Risse im Bilderbuchleben Preisgekrönte Miniserie: Vox zeigt „Big Little Lies“

Von Harald Keller

Werden zu Freundinnen: Jane Chapman (Shailene Woodley, links) und  Madeline Martha Mackenzie (Reese Witherspoon). Foto: MG RTL D / NBCUniversal / Blossom FilmsWerden zu Freundinnen: Jane Chapman (Shailene Woodley, links) und Madeline Martha Mackenzie (Reese Witherspoon). Foto: MG RTL D / NBCUniversal / Blossom Films

Osnabrück. Die traumhafte Landschaft täuscht: Der US-Mehrteiler „Big Little Lies“ erzählt subtil von Lebenslügen.

Im vergangenen Jahr war „Big Little Lies“ der große Sieger der US-Fernsehpreissaison. Die Literaturverfilmung erntete Golden Globes, Emmys; das American Film Institute zählte die Produktion zu den zehn besten Fernsehsendungen des Jahres. Ein Triumph für den Bezahlsender HBO, insbesondere aber für die Hauptdarstellerinnen Nicole Kidman und Reese Witherspoon.

Die beiden Schauspielerinnen, seit langem engagiert im Kampf gegen häusliche Gewalt, eines der Themen dieses Mehrteilers, hatten gemeinsam die Filmrechte an dem gleichnamigen Bestseller der australischen Schriftstellerin Liane Moriarty erworben und fungieren als Produzentinnen. Bei der filmischen Umsetzung entschieden sie sich gegen das Kino und für einen Fernsehmehrteiler.

Sieben Folgen

Die Vorteile liegen auf der Hand. In sieben mal fünfzig Minuten lassen sich die nuancierten Charakterzeichnungen und feinen Verästelungen des Romans weit besser ausführen. Die Erzählung gleicht einer Entdeckungsreise, lässt Raum für Details und eine präzise Figurenpsychologie.

Für die TV-Adaption wurde die Handlung von Australien ins kalifornische Monterey verlegt. Einer der schönsten Flecken dieser Erde, auf den ersten Blick eine heile Welt. Die Mackenzies, Wrights, Kleins leiden keine materielle Not. Jane Chapman (Shailene Woodley) ist da eher Außenseiterin. Neu zugezogen, alleinerziehend, vorerst noch arbeitslos. Glücklicherweise kann sie Madeleine Mackenzie (Reese Witherspoon) bei einem kleinen Missgeschick behilflich sein. Die herzliche Madeleine nimmt sich ihrer an und erklärt sie sogleich zu ihrer neuen Freundin. Damit erleichtert sie Jane und deren scheuem Sohn Ziggy die Eingliederung in die neue Umgebung.

Unter der Oberfläche brodelt es

Jane hat die Freundin bald bitter nötig. Eine Mitschülerin bezichtigt Ziggy, sie gewürgt zu haben. Ziggy bestreitet das. Jane glaubt ihrem Sohn. Renata Klein (Laura Dern), die Mutter des Opfers, ist außer sich, reagiert überzogen. Madeleine ergreift Partei für Jane; der Vorfall artet aus. Nicht der einzige Konflikt, der in Montereys feiner Gesellschaft unter der Oberfläche brodelt.

Für die TV-Bearbeitung des Romans gewannen Witherspoon und Kidman, die eine weitere Hauptrolle übernahm, mit dem Autor und Produzenten David E. Kelley einen der Mitbegründer des neueren Qualitätsfernsehens. Dem Ex-Juristen gelang über die Anwaltsserie „L. A. Law“ der Seiteneinstieg ins TV-Metier. Mit originellen, teils stilbildenden Serien wie „Picket Fences“, „Ally McBeal“, „Boston Legal“ machte er Furore, er gilt als einer der Besten seiner Zunft.

Aufforderung zum Hinterfragen

Raffiniert kleidet Kelley das kalifornische Sittenbild „Big Little Lies“ ins Gewand eines Kriminalfalls – jemand ist gewaltsam ums Leben gekommen. Die Details enthüllt Kelley erst nach und nach, blendet immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven hin und her. Das Stilmittel ist eine Aufforderung an das Publikum, das Gesehene zu hinterfragen.

Mit dem Frankokanadier Jean-Marc Vallée, mit dem Witherspoon und Laura Dern zuvor den Kinofilm „Wild“ gedreht hatten, fand sich der passende Interpret für diese Form, ein Regisseur mit Sinn für subtile Momente. Manchmal liegt die Aussage in einem kurzen Blick, wie dem von Madeleines ältester Tochter, die gerade ein vertrautes Gespräch mit ihrer Mutter führt, als ihre kleine Stiefschwester erscheint und Madeleines Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Ältere zieht sich enttäuscht zurück.

„Big Little Lies“ erzählt eine abgeschlossene Geschichte. Des großen Erfolges wegen wird es eine ursprünglich nicht geplante Fortsetzung geben, mit einem spektakulären Neuzugang: Meryl Streep ist neben Kidman und Witherspoon die dritte Oscar-Preisträgerin im auch sonst hochkarätig besetzten Ensemble.


TV-Ausstrahlung

„Big Little Lies“, Vox, am 30. Mai und am 6. Juni, jeweils ab 20.15 Uhr