Houellebecqs „Unterwerfung“ Herr Selge, können Sie AfD-Wähler verstehen?

Von Daniel Benedict

In der Ein-Mann-Inszenierung von Houellebecqs „Unterwerfung“ wurde Edgar Selge zum Schauspieler des Jahres. Foto: rbb/NFP/Manon RenierIn der Ein-Mann-Inszenierung von Houellebecqs „Unterwerfung“ wurde Edgar Selge zum Schauspieler des Jahres. Foto: rbb/NFP/Manon Renier

Berlin. Wie denken Sie über Houellebecqs körperlichen Verfall? Kriegen Sie Applaus von der falschen Seite? Sind Sie religiös? Edgar Selge spricht über seinen ARD-Film „Unterwerfung“.

In der Ein-Mann-Inszenierung von Houellebecqs „Unterwerfung“ wurde Edgar Selge zum Schauspieler des Jahres. Am kommenden Mittwoch zeigt das Erste eine Fernsehfassung des Abends. Schon die Programmierung eines Theaterfilms zur Hauptsendezeit ist ein Wagnis. Auch der Stoff, der eine Islamisierung Frankreichs fantasiert, erfordert so viel Mut, dass das Erste sicherheitshalber eine Maischberger-Diskussion anschließt. Vor der Ausstrahlung erzählt Edgar Selge, wie er über die Religiosität der Migranten denkt und über die Angst vor dem Islam. Er verrät, was der Verfassungsschutz zum provokanten Houellebecq-Abend gesagt hat – und wie man einen dreistündigen Theaterabend im Alleingang bewältigt.

Herr Selge, Sie spielen in „Unterwerfung“ nicht nur einen Text von Michel Houellebecq, sondern in einer Schlussszene auch ihn selbst – und damit einen Menschen, der sich ganz bewusst körperlich verfallen lässt. Wie wirkt seine Erscheinung auf Sie?

Mir gefällt der Grad seiner Uneitelkeit, der Mut zum Hässlichen, was seine Haut, seine Zähne, seine Frisur und Kleidung betrifft. Er konfrontiert uns mit einer Form des Menschseins, mit der wir selbst uns normalerweise nicht so gern konfrontieren. Plump könnte man doch sagen, er sieht aus wie ein Penner. Er hat das zum Markenzeichen gemacht, aber ich halte es auch für ein Statement.

Wofür oder wogegen?

Gegen die Schönheitsideale, die wir uns auferlegen. Gegen den Konsumismus überhaupt. Gegen unser eigenes Erscheinungsbild. Vor allem beeindruckt mich, wie er mit seinem eigenen Leben experimentiert.

Sehen Sie sein Auftreten als absichtsvolle Rolle? Ist er ein Schauspieler?

Im Leben ist alles Theater. Wir beide, wie wir hier im Interview sitzen, spielen unsere Rollen. Ich glaube, Houellebecq ist das sehr bewusst. Er spielt in jedem seiner Romane eine Rolle, auch seine Figur François ist eine. Bei Houellebecq sind die Selbstinszenierung und eigentlich sein ganzes Leben auf Provokation hin angelegt. Er hält vieles in der Schwebe, auch wenn er teilweise pseudoreaktionär rüberkommt. Auch das ist eine Pose. Er hat enorm viel Sinn für Spontaneität, und er ist mir schon deshalb nahe. Auch im Wortsinn ist er ein guter Schauspieler. Im Film „Die Entführung des Monsieur Houellebecq“ spielt er sich selbst. Das macht er ganz toll. (Houellebecqs „Unterwerfung“: Ist der Roman ein Skandal?)

In Ihrem Film sieht man einmal, wie das Publikum im Hamburger Schauspielhaus sich über eine anstößige Passage empört. Gefällt Ihnen selbst die Provokation auch ein bisschen?

Was mir an der Rolle von Houellebecq am besten gefällt, ist etwas, das sicher noch tiefer geht und nicht nur Pose ist: die ungeheure Erschöpfung. Er beschreibt die Westeuropäer im Grunde als Müdigkeitsgesellschaft. Sich selbst bezeichnet er als Autor der absoluten Schlaffheit. Ich mag das, weil es eine große Anstrengung von mir nimmt. Seine Bücher zeigen mir, wie ich mich in meinem eigenen Leben anstrenge, alles richtig zu machen, alles zu begreifen, die richtigen Bücher zu lesen, die richtigen Gedanken zu haben. Auch die Art, in der er sich seinen sexuellen Träumen überlässt und sich damit bewusst lächerlich macht – sich und die Männer überhaupt –, all das gefällt mir.

Der Film „Unterwerfung“ zeigt und erweitert einen Theaterabend. Am Anfang ist von einer möglichen Bedrohung durch Islamisten die Rede. Gab es die wirklich?

Nein. Wir hatten dem Verfassungsschutz das Stück geschickt und gebeten, es auf eine mögliche Gefährdungslage hin zu lesen. Der Anschlag im Bataclan hatte gerade erst stattgefunden; da hatte ich schon ein bisschen Angst. Aber die haben uns beruhigt. Erst mal fanden Sie das Stück nicht islamophob; und dann sind wohl auch ganz andere Veranstaltungen als so ein Theaterabend gefährdet.

