Neue ARD-Reihe am Freitagabend Heimatfilm 2.0 - "Daheim in den Bergen" im Ersten

Von Marcel Kawentel

HANDOUT - Undatiert: Sebastian Leitner (Walter Sittler, l) kann Lorenz Huber (Max Herbrechter) den Unfalltod seines Sohnes nicht verzeihen - Szene des Zweiteilers HANDOUT - Undatiert: Sebastian Leitner (Walter Sittler, l) kann Lorenz Huber (Max Herbrechter) den Unfalltod seines Sohnes nicht verzeihen - Szene des Zweiteilers "Daheim in den Bergen: Schuld und Vergebung". Die ARD zeigt den ersten Teil am 08.05.2018. (zu dpa "ARD-Zweiteiler «Daheim in den Bergen: Schuld und Vergebung» vom 02.05.2018) Foto: Erika Hauri/ARD/dpa - ACHTUNG: Honorarfrei - Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Film und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Osnabrück. Schon seit Längerem experimentiert Das Erste am Freitagabend mit reihentauglichen Einzelstücken. Der neueste Wurf, „Daheim in den Bergen“, versucht den Heimatfilm in die Gegenwart zu übertragen. „Schuld und Vergebung“ ist der erste von zunächst zwei Teilen und läuft am 4. Mai um 20.15 Uhr.

Nicht nur die Landschaft ist ein Traum, auch die Kombination der Handlungselemente dürfte manchen Fernsehmacher und viele Zuschauer ins Schwärmen versetzen: Vor der urigen Kulisse des Allgäus liegen zwei Sippen in einem erbitterten Rechtsstreit - Anwälte kann es im deutschen Fernsehen nie genug geben, dazu eine Fehde wie bei Romeo und Julia! Eine fesche Detektivin - Krimi geht immer - ermittelt in einem weiteren Familiendrama. Schließlich darf natürlich die Liebe nicht zu kurz kommen, in allen denkbaren Formen: alte Liebe, neue Liebe, enttäuschte Liebe, unerfüllte Liebe. Wem das noch nicht genügt, der bekommt auch noch Pferde: Ein junges Mädchen spricht seit einem schweren Unfall nicht mehr. Walter Sittler als Pferdetherapeut soll ihr helfen. Dass er selbst seinen behinderten Sohn bei einem tragischen Unfall verloren hat, ist nicht nur für die Charakterentwicklung praktisch, sondern auch Angelpunkt des eingangs erwähnten Zerwürfnisses zwischen den zwei Familien. Ja, „Schuld und Vergebung“, der erste von zunächst zwei Teilen der ARD-Reihe „Daheim in den Bergen“ muss viele Bälle in der Luft halten. Alle Klischees werden bedient, wer einen Film mit „Heim“ und „Bergen“ im Titel einschaltet, möchte eben bestimmte Dinge sehen. Doch im Kleinen präsentiert sich Karola Hattops Inszenierung nach dem Buch von Brigitte Müller überraschend subtil und modern.

Flucht ins Idyll

Der Heimatfilm hatte in der Nachkriegszeit den Segen der Alliierten Stoffe aus der Nazizeit neu zu erzählen, die als trivial und somit unbedenklich galten. Die Berge hielten als Zuflucht vor dem Kriegstrauma her. Ob Globalisierung und Digitalisierung ein ähnliches Bedürfnis nach Kuschelstories in überschaubaren Settings wecken wie die Nachkriegszeit, sei dahingestellt. Jedenfalls scheint der neue Heimatfilm ein junges Publikum ansprechen zu wollen. Dafür muss er sich allerdings weiterentwickeln. In „Schuld und Vergebung“ zeigt sich beispielsweise eine interessante Verschiebung der Geschlechterklischees. Da trennt sich ein Vater von seiner Frau, der Mutter seiner Kinder, die nun aber entgegen der Erwartung und bei ihm leben. Die Mutter ist karrierefixiert, von ihren Kindern entfremdet. Der einfühlsame Vater indes ist das, was im traditionellen Heimatfilm der Archetyp des schneidigen Jägers war: attraktiv für Frauen. Unterm Strich aber bleibt die Familie das höchste Gut, und wenn alle mal miteinander reden, wird das schon. Die Reduktion der Komplexität menschlicher Beziehungen ist ein wesentliches Element der Entspannung, die ein solcher Film dem Zuschauer bieten will.

Stadt und Land

Hauptfigur Lisa ist Anwältin in München und kehrt in ihre Heimat auf der Alp zurück um im Rechtsstreit ihrer Familie beizustehen. Der Stadtmensch und die Natur, auch das ist ein Standardthema des Heimatfilms. Dabei steht die Stadt als Erzählmotiv seit dem Beginn der Industrialisierung zumeist für die Entfremdung des Menschen von seinem eigentlichen Naturell. „Daheim in den Bergen“ überträgt diesen Konflikt ins Heute: Lisas Schwester Marie ist daheim geblieben und spürt die Blicke der Leute, die sie - unverheiratet und kinderlos auf der Alp - als unzeitgemäß wahrnehmen. Die Detektivin weist spitz darauf hin, dass ein Fünftel aller deutschen Frauen kinderlos sei, die könnten ja wohl kaum alle krank sein. Flacher Kitsch reicht eben nicht mehr, das Publikum hat sich im Zeitalter komplex erzählter TV-Serien weiterentwickelt. Die neue Seelen-Wellness muss subtil daherkommen. Allerdings nicht zu sehr. Filmmusik mit bedeutungsschwangeren Songtexten hilft, wenn es zu kompliziert wird: „Weil ich hierher gehör, ob ich will oder nicht“. Dem Heimatfilm hat der politische Kampf um den Heimatbegriff noch nichts anhaben können. Die Fortsetzung von "Daheim in den Bergen - Liebesreigen" zeigt Das Erste am Freitag, den 11. Mai um 20.15 Uhr.