zuletzt aktualisiert vor

ARD: Kein Tatort heute Abend Schräg: Polizeiruf 110 "Demokratie stirbt in Finsternis" aus Brandenburg

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Starker Auftritt: Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski und Jürgen Vogel in der Rolle des unter Mordverdacht stehenden Lennard Kohlmorgen. Foto: rbb/Christoph AssmannStarker Auftritt: Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski und Jürgen Vogel in der Rolle des unter Mordverdacht stehenden Lennard Kohlmorgen. Foto: rbb/Christoph Assmann

Osnabrück. Statt Tatort: Der Polizeiruf 110 kommt heute Abend aus Brandenburg und ist der fünfte Fall des deutsch-polnischen Ermittlerduos Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lukas Gregorowicz). Die bislang so überzeugende grenzüberschreitende Komponente spielt diesmal allerdings keine Rolle.

Die ersten Minuten sind meistens entscheidend, ob die Zuschauer dranbleiben oder umschalten. Entsprechend spektakulär fällt bei Tatort und Polizeiruf 110 häufig das Intro aus. Diesmal kennzeichnet den Auftakt des Krimis vor allem eines: Alltag.

Eine Kamerafahrt durch eine ganz normale Wohnung, eine Mutter mit ihrem Kind am Esstisch und beim gemeinsamen Zähneputzen. Die nachfolgende Nacht. Genau an dem Punkt, an dem man als Zuschauer beginnt, sich zu wundern, ist Schluss mit der Alltäglichkeit.

Ein Einbrecher ist in das Heim der beiden eingedrungen. Hat alles durchwühlt und ein ziemliches Chaos angerichtet. Unbemerkt von der Mutter, obwohl sie Polizistin ist. Doch das Schlimmste für die Brandenburger Polizeiruf 110-Kommissarin Olga Lenski (Sven Simon) ist: Der oder die Täter sind ihr und dem Kind (gespielt von Maria Simons Tochter Aenni Lade) ganz nahe gekommen, haben sie und ihre Tochter im Schlaf gefilmt. Mit ihrem eigenen Handy. Und das dann auch noch in der Wohnung liegengelassen. (So stark war der letzte Polizeiruf aus Brandenburg) 


Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) will herausfinden, wer für den Einbruch bei seiner Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) und ihrer Tochter Alma (Aennie Lade) verantwortlich ist. Foto: rbb/Oliver Feist


Fortan zeigt Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner (Buch gemeinsam mit Mario Salazar) eine Olga Lenski, wie sie das Publikum noch nicht erlebt hat: Verletzlich, ängstlich, zutiefst verunsichert. Will man ihr drohen oder Angst machen? Der Kollege Raczek (Lucas Gregorowicz) vermutet es und macht sich auf die Suche nach einem Mann, den Lenski vor Jahren zu Unrecht hinter Gitter gebracht hat.

Der Kommissarin hingegen steht der Sinn nicht nach Ermittlungen – sie will vor allem eins: raus. Für eine Weile vergessen, dass sie Polizistin ist. Matthias Glasner, der gerade erst für seinen ZDF-Zweiteiler „Landgericht – Geschichte einer Familie“ mit dem Grimmepreis ausgezeichnet wurde, bedient die Figuren seines Films nicht so wie man es erwarten könnte. Er hat nicht einfach eine weitere Folge mit ihnen geschrieben und inszeniert. Sondern vor allem Olga Lenski quasi neu aufgesetzt. (So war der erste deutsch-polnische Polizeiruf) 


Olga Lenski (Maria Simon) bittet ihren Gastgeber Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) und seinen Sohn Henry (Jona Eisenblätter) um Asyl. Foto: rbb/Oliver Feist


Während die Kollegen nach den Einbrechern fahnden, entscheidet sich Lenski für die Abgeschiedenheit eines Bauernhofs. Sie bringt das Kind bei ihrer Mutter unter und mietet sich ein Zimmer auf dem Hof des Sonderlings Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel), der gerade von seiner Frau Valeska verlassen wurde und mit der aufmüpfigen Tochter Ulrike und dem jüngeren Sohn Henry ein eigenwilliges Leben führt: Als sogenannter Prepper rechnet der frühere Arzt und Flüchtlingshelfer jederzeit mit dem Zusammenbruch der Zivilgesellschaft und versucht, vollkommen autark zu leben. 