Unterwerfung unter einen starken Text: Edgar Selge in Karin Beiers Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman. Foto: rbb/NFP/Christine Schroeder

Und wenn die Auskunft gewesen wäre: Herr Selge, nach diesem Abend haben Sie eine Fatwa am Hals?

Das ist Gott sei Dank eine hypothetische Frage. Die kann ich nicht beantworten. Ich halte mich nicht für einen Helden; aber ob man plötzlich doch für etwas eintreten möchte, mit allen Konsequenzen, das zeigt sich nur in der konkreten Situation.

Sie haben gespielt, als vor dem Schauspielhaus die G-20-Proteste tobten. Der Anschlag auf den Breitscheidplatz fällt in die Zeit Ihrer Aufführungen. Wie prägt das die Stimmung im Saal?

Ich dachte, das macht uns die Aufführung kaputt, aber das Gegenteil war der Fall. Es erhöht die Energie. Das Stück beschwört eine bürgerkriegsähnliche Situation. Sie wissen, was das ist, wenn Sie das Theater weder mit dem Auto noch mit der S-Bahn erreichen, weil alles gesperrt ist. Das war beim G-20-Gipfel so.

Die Grundstimmung im Theater scheint heiter zu sein. Das hat mich bei einem polarisierenden Thema gewundert, bei dem sich jeder sofort in ein Freund-Feind-Schema eingeordnet fühlt.

Das Theater schafft es, jeden als Einzelnen zu erreichen. Der Zuschauer lacht oder ist still oder erschrocken, wo es ihn persönlich betrifft, aber er hat keinen Druck, sich zu positionieren. Wenn Sie eine Publikumsdiskussion anregen, ist das sofort ganz anders. Wenn jeder mithört, was man sagt, fährt die Schere im Kopf aus.

Hatten Sie manchmal das Gefühl, Applaus von der falschen Seite zu kriegen?

Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Im Zusammenhang mit diesem Abend bin ich nicht so kritisch; ich lasse den Leuten ihre Gefühle. Ich verurteile niemanden, der seine Angst vor Migranten artikuliert. Oder auch seine Unzufriedenheit mit der Bundesregierung.

„Unterwerfung“ beschreibt eine kollektive Konversion vom Christentum zum Islam. Spielt Religion für Sie eine wichtige Rolle?

Ja, sie spielt eine große Rolle, und sie hat meine Kindheit geprägt. Ich bin protestantisch aufgewachsen mit Eltern, für die der Glaube nicht nur eine Konvention war, sondern ihr Lebensinhalt. Mit 14 Jahren ist meine Religiosität dann weggegangen und durch den Umgang mit Literatur und Musik ersetzt worden. Im Alter kommt sie wieder, und ich blicke auf die vergessene Religiosität meiner Kindheit zurück wie auf einen verwilderten Garten. Und ich finde doch irgendwie schön, dass sie da ist. Ich kenne mich auch in der Bibel gut aus. Und es fällt mir nicht so schwer, meine metaphysischen Bedürfnisse zu entdecken. Der Houellebecq-Abend fragt ja ganz stark: Was ist euch eure eigene Religiosität eigentlich noch wert? Das war natürlich ein Anlass für mich, über den Zusammenhang von Christentum und Humanismus, Menschenrechten und Demokratie nachzudenken.

Glauben Sie, dass es auch den Leuten so geht, die eine Islamisierung des Abendlandes fürchten? Oder sind die derzeit viel beschworenen christlichen Wurzeln eher eine Geste der Abgrenzung?

Die Gefahr ist doch, dass wir im Turbokapitalismus unser Heil nur noch im Konsum suchen. Und dass uns jede metaphysische Erdung fehlt. Durch die vielen Migranten kommt viel Religion ins Land, auch wenn die ihre Gemeinden eher in den Gewerbegebieten haben. Aber es sind an die fünfzig verschiedene Religionen. Und für all diese entwurzelten Menschen spielt ihre Religion eine ganz wesentliche Rolle, damit sie überhaupt noch ein Gefühl von Identität und Gemeinschaft haben. Das provoziert natürlich, bewusst und vor allem unbewusst. Dass die etwas mitbringen, was wir nicht mehr haben – das macht, glaube ich, viele wütend. Ich denke, ein Abfallprodukt des Kapitalismus ist eine Lebensmüdigkeit. Aber nur Konsument zu sein reicht nicht aus, um 70, 80 Jahre sein Leben gern zu leben. Und was es heißt, am Leben zu hängen und um sein Leben zu kämpfen, das zeigt uns jeder Migrant, der unglaubliche Schwierigkeiten auf sich nimmt, um sein Leben hierher zu retten.

Das ist eine schöne Erklärung für hässliche Affekte, die aus der Richtung von AfD und Pegida kommen.

