ich ein „romantisches“ Mädchen und bin gern auf Friedhöfen spazieren gegangen. Zum Beispiel bin ich während meiner kurzen Mittagspause, die ich in der Buchbinderei in Berlin hatte, manchmal auf einen ganz abgelegenen, verwilderten Friedhof gegangen und habe mich da ins Gras gelegt. Damals habe ich solche Orte vollkommen unbefangen betreten. Inzwischen ist es so, dass ich es schwer aushalte. Das ist so wie mit Krankenhäusern: Das waren für mich lange Zeit Orte, an denen man wieder gesund wird. Aber nachdem ich ein paar Mal erlebt habe, dass dort jemand stirbt, ist auch das schwierig geworden.

Was ist Zufall?, Was wird uns biografisch mitgeben?, Was gibt uns die Zeit, in der wir hineingeboren werden, mit? – das sind weitere Themen des Romans. Nicht der plötzliche Kindstod der Hauptperson zu Beginn, sondern das Familiengeheimnis, der Mord an dem jüdischen Großvater durch den antisemitischen Mob, scheint der eigentliche Ausgangspunkt für den Roman zu sein …

Mir kommt es im Nachhinein auch vor, als ob das der Ausgangspunkt für das Buch ist. Dabei war das gar nicht so angelegt. Dieser Kern von Gewalt, der im ersten Kapitel erzählt wird, löst eine Kette von Schieflagen aus. Das bringt die Tradition des Verschweigens in die Familie, und auch das Problem der abwesenden Väter pflanzt sich fort. Die eigenen familiären Wurzeln werden so irgendwann nicht mehr gewusst. Das, was man als fremd anschaut, könnte also das Eigene sein – nur weiß man es nicht. Das als Möglichkeit mitzudenken, finde ich wichtig.

„Was wäre, wenn“ hieß ein Stück aus dem Jahr (1959) Ihrer Großmutter Hedda Zinner, einer bekannten DDR-Schriftstellerin, das nach der Wende noch gespielt wurde. Im Hinblick auf die Fragestellung Ihres Romans: Ist das Zufall oder biografisch in die Wiege gelegt?

Ich wusste nicht, dass sich die Kritik an diesem Satz festhaken würde. Ich habe den Roman ja nicht „Was wäre, wenn“ genannt, sondern „Aller Tage Abend“ und nichts Böses geahnt (lacht). Aber meine Großmutter in ihrem Atheisten-Himmel freut sich jetzt bestimmt. Ich denke, dieses Thema des Anschauens der Wirklichkeit unter verschiedenen Aspekten von Bewertungen ist uns in der Familie nah, weil wir über drei Generationen hinweg grundlegende gesellschaftliche Umbrüche erlebt haben, in der einen oder in der anderen Richtung. Meiner Großmutter ist diese Fragestellung zu einem früheren Zeitpunkt begegnet und mir zu einem späteren. Im Prinzip ist es ein ähnlicher Fonds, aus dem diese Ideen kommen.

Inwiefern?

In ihrem Stück geht es um ein Dorf, das bei der Grenzziehung versehentlich erst zum Osten und dann zum Westen gerechnet wird. Ich lebe ein paar Jahre später, bei mir ist die Mauer tatsächlich verschwunden, plötzlich war wirklich da Westen, wo vorher Osten war. Es ist eine prägende Erfahrung, wenn man erlebt, wie sich auf demselben Gebiet vollkommen andere Regeln, Normen und Werte plötzlich etablieren, wenn das eigene Land geografisch zwar noch immer das ist, was man kennt, zugleich aber in kultureller und sozialer Hinsicht ein vollkommen fremdes.

Was genau interessiert Sie da als Schriftstellerin?

Man sieht, dass es die sogenannte Wirklichkeit nicht „an sich“ gibt, sondern nur zusammen mit diesem Überbau an gesellschaftspolitischen Ideen. Bewegt sich dieser Überbau, bewegt sich auch die Wirklichkeit.

Was wäre, wenn Sie nicht im Osten, sondern im Westen geboren und aufgewachsen wären?

Vielleicht hätte ich Wirtschaft studiert (lacht). Ich wäre vielleicht nicht Schriftstellerin geworden, weil ich die Erfahrung des gesellschaftlichen Umbruchs, die mich zum Nachdenken gebracht hat, nicht gemacht hätte. Ein Fach wie Opernregie zu studieren wäre mir im Westen wahrscheinlich auch nicht eingefallen, denn für rein schöngeistige Studien hätte mir das finanzielle Fundament gefehlt, oder doch zumindest die Bedenkenlosigkeit. Aber wäre ich dann noch ich gewesen? Mich im Westen – das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.

