500 Medienprofis in Wien Fünf Preise für die NOZ beim European Newspaper Congress  

Von Michael Clasen und Burkhard Ewert

Glanzvolle Kulisse: 500 Medienprofis haben sich im Wiener Rathaus zum European Newspaper Congress getroffen. Foto: Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/SchedlGlanzvolle Kulisse: 500 Medienprofis haben sich im Wiener Rathaus zum European Newspaper Congress getroffen. Foto: Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Schedl

Wien. Gleich fünf Preise hat die „Neue Osnabrücker Zeitung“ beim renommierten „European Newspaper Award“ in Wien erhalten – so viele wie noch nie. Damit zeichnete der „European Newspaper Congress" (ENC) herausragende Leistungen in redaktionellem Konzept und Design aus.

Wohin steuern Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter angesichts von Fake News, Facebook und fragileren Erlösmodellen? Beim „European Newspaper Congress" (ENC) in Wien tauschten sich mehr als 500 Chefredakteure und Medienmacher aus. Höhepunkt war die Vergabe des 19. European Newspaper Awards.

Insgesamt hatten sich 185 Zeitungen aus 27 Ländern an dem europaweiten Wettbewerb beteiligt. Fünf der begehrten Auszeichnungen gingen an die „Neue Osnabrücker Zeitung“, die NOZ-Vize Burkhard Ewert in Wien stellvertretend für die Redaktion in Empfang nahm. Für exzellent hält die hochkarätig besetzte Jury etwa eine Nachrichten-Seite zur 100-Tage-Bilanz von US-Präsident Donald Trump im Stil von Twitter-Nachrichten. Einen weiteren Preis erhielt die Fotoredaktion der NOZ für ein besonders atmosphärisches Titelbild. Allein drei „Awards of Excellence“ in der Rubrik „Konzept und Innovation“ gewann die Redaktion mit ihrem Projekt „Populismus. Positionen. Perspektiven“. In einer mehrmonatigen Serie hatten die Journalisten das Phänomen des Populismus in all seinen Facetten beleuchtet.

Dass Sichtweisen über die vermeintliche Wahrheit weit auseinandergehen können, darauf ging Bayer-Vorstandschef Werner Baumann in seinem Gastvortrag beim ENC ein. Insbesondere beim Streitthema Glyphosat wurde der Spitzenmanager der Chemiebranche angriffslustig. „Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung, aber keiner auf eigene Fakten“, sagte Baumann, der ein Verbot des Unkrautbekämpfungsmittels strikt ablehnte. Medien, Nichtregierungsorganisationen und Politik würden langfristige Erfolge von Wirtschaft und Gesellschaft dem kurzfristigen Schielen auf den eigenen Vorteil opfern, kritisierte der Manager.

Verleger Johann Oberauer, Co-Veranstalter des „ENC“, attackierte in seiner Rede Facebook. Dank des Skandals um Cambridge Analytica sei das Datenmodell in seiner Gefährlichkeit erkennbar geworden. Auch wenn es Marc Zuckerberg anders darstelle, „Facebook will dieser Gesellschaft nicht Gutes.“ Facebook ginge es einzig um den größtmöglichen Profit. „Blöderweise sind wir, wir alle, das Vehikel zur Erfüllung dieses Zieles.“ Die Sozialen Medien sprächen die „niedersten Instinkte von Menschen an und geben ihnen dabei einen Freiraum, wie das noch nie in der Geschichte der Menschheit möglich war“.

Feierliche Übergabe: Annette Milz, Chefredakteurin des Medium Magazins, und Norbert Küpper (rechts), Designer und Veranstalter des ENC, überreichten Burkhard Ewert, stellvertretender Chefredakteur der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, die Auszeichnungen. Foto: Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Schedl


Als eine „undemokratische Kommunikationsmaschine, die keinen Widerspruch duldet“ bezeichnete Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung aus Bonn, das US-Unternehmen. Facebooks auf undurchsichtigen Algorithmen basierende Geschäftspraktiken kritisierte er hart. „Die Intransparenz entzieht den sozialen Medien die Aufklärung“, so Krüger. Die Kritik an der marktbeherrschenden Stellung von Facebook, die gesellschaftlich zum vieldiskutierten Phänomen der Filterblasen führt, mischte er allerdings auch mit selbstkritischen Tönen. „Wir haben alle erst die Datenkrake zu dem gemacht, was sie ist“, so Krüger. „Wir haben selbst den mephistophelischen Pakt geschlossen.“

Ansonsten ging es beim ENC um Branchentrends, zu denen auch eine neue Wertschätzung für Qualitätsjournalismus in gedruckter Form zählt. Wer kompromisslos auf inhaltlichen Anspruch und modernes Design setze, könne sich vom allgemein negativen Auflagentrend abkoppeln. Dies gelinge auch durch das anhaltend hohe Interesse an zeitungsähnlichen Angeboten auf digitalen Endgeräten. Das E-Paper sei ein Wachstumsmarkt.

Keine Antworten, sondern eher skeptische Töne gab es auf die Frage nach Stand und Zukunft von neuartigen digitalen Journalismusangeboten, die auf den ENC-Kongressen der Vorjahre oftmals noch im Mittelpunkt gestanden hatten. Virtual Reality und Apps versprächen kaum noch, vielleicht gar kein Wachstumspotenzial, von tragbaren Endgeräten wie Uhren und Brillen war keine Rede mehr, und das Online-Werbevolumen entfalle fast ausschließlich auf US-Technologiekonzerne. Journalismus könne daher perspektivisch anscheinend nur eine flankierende Erlösquelle für Medienunternehmen sein, wie es Burda-Vorstand Philipp Welte sagte. Weitere Vorträge befassten sich denn auch mit unternehmerischer Diversifizierung, Markenpflege und Change-Management. Immer wieder ausführlich zur Sprache kam außerdem die Bedrohung der Pressefreiheit namentlich in der Türkei und in Osteuropa.