BR-Doku über Identitätsklau Spannend wie ein Krimi: „Der Mann, der zweimal starb“ im Bayerischen Rundfunk

Von Marcel Kawentel

Auf Spurensuche: Esther Fritsch von der Israelischen Kultusgemeinde (Tirol und Vorarlberg) blickt auf das Bild des möglicherweise falschen Ernst Bechinsky. Foto: BR/Nikolaus Geyrhalter FilmproduktionAuf Spurensuche: Esther Fritsch von der Israelischen Kultusgemeinde (Tirol und Vorarlberg) blickt auf das Bild des möglicherweise falschen Ernst Bechinsky. Foto: BR/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Osnabrück. Das BR Fernsehen zeigt am Mittwoch, 16. Mai 2018 auf dem Sendeplatz "DoX – Der Dokumentarfilm im BR" um 22.45 Uhr die ORF-BR-Koproduktion „Der Mann, der zweimal starb“ von Yair Lev als deutsche Erstausstrahlung.

Es beginnt wie ein Krimi, ein Krimi aus sehr persönlichem Blickwinkel. Die Mutter des israelischen Regisseurs Yair Lev wird unverhofft Erbin über Verwandte, zu denen sie lange keinen Kontakt mehr hatte. Doch dann stellt sich heraus, dass es noch weitere Erbansprüche geben könnte. Denn kurioserweise existiert eine zweite Todesurkunde für Levs in Wien geborenen und in Israel verstorbenen Großvater Ernst Bechinsky - rund 20 Jahre nach dessen Tod in Österreich ausgestellt. Yair Lev beschließt zum Detektiv in eigener Sache zu werden und recherchiert, was dahinter steckt: ein Missverständnis oder gar eine Verschwörung? Der Dokumentarfilm „Der Mann, der zweimal starb“ begleitet Lev dabei, geht jeder neuen Hypothese nach und ist dabei stets nah an den emotionalen Auswirkungen, die seine Enthüllungen auslösen.

Ein Nazi als Jude?

Mit Hilfe des Historikers Niko Hofinger entdeckt Yair Lev Unglaubliches: offenbar wurde die Identität seines Großvaters kurz nach dem 2. Weltkrieg von einem Mann gestohlen, der ihm sehr ähnlich sah. Der falsche Ernst Bechinsky war Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck/Tirol - obwohl er womöglich gar kein Jude war. Ein Skandal bahnt sich an. Die Spur des falschen Bechinsky führt zu Yair Levs Entsetzen in die Familie eines SS-Mitglieds. Es scheint, als habe sich ein Nazi als Levs Großvater ausgegeben um einer Bestrafung nach 1945 zu entgehen. Ein harter Schlag. Lev lernt im Zuge der Recherchen einen Nachfahren dieser offenbar auch nach dem Krieg noch nationalsozialistisch geprägten Familie kennen, der ihm zu seiner eigenen Überraschung sympathisch ist. Durch ihn denkt Lev zum ersten Mal darüber nach, dass es auch für Deutsche der Nachkriegsgeneration emotional belastend sein kann sich mit der Vergangenheit ihrer Familie zu befassen. Hier beginnt der Film über sich selbst hinauszuweisen, wird die Recherche zu einer eigenen Geschichte, der Geschichte einer Freundschaft über den historischen Graben des Holocaust hinweg. 

Stoff für einen Roman

Im Laufe der weiteren Untersuchungen stellt sich heraus, dass der Schnittpunkt im Leben des echten und des falschen Ernst Bechinsky weit vor Kriegsbeginn liegt und alles ganz anders ist als zunächst vermutet. Die Geschichte vom Identitätsklau wandelt sich, als eine Frau, Ilse Pollack, die Bühne dieses historischen Familiendramas betritt. Den Historiker Niko Hofinger haben die Zusammenhänge, die er und Lev im Folgenden ans Tageslicht bringen, so fasziniert, dass er sie in dem Roman „Maneks Listen“ verarbeitet hat. Darin zeichnet er den Lebensweg des falschen Ernst Bechinsky, der in Wahrheit Emanuel ‚Manek‘ Willner hieß, mit fiktionalen Mitteln nach, als Story eines Hasardeurs, der sowohl von den Nazis als auch von den Kommunisten verfolgt wurde.

Eine große Liebe

Auch „Der Mann, der zweimal starb“ schafft es mit dem erzählerischen Sog eines fiktionalen Stoffs eine sehr persönliche und bewegende Geschichte rund um die Nazizeit zu zeichnen, ohne dabei auf die hundertfach verwendeten Archivbilder des Schreckens zurückgreifen zu müssen. Der Film zeigt, auf welch tiefgreifende Weise die Naziverbrechen noch heute die Lebenswege mancher Menschen beeinflussen. Gleichzeitig gelingt es Filmemacher Yair Lev, der zuvor in bereits drei Dokus jüdische Persönlichkeiten porträtierte, eine positive Botschaft aus dieser Biografie voller Lügen zu ziehen, die sich letztlich als Geschichte einer großen Liebe unter lebensgefährlichen Bedingungen herausstellt. Dass der Film aus jüdischer Perspektive erzählt wird, macht ihn für ein deutsches Publikum besonders bereichernd - gerade in Zeiten, in denen die Aufarbeitung der Nazizeit zum Gegenstand politischer Grabenkämpfe geworden ist. 

Der Dokumentarfilm ist nach Ausstrahlung sieben Tage in der BR Mediathek unter www.br.de/mediathek zu sehen.