Sie sagten, im Westen schaut man eher darauf, dass man einen „richtigen“ Job hat. Ihr Vater John Erpenbeck ist Wissenschaftler, aber auch Buchautor, hat er zu DDR-Zeiten also nach Ihrer Definition westliche Werte gelebt?

In unserer Familie galt schon, dass man einen Beruf jenseits des Schreibens lernen und auch ausüben soll, aber es ging dabei nicht ums Geldverdienen. In der DDR brauchte man nicht viel Geld, um zu überleben. Die Idee meines Vaters war: Schreiben sollte unabhängig sein. Das bedeutet, man sollte nicht nur in literarischen Zusammenhängen in seinem Leben unterwegs sein, sondern sich noch anderes Material ins Leben holen. In der Buchbinderei und am Theater habe ich extrem viele Erfahrungen mit verschiedenen Leuten und Arbeiten gesammelt. Für mich ist das eine zentrale Sache, dass man wirklich im Leben steht. Zum Beispiel möchte ich nicht, dass ich in meinem Alltag eine Sekretärin, eine Haushälterin und eine Kinderfrau beschäftige, sodass ich nur noch schreiben kann. Ich finde es gut, wenn ich meinen Geschirrspüler noch selber aus- und einräume oder einkaufen gehe. Das hat auch mit Wirklichkeit zu tun. Ich möchte den Zusammenhang mit dem richtigen Leben nicht verlieren.

Was wäre im Hinblick auf Ihre Schriftstellerkarriere passiert, wenn Sie nicht in einer bekannten (DDR-)Schriftstellerfamilie aufgewachsen wären?

Bei uns zu Hause wurde immer viel über Literatur gesprochen, ich habe immer sehr gute Bücher zum Lesen bekommen und habe die Arbeit eines Schriftstellers immer als etwas Normales erlebt, das heißt, ich hatte sicher weniger Scheu, mit dem Schreiben zu beginnen. Andererseits wollte ich mich von dem, was bei uns in der Familie das Normale war, natürlich absetzen, das heißt, ich wollte lange Zeit überhaupt nicht Schriftstellerin werden und habe zunächst versucht, aus der Familientradition auszuscheren.

Was genau hat Sie abgeschreckt?

Ich habe die ganze Kindheit über gehört: „Ach, du bist die Enkelin von …“, „Du bist die Tochter von…“. Das hat mich geärgert. Ich wollte natürlich als jemand wahrgenommen werden, der eigene Ideen hat. Ich habe viel gezeichnet und dann schließlich Opernregie studiert. Geschrieben habe ich nur für mich, ohne es meinem Vater oder meiner Großmutter zu zeigen. Auch, als ich dann einmal ein Manuskript zu einem Verlag geschickt habe, wollte ich nicht Schriftstellerin werden. Ich wollte nur schauen, ob dieses eine Manuskript vielleicht gedruckt werden würde, und dann wäre es auch wieder gut gewesen.

Hat der Mauerfall geholfen?

Der Mauerfall hat insofern geholfen, als im Westen kein Mensch meine Familie kannte. Als der Eichborn Verlag mein Manuskript annahm, wusste ich, dass sie tatsächlich den Text gut finden und ihn nicht etwa aus Interesse an meiner Familie veröffentlichen. Das hat mich gefreut: Ich kam in den Westen und war irgendjemand.

Sie haben auch in „Aller Tage Abend“ wie beispielsweise in „Heimsuchung“ Lebensorte Ihrer Großeltern und biografische Eckdaten als Inspiration genutzt. Was kommt als nächstes?

Ich habe schon bei „Aller Tage Abend“ gezögert, die Orte, durch die auch meine Großeltern gegangenen sind, überhaupt als Anhaltspunkt für mich zu nehmen. Ich wusste, dass ich immer danach gefragt werden würde. Viele denken, ich wolle vor allem das große Geschichtspanorama oder meine Familiengeschichte erzählen. Nur wenige verstehen, dass das eigentlich Authentische in meinen Büchern der Blick ist, den ich auf das Material werfe, sei dieses Material nun familiengeschichtlich belegt, recherchiert oder erfunden. Das Interessante ist doch, dass sich bestimmte Strukturen in weltpolitischen Zusammenhängen ebenso wie am häuslichen Abendbrottisch finden. Gern würde ich beim nächsten Buch einmal mehr „mikroskopisch“ vorgehen. Ein Kammerspiel schreiben. Ein Kammerspiel in Prosa.


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