TV-Programm am Freitag Erstaunlich: NDR-Reportage über Russlanddeutsche in Cloppenburg

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Wenn die russlanddeutsche Pfingstgemeinde sich zum Gottesdienst versammelt. ist viel Nachwuchs dabei. Fotos: NDRWenn die russlanddeutsche Pfingstgemeinde sich zum Gottesdienst versammelt. ist viel Nachwuchs dabei. Fotos: NDR

Osnabrück. Es ist die kinderreichste Gegend in ganz Deutschland: die Region um Cloppenburg in Niedersachsen. Und warum? Auch, weil dort viele Russlanddeutsche leben, die sich in einer Pfingstgemeinde zusammengeschlossen haben. Dort leben sie ohne Fernsehen und Alkohol – aber mit viel Nachwuchs. Eine NDR-Reportage von Rita Knobel-Ulrich.

Ernst Fischer hat zwölf Kinder und acht Enkel. Und das mit 50 Jahren. „Alles Gottesgeschenke“ sagt er und sein erwachsener Sohn fügt hinzu: „Meine Arbeitskollegen feiern, wenn sie mit 30 ihr erstes Kind kriegen, und wenn ich dann sage: Ich hab schon fünf, dann staunen sie.“ Zwölf wären auch für das junge Brautpaar Annette und Steven okay. „Wenn das Gottes Plan für uns ist.“

Rita Knobel-Ulrich, die Autorin des Films, hat vor Jahren Russisch studiert und war schon vor der Perestroika in Russland unterwegs. „Ich war oft in russlanddeutschen Dörfern, und schon damals haben mich die Leute beeindruckt, die sich in ihren Häusern zum Beten versammelten, obwohl das damals verboten war“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber ich habe auch gedacht: Wartet mal bis ihr nach Deutschland kommt mit all seinen Versuchungen, dann ist das schnell vorbei.“

Alles für Gott

War es aber nicht – jedenfalls nicht für diejenigen, die sich in und um Cloppenburg angesiedelt haben. Und vorbei ist es auch nicht in zweiter oder dritter Generation. „Das machen wir alles für Gott“, sagt ein Mittvierziger in akzentfreiem Deutsch, der direkt nach der Arbeit zur Baustelle kommt, die Pfingstgemeinde in Eigenarbeit eine neue größere Kirche errichtet. „Fernsehen interessiert mich nicht so und macht auch die Augen kaputt“, sagt eine Jugendliche, die gefragt wird, ob sie nichts vermisst. „Gott will nicht, dass wir saufen oder rauchen oder vor der Ehe Sex haben“, sagt ein junger Mann, der am Freitagabend auf dem Kirchenbauplatz Holzbohlen streicht statt wie andere seines Alters feiern zu gehen.


Taufe in der russlanddeutschen Pfingstgemeinde in Cloppenburg.


„Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Leute unter Druck gesetzt werden, um mir das zu sagen“, sagt Rita Knobel-Ulrich. „Sie glauben an das, was sie sagen, sie leben das.“ Andererseits hat sie es nicht geschafft, an Menschen heranzukommen, die die Gemeinde verlassen haben. „Ich habe nur mit Gemeindemitgliedern gesprochen, die keinen Zweifel erkennen ließen.“

Ein Fernsehteam bei Fernsehskeptikern

Überhaupt musste die Fernseh-Journalistin erst einmal Vertrauen gewinnen bei Menschen, die vor laufender Kamera sagen: „Der Einfluss der Medien in Sachen Unmoral und Gewalt ist riesig, da braucht man nix zu vermissen, wenn man kein Fernsehen nicht hat.“ Aber sie hat es geschafft. „Ich habe mich nach dem Gottesdienst, zu dem fast tausend Menschen kommen, vorgestellt und ihnen gesagt, dass ich sie nicht in die Pfanne hauen will.“ Etliche Male war sie in Cloppenburg, über ein Jahr lang. „Einmal habe ich sogar meinen Mann mitgenommen, um zu zeigen, dass auch ich in geordneten Verhältnissen lebe“, sagt sie lachend. Und mit solchen vertrauensbildenden Maßnahmen hat sie es geschafft, sehr nah an die Familien heranzukommen: beim Grillen, beim Taufen, beim Heiraten, am Kaffeetisch.

Und bei eine Reise in die alte Heimat in Sibirien. „Sehr viele Leute hier bei uns wissen ja gar nicht, woher die Russlanddeutschen kommen, wie sie gelebt haben und was sie zurückgelassen haben“, sagt Knobel-Ulrich. „Das wollte ich auch zeigen, und deshalb habe ich nach einer Familie gesucht, die in den Sommerferien nach Russland fährt und der wir uns anschließen können.“ Spannende Eindrücke sind das, die sie aus dem Dorf Alexandrowka mitbringt, in dem immer noch Bewohner leben, die häufig Deutsch sprechen.

Mutterschaft als Lebensziel

Der Film ist geprägt von großem Respekt gegenüber der Lebensweise der Russlanddeutschen. „Ich will mich nicht darüber erheben, auch wenn ich selbst in vielem ganz anderer Meinung bin und ich es zum Beispiel schade finde, dass intelligente junge Mädchen ihr Ziel nur in der Mutterschaft sehen“, sagt die Filmemacherin. Dennoch hat sie die „erfrischende Fröhlichkeit“ in den Familien beeindruckt. Und es hat sie nachdenklich gemacht, dass sie wegen der vielen Kinder regelmäßig Ärger mit den Nachbarn bekommen. „Unsere Gesellschaft müsste froh darüber sein, wenn Menschen viele Kinder haben und die nicht als Last empfinden“, sagt sie. „Das ist eben ihr Lebensentwurf, und der ist für viele in unserer hippen Gesellschaft fremd und ungewohnt.“

Und so leben sie in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten und lassen „die Welt da draußen“ kaum hinein. Was er denn tun würde, wenn einer in der Gemeinde sich als schwul outen würde, fragt Knobel-Ulrich den Gemeindeleiter Ernst Fischer. „Gott sei Dank, habe ich sowas noch nicht erlebt“, antwortet dieser mit ehrlicher Erleichterung. „Und hoffentlich werde ich es auch nicht erleben; ich weiß wirklich nicht, was ich dann machen würde.“

Gottesfürchtig und kinderreich. Russlanddeutsche in Cloppenburg

Freitag, 27. April 2018 um 21.15 Uhr im NDR


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