Nervlich am Ende: Olga Lenski (Maria Simon) versucht, nach den Strapazen des Einbruchs an einem abgelegenen Ort Ruhe zu finden. Foto: rbb/Oliver Feist


Matthias Glasner nimmt sich viel Zeit, seine Geschichte zu erzählen und seine Figuren zu zeichnen. Zugute kommen ihm dabei die schauspielerischen Glanzleistungen von Maria Simon und Jürgen Vogel, die erstmals seit Simons Filmdebüt 1999 in „Zornige Küsse“ wieder gemeinsam vor der Kamera standen. Der Regisseur und Autor verzichtet zunächst sogar auf die Facette, die in kaum einem Tatort oder Polizeiruf fehlt: Einen Mord. (Matthias Glasner drehte mit Jürgen Vogel auch "Blochin") 


Regisseur Matthias Glasner bei den Dreharbeiten. Foto: rbb/Oliver Feist


Bis Kohlmorgens Frau tot aufgefunden wird. Erschossen mit einer Waffe, die ihrem Mann gehört. Hat Olga Lenski ausgerechnet bei einem Mörder Zuflucht gesucht? Bei einem Mann, den sie schon nach kurzer Zeit zaghaft ins Herz geschlossen und sogar geküsst hat?

Eine Stunde lang ist „Demokratie stirbt in Finsternis“ ein ebenso guter wie außergewöhnlicher Sonntagskrimi. Doch dann lässt Glasner immer mehr sonderbare Figuren aufmarschieren, wandelt sich seine Geschichte zu einer Art Endzeitdrama, das von Verschwörungstheorien durchzogen und von fehlgeleiteten Horden dominiert wird. 


Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, links) stellt sich dem aggressiven Cyberaktivisten Ulyssis (Dimitrij Schaad) entschlossen in den Weg. Foto: rbb/Oliver Feist


Der Regisseur selbst formuliert es so: „Gleich zu Beginn wird dem Sonntagabend-Krimi der Boden unter den Füßen weggerissen. Das Nicht-Zusammen-Passen wird zum Programm, alles und jeder in dieser Geschichte wirkt vereinzelt und bruchstückhaft. Sogar die Dramaturgie des Films: Es beginnt mit einem Raubüberfall, wird dann zu einer angedeuteten Liebesgeschichte, plötzlich gibt es eine Leiche. Und am Ende steht die Vision einer apokalyptischen Endzeit.“

Genau daran aber krankt dieser so stark startende Film: Mit zunehmender Spielzeit wird er überladen, verliert sein Maß, mutiert zur düsteren Fantasie. Fazit des Regisseurs: „Unser Polizeiruf 110 ist eine Reflexion über eine Welt, in der nichts mehr zusammenpasst.“ Schade, dass in seinem Film am Ende auch nicht mehr viel zusammenpasst. Aber vielleicht war das ja so gewollt.

Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis. Das Erste, Sonntag, 29. April 2018, 20.15 Uhr.


Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, links) gelingt es nur mit Mühe, den Konflikt zwischen Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel, Mitte) und dem Freund seiner Tochter, Alex (Karl Schaper), zu entschärfen. Foto: rbb/Oliver Feist


Olga Lenski (Maria Simon) fängt ihren ersten Fisch mit bloßen Händen! Fachmännischer Ratgeber: ihr Gastgeber Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel). Foto: rbb/Oliver Feist

 


Ulrike Kohlmorgen (Sofie Eifertinger) und ihr Freund Alex (Karl Schaper) sehen im Chaos der Situation die Chance auf einen Neuanfang. Foto: rbb/Oliver Feist

 


Olga Lenski (Maria Simon) legt sich mit Alex an (Karl Schaper), dem Anführer einer Gruppe Jugendlicher aus dem Dorf. Foto: rbb/Oliver Feist

  


Olga Lenski (Maria Simon) muss feststellen, dass die Frau ihres Gastgebers, Valeska Kohlmorgen (Patrycia Ziolkowska, Plakat), im Dorf nicht besonders beliebt ist. Foto: rbb/Oliver Feist

  


Wenn die Mutter mit der Tochter dreht: Olga Lenski (Maria Simon, links) freut sich mit ihrer Tochter Alma (Aennie Lade) über das neue Fahrrad, das sie von ihrer Großmutter als Wiedergutmachung bekommen hat. Foto: rbb/Oliver Feist

 


Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) bleibt im Zuge der Ermittlungen der Hauptverdächtige. Foto: rbb/Oliver Feist

  


Der Schriftzug: „Democracy Dies In Darkness“ (Demokratie stirbt in Finsternis), begegnet Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) im Zuge seiner Ermittlungen bei einer Gruppe junger Cyberaktivisten. Foto: rbb/Oliver Feist

 


Olga Lenski (Maria Simon, rechts) kann die Shopping-Begeisterung ihrer Tochter Alma Lenski (Aennie Lade) und ihrer Mutter Maria Lenski (Natalia Bobyleva) nicht teilen. Foto: rbb/Oliver Feist



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN