zuletzt aktualisiert vor

Heute Abend im ARD-Programm Starke TV-Reportage: Wie vertrauenswürdig ist das Fischsiegel MSC?

36 Fangschiffe jagen und töten vor der Küste von Manzanillo in Mexiko Delphine, um an die begehrten Thunfische heranzukommen. Foto: WDR/Wilfried Huismann36 Fangschiffe jagen und töten vor der Küste von Manzanillo in Mexiko Delphine, um an die begehrten Thunfische heranzukommen. Foto: WDR/Wilfried Huismann

Osnabrück. Kann man dem MSC-Siegel vertrauen? Diese Frage wirft am Montagabend Wilfried Huismann in seiner brisanten ARD-Reportage „Das Geschäft mit dem Fischsiegel“ auf. Und kommt zu teilweise unappetitlichen Ergebnissen.

Fisch ist gesund, Fisch ist lecker. Und wenn man Fisch mit dem MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) kauft, kann man ihn bedenkenlos essen, ohne sich sorgen zu müssen, zur weltweiten Überfischung der Meere beizutragen. Denkt man. Weil verantwortungsvolle Konsumenten sich ja auf Öko-Siegel verlassen müssen. Discounter wie Edeka und Lidl verkaufen mittlerweile ausschließlich MSC-zertifizierte Ware, selbst auf Katzenfutter prangt das Siegel. Alles in Ordnung also?

Wilfried Huismann wollte es genauer wissen. Der renommierte Buch- und Filmautor („Schwarzbuch WWF“) hat sich auf eine 14-monatige Weltreise gemacht und Bilder mitgebracht, die unter die Haut gehen. Ein Hai, der seiner Schwanzflossen beraubt auf den Meeresgrund sinkt, ist kein Anblick für zartbesaitete Gemüter. Und die Erkenntnis, dass der Fang aus Schleppnetzfischerei, die den Meeresboden in eine Schlammwüste verwandelt, durchaus MSC-zertifizierbar ist, verstört ebenso wie die Tatsache, dass offenbar Tausende Delfine nur deshalb sterben müssen, weil unter ihnen die begehrten Thunfische schwimmen. 


Die Hai-Auktionshalle im spanischen Vigo. Vor allem die Flossen sind begehrt. Foto: WDR/shark project


Deutlich wird: In dem Maß, in dem die Kunden dem MSC-Siegel vertrauen, nutzt die Industrie es mittlerweile als Vermarktungsinstrument. Dass die Standards dabei immer mehr verwässern, kommt dem Geschäft mit dem Fisch zugute, nicht aber dem Gewissen des Feinschmeckers. Denn bei dem könnte nach dem nächsten Verzehr von MSC-zertifiziertem Fisch trotz des blauen Siegels ein schaler Geschmack zurückbleiben.

Daniel Pauly, einer der Mitbegründer des MSC, beschreibt die Mechanismen dahinter so: Nur eine Zertifizierung spült Geld in die Kassen des MSC. Dies sei natürlich ein Anreiz, zu einem positiven Prüfergebnis zu kommen. Eine abgelehnte Zertifizierung könne hingegen dazu führen, dass man nie wieder einen Auftrag bekommt. Der MSC habe seine Seele verloren. Die MSC-Leute seien ganz und gar auf die dunkle Seite gewechselt. Der MSC, der eigentlich die Interessen von Industrie und Naturschutz miteinander in Einklang bringen solle, sei von der Industrie gekapert worden. Was der MSC natürlich zurückweist.

Vielmehr sagt MSC-Chef Rupert Howes, der im Film zu den Vorwürfen Stellung nimmt: „Worum geht es? Darum, die zehn Prozent besten Fischereien noch perfekter zu machen? Oder geht es darum, dass wir alle reinholen: die asiatischen Schrott-Fischereien, Unternehmen, die überfischen, ohne vernünftiges Management . Wir wollen sie auf das Niveau unserer Standards zu heben, damit sie lernen, nachhaltig zu arbeiten, die Menschen zu ernähren und eine wirtschaftliche Zukunft zu haben. Zuviel Perfektion ist gefährlich. Sonst verlieren wir das wichtigste Ziel aus den Augen: Es geht darum, die Fischerei insgesamt in Richtung Nachhaltigkeit zu schieben. 


Das MSC-Siegel ist ein Gemeinschaftsprojekt von Industrie und WWF. Foto: WDR/Wilfried Huismann


Natürlich kann die weltweit enorme Nachfrage nach Fisch nicht mit dem Fang kleiner Fischerboote befriedigt werden. Ein Mann, ein Haken, ein Fisch – das ist vielleicht eine etwas arg romantisierte Vorstellung. Doch ob das MSC-Siegel die Lösung dieses Dilemmas bedeutet, ist nach diesem Film mehr als fraglich.

Denn am Ende bleibt der Eindruck, dass die Standards des Öko-Siegels MSC in der Praxis recht beliebig ausgelegt werden. Oder, wie Huismann es formuliert: „Der MSC zertifiziert sowohl gut geführte Fischereien als auch unserer Recherche nach solche, die die Meere plündern und ihrem Ökosystem schaden.“ Dem Verbraucher bringt das vor allem eines: Verunsicherung.

Die Story im Ersten: Das Geschäft mit dem Fischsiegel. Das Erste, Montag, 23. April, 22.45 Uhr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN