Heute Abend im ARD-Programm Große Klasse: Tatort "Alles was Sie sagen" aus Lüneburg

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Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) bei der leblosen Alima (Sabrina Amali). Hat er auf die Frau geschossen? Foto: NDR/Christine SchroederKommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) bei der leblosen Alima (Sabrina Amali). Hat er auf die Frau geschossen? Foto: NDR/Christine Schroeder

Osnabrück. Gut waren sie eigentlich alle, die Tatort-Folgen mit Wotan Wilke Möhring als Bundespolizei-Kommissar Thorsten Falke. Aber besser als „Alles was Sie sagen“ war noch keine. Ein Klasse-Krimi, der bislang beste Tatort des Jahres.

Das erste Bild ist – wie sollte es auch sonst in einem Tatort sein – mal wieder finster. Falke und seine Partnerin Julia Grosz (Franziska Weisz) dringen bei der Verfolgung einer Person mit gezogenen Waffen und Taschenlampen in einen alten, leeren und dunklen Getreidespeicher ein. Sie trennen sich, und plötzlich trifft Grosz zu ihrer großen Überraschung auf – ein Einsatzteam der Lüneburger Polizei.

Sie hat sich noch nicht von ihrem Schreck erholt, da hallen drei Schüsse durch die Finsternis. Auf einem Gitter über Grosz liegt eine Frau arabischer Abstammung und stirbt. Im nächsten Moment steht Falke neben ihr und fühlt ihren Puls – war er es, der geschossen hat? 


Julia Grosz (Franziska Weisz) sieht die Tote (Sabrina Amali) auf einem Gitter über ihr. Foto: NDR/Christine Schroeder


Die nächste Einstellung gibt eine Antwort, ohne jedoch für Klarheit zu sorgen. Falke wird vom arroganten und feindseligen Lüneburger Polizeichef Rehberg (stark: Jörn Knebel) vernommen. Die Kugeln stammen angeblich aus seiner Waffe, obwohl eine abschließende Untersuchung noch aussteht. Der Bundespolizist will es nicht gewesen sein. Und fragt nicht nach einem Anwalt, sondern nach einem Glas Milch. Vollmilch. 


Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) wird vom Leiter der örtlichen Polizei, Joachim Rehberg (Jörn Knebel), verhört. Foto: NDR/Christine Schroeder


Von da an besteht dieser Tatort in einem ständigen Wechsel aus kammerspielartigen Verhörszenen und Rückblenden. Wobei sich Falke und Grosz bei ihren Aussagen in erstaunliche Widersprüche verwickeln. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? 


Auch Julia Grosz (Franziska Weisz) muss zum Verhör mit dem Polizeidienststellenleiter Joachim Rehberg. Foto: NDR/Christine Schroeder


Drei Tage zuvor sollen die beiden Bundespolizisten in Lüneburg die Identität eines libanesischen Flüchtlings überprüfen. Abbas Khaled alias Tarek Salam steht unter Verdacht, im syrischen Bürgerkrieg an Plündereien und Massakern an der Zivilbevölkerung im syrisch-libanesischen Grenzgebiet beteiligt gewesen zu sein. Dann verschwand er offenbar und tauchte in Deutschland wieder auf.

In Lüneburg hingegen kennt man ihn nur als wahren Vorzeige-Flüchtling – nach zwei Jahren bestens integriert, unauffällig mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung lebend und mit so guten Sprachkenntnissen, dass er als Tutor im Deutschunterricht für andere Geflüchtete eingesetzt wird. Als jedoch Falke und Grosz in der Schule auftauchen, ergreift er die Flucht. 


Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) befragen den Deutschlehrer Stefan Hansen (Moritz Grove) zum Flüchtling Abbas Khaled (Youssef Maghrebi). Foto: NDR/Christine Schroeder


Regisseur Özgür Yildirim, der bereits Falkes Debüt „Feuerteufel“ wie auch seinen siebten Fall „Zorn Gottes“ (den Einstieg von Franziska Weisz) inszenierte, macht aus diesem Stoff der Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf einen äußerst intensiven und authentischen Krimi. Die langen Verhörszenen sind sehr realistisch, gut gedreht, und spannend trotz aller Schlichtheit. Und als Falke sich über Khaled erkundigt, werden seine Gegenüber von tatsächlichen Flüchtlingen dargestellt.  (So war der Einstand von Franziska Weisz beim Tatort)

Zudem schreckt Yildirim nicht davor zurück, ein längeres Gespräch der Polizisten mit einem älteren Syrer dolmetschen zu lassen – so wie es wohl auch im wirklichen Leben notwendig wäre. Authentizität geht dem Regisseur vor Einfachheit, und das tut seinem Film sehr gut.

Trotz einiger logischer Stolpersteine ist der Krimi klar gegliedert und verständlich aufgebaut. Daran ändern die unterschiedlichen Aussagen der beiden Bundespolizisten ebenso wenig wie das Auftauchen eines deutsch-libanesischen Drogendealers, der womöglich einen Maulwurf bei der Lüneburger Polizei hat und sich offenbar sehr sicher fühlt. 


Der mutmaßliche Drogendealer Al-Shabaan (Marwan Moussa) gibt sich selbstsicher vor den Kommissaren. Foto: NDR/Christine Schroeder


Yildirim lässt sein Publikum lange im Unklaren darüber, ob nun Falke oder Grosz die verhängnisvolle Nacht richtig schildern. Das hat offenbar auch Franziska Weisz beeindruckt, die bei ihrem vierten Auftritt ihre bislang stärkste Vorstellung gibt: „Man weiß nicht: Spinnen die beiden jetzt, oder hat der eine einfach was anderes erlebt als der andere?“

Auch Wotan Wilke Möhring glänzt wie selten zuvor in seiner Rolle. Und macht Regisseur Yildirim ein dickes Kompliment: „Özgür hat die Figur ja mitentwickelt, und es ist schön, mit einem Regisseur zu arbeiten, der von vornherein genau weiß, wie Falke tickt und redet.“ Mit ihm habe man die Figur nicht nur wieder neu justieren können.

Tatsächlich macht Yildirim so ziemlich alles richtig, was man bei einem Tatort richtig machen kann. „Alles was Sie sagen“ ist von der ersten bis zur letzten Minuten spannend inszeniert, verfügt über eine feine, aber niemals aufdringliche Prise Humor, ausgesprochen gute Musik und ein ebenso überraschendes wie starkes Finale. Kurz gesagt: Große Klasse.  (So war der letzte Tatort mit Falke und Grosz)

Tatort: Alles was Sie sagen. Das Erste, Sonntag, 22. April 2018.

Wertung: 6 von 6 Sternen 


Abbas Khaled (Youssef Maghrebi) sucht Hilfe bei Al-Shabaan in der Shisha-Bar. Foto: NDR/Christine Schroeder


Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) setzen Al-Shabaan (Marwan Moussa) unter Druck. Foto: NDR/Christine Schroeder


Arrogant und feindselig: Joachim Rehberg (Jörn Knebel), Leiter der Polizeidienststelle in Lüneburg, traut den Kommissaren nicht. Foto: NDR/Christine Schroeder


Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) benötigen mehr Personal und bitten Polizeihauptmeister Olaf Spieß (Marc Rissmann) um Hilfe. Foto: NDR/Christine Schroeder


Kommissar Junker (Gerdy Zint), Leiter der örtlichen Ermittlungsgruppe unterrichtet Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) über die bisherigen Ermittlungen zu Al-Shabaan. Foto: NDR/Christine Schroeder



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