Zu wenig „Plus-Size“-Blogs in Deutschland Bloggen gegen die Ästhetikdiktatur

Von Manuela Kanies


Osnabrück. Wo finde ich hübsche Kleidung jenseits von Größe 38? Wo finde ich Models, die nicht superdünn sind? Wo finde ich deutsche Blogs, die das thematisieren? Wer diese Fragen beantwortet haben möchte, muss viele Blogs durchstöbern, bis er endlich auf die richtigen stößt. Warum die Modeblogszene in Deutschland noch nicht so vielfältig ist wie in England oder den USA, lässt sich nur schwer beantworten.

Die Vorbilder fehlen jedenfalls nicht. Wer nach deutschen „Plus-Size“-Bloggern sucht, braucht allerdings viel Geduld oder Insider-Tipps. In England, Frankreich oder den USA gibt es zahlreiche Blogs zu dem Thema. Ein Beispiel von vielen ist Tess Munster aus Pasadena, Kalifornien. Das „Plus-Size“-Model inszeniert sich auf ihrem Blog als amerikanisches Pin-up-Girl und zeigt, dass auch Frauen mit Rundungen sexy aussehen können. Die französische Bloggerin Stephanie Zwicky bringt es ihrem Blog auf den Punkt: „Stil ist keine Größe, sondern eine Einstellung.“ Demzufolge zeigt sie sich auch schon einmal im Bikini oder im figurbetonten Kleid.

Auch in Magazinen sind „Plus-Size“-Themen angekommen: Die italienische Vogue hat einen Ableger für kurvige Frauen, die „Vogue Curvy“. Das deutsche Frauenmagazin „Brigitte“ machte Anfang 2010 zwar einen Vorstoß in diese Richtung, indem sie Modestrecken ohne Models produzierte. Im September 2012 wurde dieses Vorhaben aber wieder eingestellt, unter anderem mit der Begründung, Frauen fühlten sich minderwertig beim Anblick der unprofessionellen, aber schön inszenierten Models.

Während in England, Frankreich und den USA zahlreiche Frauen mit Kurven bloggen, herrscht in Deutschland weitestgehend Schreibstille. Eine der „Plus-Size“-Bloggerinnen, die zu ihrer Figur steht und anderen Tipps gibt, ist Luciana Schmidt. Auf ihrem Blog luziehtan.de zeigt sie, wie sie sich anzieht und stellt neue Kosmetik-Artikel vor. Das verfolgen im Monat 40.000 Leser, der Markt ist also da. „‚Plus Size‘ wächst, so gibt es mittlerweile mehr Blogger, die über das Thema schreiben, die wunderschönen Models werden häufiger gebucht und werden bekannter“, erklärt Luciana Schmidt. Ein weiterer Erfolg: Zum ersten Mal gab es dieses Jahr zur Fashion Week in Berlin eine „Plus-Size“-Messe. Dort war auch Bloggerin Alegra Schminke zu Gast, eine der bekanntesten „Plus-Size“-Bloggerinnen Deutschlands. Sie präsentiert auf dollface.de ihre Outfits in Größe 44/46 in selbstbewussten Posen und zeigt, dass sie sich nicht verstecken muss. „Ich fände es entspannt und erfrischend, wenn man das eigene Empfinden für Ästhetik hinterfragt und Grauzonen zulässt“, beschreibt die 27-Jährige das Ziel, das sie mit ihrem Blog verfolgt.

Die 23-jährige Luciana Schmidt ist ebenfalls gerne „Plus-Size“-Bloggerin, sie ist stolz darauf, weil es eben noch nicht so viele in Deutschland gibt. Dennoch würde sie sich freuen, „wenn es den Begriff ’Plus Size‘ irgendwann nicht mehr gibt, da wir wirklich alle gleich sind“.

Doch nicht nur die überwiegend fehlenden Models in Übergröße stoßen auf Kritik, auch die fehlende aktuelle Mode. Oftmals sei die Kleidung sehr eintönig, es gebe wenig Extravagantes, merkt Alegra Schminke im Interview mit fashiondaily.tv an. Luciana Schmidt berichtet ebenfalls, dass die Auswahl in Übergrößen nicht sonderlich groß und stylisch ist.

Über die Schwierigkeiten beim Kleiderkauf, die Modeindustrie und deren Hang zur Perfektion machte sich auch Bloggerin Journelle Gedanken. Zufällig brachte sie mit ihrer Aktion #609060 auf Twitter und Instagram einen Stein ins Rollen. Jetzt, im August, feiert diese Aktion sozusagen einjährigen Geburtstag. Die Bloggerin, sie möchte lieber anonym bleiben, da sie ihre Blog-Identität stark von ihrer beruflichen trenne, erfreut sich immer noch täglich über zahlreiche Unterstützer. Viele Personen fotografieren sich regelmäßig, 287 haben bislang mitgemacht, berichtet Journelle. „Ich habe jedes Bild des Hashtags gesehen und es wird nicht langweilig“. Insgesamt waren es bis zum 28. August 10221 Beiträge bei Instagram. Für die Bloggerin ist das aber kein Grund, damit aufzuhören: „Es wird weitergehen wie bisher. Ich mache Fotos von mir mit dem Hashtag und viele andere auch. Mal sehen, wie lange das geht.“

Andere Blogger bedanken sich bei ihr für die Aktion: Zum Beispiel „Frau Mutti“. Anlässlich des Geburtstages hat die Bloggerin in einem kleinen Video all ihre Fotos zusammengestellt, die sie in einem Jahr gemacht hat. Diese 326 Fotos zeigen einen Einblick darin, wie sie sich jeden Tag kleidet, manchmal lustig posiert, und vor allem eines demonstriert: Dass sie sich dank #609060 gut findet, wie sie ist.

„Im Grunde geht es mir und bei #609060 weniger darum, welche Figur jemand hat als vielmehr um die Akzeptanz und Darstellung des Körpers, den man nun einmal hat. Dabei ist dick, dünn, groß, klein und so weiter, egal“, erklärt sie die Intention ihres Blogs und des Hashtags. Ein Kampf gegen die „Ästhetikdiktatur“, die im Modebereich noch überwiegend vorherrscht. Damit hat Journelle eine Diskussion angestoßen, die längst überfällig war. Auch Luciana Schmidt schließt sich diesem Gedanken an: „Wir haben aber eigentlich die schönste Mission von allen, nämlich den Frauen da draußen ’beizubringen‘, dass sie schön sind, egal, welche Größe sie tragen, welche Figur sie haben oder was die Waage sagt.“

Eine kleine persönliche Blogroll der Autorin, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (basierend auf Blogrolls oder Tipps via Twitter, danke dafür):

Lu zieht an

Dollface

Tess Munster

Le Blog de Big Beauty

Nadia Aboulhosn

In fat style

Beauté Plantureuse

Conservatory Girl

Reizende Rundungen

Girl with Curves

Curios Fancy

Byanika

Femme Fatale

Jay Miranda

Kathastrophal

Style has no size

From the corners of the Curve

Garner Style

Mrs Bebeblog

Wait until the sunset


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