Natürlich kann man das als hässlich bezeichnen, man muss es aber zunächst mal verstehen. Es ist in diesem Land einfach ein Riesenumbruch in Bewegung gesetzt worden. Der „Spiegel“ titelt provokant, aber nicht unbegründet mit der Frage: „Ist das noch meine Heimat?“ Die Ängste sind groß, und es gibt keine versöhnliche Form der Diskussion darüber. Deutschland als Einwanderungsland – das ist ein Thema, das jeden Einzelnen angeht, aber es wird viel zu wenig darüber gesprochen, was das heißt. Und, vor allem, die Kommunen werden viel zu wenig in die Frage einbezogen, wie wir alle mit der Integration umgehen wollen, wo die Migranten wohnen sollen, wie viele wir aufnehmen wollen. Es wird über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden, und das erweist sich als Bumerang. Insofern würde ich viele von den AfD-Wählern genauso ernst nehmen wie alle anderen auch.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie das Theater als Gelegenheit lieben, fremde statt eigener Worte zu sprechen. An anderer Stelle sagen Sie, dass Sie auf der Bühne mit allem beschäftigt sein wollen – nur nicht mit sich selbst. Gefällt Ihnen Houellebecqs „Unterwerfung“ auch als Geschichte eines freiwilligen Selbstverlusts?

Also dieser Text erfordert von mir als Schauspieler zuerst mal die totale Unterwerfung. Es ist ungeheuer mühevoll und anstrengend, diesen Abend so vorzubereiten, dass ich mit Lust auf die Bühne gehen kann. Die Probenzeit war Knochenarbeit. Das muss ich einfach sagen. Letzten Endes ist aber wohl genau das die Spannung, die ich in meinem Leben suche: die Unterwerfung unter einen starken Text. Ich diene dem Text, indem ich ihn sehr genau lerne, und versuche darüber gleichzeitig, ein Maximum an Freiheit in mir selbst zu entdecken. Einfach in der Art, wie ich ihn aufnehme. Die Anstrengung, den Text parat zu haben, ist riesig. Man ergibt sich in ein echtes Papageientum, um die Grundlage für die Arbeit zu schaffen. Aber je stärker ich mich in die Richtung der Unterwerfung treibe, desto deutlicher spüre ich, wo auf der anderen Seite meine Freiheitsbedürfnisse sind.

Was ist das Schwierigste, wenn man drei Stunden allein auf der Bühne steht?

Kondition und Gedächtnis.

Wie haben Sie sich den Roman erarbeitet: Waren Sie an der Bühnenfassung beteiligt?

Es gab natürlich einen Vorschlag von Karin Beier, der noch viel umfänglicher war. Zehn Tage haben wir gelesen und gestrichen, ich selbst habe wieder Passagen reingebracht. Aber es hilft nichts, irgendwann muss man anfangen, Seite für Seite zu lernen. Es ist eine Bergkraxelei, bei der es zum Gipfel hin immer schwerer wird.

Ist die Souffleuse am Ende genauso schweißgebadet wie Sie?

Nein, sie profitiert, genau wie ich, von einer langen Erfahrung im Beruf.

Verändert sich die Inszenierung von Abend zu Abend?

Wie jeder Theaterabend verändert sie sich durch zwei Komponenten: durch das Publikum und durch meine Tagesform. Ich versuche, die Stimmung wahrzunehmen und mich als den zu nehmen, der ich an dem Abend bin. Das ist etwas, das alle Theaterschauspieler über sich lernen: dass man nie der Gleiche ist. Es besteht eine Nicht-Wiederholbarkeit, der man Raum geben muss. Gleichzeitig braucht es die unglaubliche Mühe, genau am Text zu bleiben und die Grundschienen einzuhalten. Regisseure sagen immer: So war’s perfekt – mach es nie anders! Wenn Sie als Schauspieler irgendwas wissen, dann dies: Das Prinzip Wiederholung gibt es im menschlichen Leben nicht.

Sagen Sie das Regisseuren in derselben Deutlichkeit?

Ich möchte bei niemandem eine Depression auslösen.


Edgar Selge wird am 27. März 1948 in Brilon geboren und wächst in Herford auf, in unmittelbarer Nähe zur JVA auf, die sein Vater leitet. Nach einem abgebrochenen Klavierstudium und mehreren Jahren als Philosophiestudent wird er an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule Schauspieler. Selge spielt im Ensemble des Berliner Schillertheaters und der Münchner Kammerspiele und gastiert am Burgtheater in Wien. Zu seinen Regisseuren zählen Dieter Dorn, Thomas Langhoff und George Tabori. Mit Jan Bosse erarbeitet er am Deutschen Schauspielhaus in Berlin Goethes „Faust“. Seine bekannteste Fernsehrolle ist der einarmige „Polizeiruf“-Kommissar Jürgen Tauber, den er von 2001 bis 2009 17-mal verkörpert. Zwei der Fälle erhalten den Grimmepreis. Am 6. Juni zeigt das Erste zur Primetime „Unterwerfung“, eine Adaption von Michel Houellebecqs kontroversem Roman über eine Islamisierung Europas. Der Film fußt auf Karin Beiers Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus, für die Selge als Schauspieler des Jahres ausgezeichnet wird. Im Anschluss diskutiert Sandra Maischberger den Stoff. Seit 1985 ist Selge mit seiner Kollegin Franziska Walser verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.

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