Heute Abend im Arte-Programm Film über Ursachen und Folgen des Männerüberschusses in Asien

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das dramatische Ungleichgewicht der Geschlechter in der indischen Gesellschaft ist deutlich sichtbar in den Schulklassen. Hier sitzen wesentlich mehr Jungen als Mädchen.Das dramatische Ungleichgewicht der Geschlechter in der indischen Gesellschaft ist deutlich sichtbar in den Schulklassen. Hier sitzen wesentlich mehr Jungen als Mädchen.

Osnabrück. In vielen Ländern Asiens gibt es wesentlich weniger Frauen als Männer. Welche Gründe dazu geführt haben und welche Auswirkungen sich nicht nur im Leben einzelner sondern weltweit zeigen, erläutert die beeindruckende Dokumentation „Bloß keine Tochter!“ am 19. Juni um 20.15 Uhr auf Arte.

Es sind zahlreiche Strukturen, Ereignisse und Einflussnahmen, die Antje Christ und Dorothe Dörholt zu einem äußerst informativen Film zusammen geflochten haben: Frauen, die als Sexsklavinnen gehalten werden. Kleine Mädchen, die entführt werden. Männer, die depressiv oder aggressiv sind, weil sie keine Frau finden, mit der sie eine Familie gründen können. Westliche Politiker, die Regierungen von Entwicklungsländern nur dann finanzielle Unterstützung zusichern, wenn diese dafür sorgen, die Geburtenrate ihres Landes zu reduzieren. Gesellschaften, in denen männliche Nachkommen als wertvoller gelten, weil sie die Alters- und Krankenversicherung für ihre Eltern darstellen. Ärzte, die vor der Geburt das Geschlecht des Kindes feststellen. Frauen, die keine Ausbildung genießen dürfen. Mediziner, die Frauen reihenweise sterilisieren. Die Wirkung von Propaganda auf Menschen. Und, und, und.

Dörholt und Christ zeigen mit diesen Informationen, welches Konglomerat verschiedener Ursachen dazu geführt hat, dass in manchen Teilen Indiens und Chinas auf 100 Männer weniger als 80 Frauen kommen: China habe einen statistischen Männerüberschuss von 30 Millionen, heißt es im Film. Und sie erläutern, zu welchen Konsequenzen das führt: Viele dieser „Kahlen Äste“, wie in China Männer genannt werden, die allein bleiben, werden depressiv, andere werden übergriffig, erniedrigen Frauen, entführen oder vergewaltigen sie.

Wie lange sie an diesem Film gearbeitet haben? „Die intensive Zeit hat ein Jahr gedauert“, sagt Dorothe Dörholt. Aber in diesen Film ist wesentlich mehr eingeflossen als das, was zwei Menschen innerhalb eines Jahres entdecken, drehen und mit Material aus Archiven soweit untermauern können, das weltweite, tief in die Geschichte reichende Strukturen deutlich werden. Zumal: An keiner Stelle wird der Zuschauer von dem vielen Wissen erschlagen. Die beiden Autorinnen beweisen viel Fingerspitzengefühl in dem, was sie auf welche Weise im Film transportieren wollen und können. Aber: Leichte Kost ist diese Dokumentation nicht.

Doch zurück zum Anfang. Antje Christ und Dorothe Dörholt arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen. Nachdem sie eine Dokumentation über die Vergewaltigung von Frauen in Indien abgedreht hatten, wollte Antje Christ anschließend einem Aspekt tiefer auf den Grund gehen: Welche Ursachen liegen diesen Vergewaltigungen zu Grunde? Genauer: Liegt es auch daran, dass es in Indien wesentlich weniger Frauen als Männer gibt? Und was genau steckt wiederum dahinter? Und so machten sich Dörholt und Christ erneut an die Arbeit eines gemeinsamen Films, erzählen sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Ihnen ist es nicht nur gelungen, betroffene Frauen und Männer vor die Kamera zu holen und aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie untermauern das Gezeigte mit Funden aus Archiven, beispielsweise aus dem der Rockefeller Foundation. Sie belegen, wie westliche Politiker und Mediziner daran gearbeitet haben, die Geburtenrate in Entwicklungsländern zu minimieren. Weil es belohnt wurde, weniger Kinder zu haben, haben die Frauen – sobald es medizinisch möglich war, das zu erkennen – zumeist die weiblichen Föten abgetrieben. Söhne werden kulturell bevorzugt, weil sie die Verdiener in den Familien sind.

„Sie haben den falschen Hebel angesetzt“, kommentiert Dorothe Dörholt diese Form der Bevölkerungspolitik. Sinnvoller wäre es gewesen, Mädchen eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Auf diese Weise können sie sich und ihre Familien später absichern und: Frauen mit Ausbildung bekommen weniger Kinder. Zugleich bleibt das Mengenverhältnis von Männern und Frauen natürlich.

Besonders den umfangreichen historischen Komplex im Film angemessen und verständlich aufzuzeigen, sei schwer gewesen, erzählt Antje Christ. Darüber hätten sie lange diskutiert. Während sie das für den Film stimmig gelöst haben, haben sie auf eine Frage keine Antwort gefunden: Warum Frauen in Ländern mit Männerüberschuss oft so übel behandelt werden. „Eigentlich ist doch das, an dem es einen Mangel gibt, besonders wertvoll“, zitiert Dorothe Dörholt die Politologin Valerie Hudson, die auch im Film zu Wort kommt.

Bloß keine Tochter! 19. Juni, 20.15 Uhr, Arte


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN