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Sonntag im Cinema Arthouse Osnabrück Interview zu „Weit“ – Irre Reise, toller Film

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Freiburg. Erst sind Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier in dreieinhalb Jahren um die Welt gereist, ohne ein einziges Flugzeug zu besteigen, dann haben sie mit „Weit“ einen wunderbaren Film über ihre Weltreise in die Kinos gebracht, der ungeahnte Zuschauerrekorde aufstellt. Im Interview berichten sie auch über die Zeit danach.

Was für eine Reise: Am 29. März 2013 brechen die Abiturientin Gwen(dolin) Weisser und der Kameramann Patrick Allgaier in Freiburg per Anhalter gen Osten auf – mit dem Ziel, irgendwann aus dem Westen nach Hause zu kommen, nur über Land und Wasser zu reisen und kein Flugzeug zu benutzen. Nach drei Jahren und 110 Tagen, fast 97 000 Kilometern, davon ca. 50 000 getrampt, kehren sie wieder heim, sind in 667 Fahrzeugen durch 38 Länder gereist – und zu dritt: Im Mai 2015 wurden sie in Mexiko Eltern des kleinen Bruno, der beim Rest des Abenteuers dabei war. Über diese Reise haben Weisser und Allgaier einen Film gedreht, den sie ursprünglich nur Freunden und Verwandten zeigen wollten – mittlerweile hat „Weit“ 440 000 Besucher in die Kinos gelockt und gehört zu den erfolgreichsten deutschen Dokumentarfilmen der letzten Jahre. In einem Dorf bei Freiburg treffen wir uns zum Interview:

Sie sind weite Strecken Ihrer Reise getrampt – eine Art des Reisens, die ja eigentlich der Vergangenheit angehört.

Gwendolin Weisser (GW): Ich bin mit 15 zum ersten Mal getrampt, nachdem ich mit ein paar Freundinnen in den Vogesen wandern war. Auf dem Rückweg hatten wir keine Lust, Geld für den Zug auszugeben, und haben uns an die Straße gestellt. Unseren Vorsatz, auf keinen Fall bei Männern ins Auto zu steigen, hatten wir schnell über den Haufen geworfen – und am Ende war es so eine coole Erfahrung, dass wir seitdem in dieser Konstellation in allen Schulferien irgendwohin getrampt sind.

Funktioniert es denn überall auf der Welt?

Patrick Allgaier (PA): Oft war es für uns sogar einfacher zu trampen, als es nicht zu tun. Wenn man ein Zelt dabei hat, ist man ja total flexibel, kann überall aussteigen, sein Haus aufbauen und am nächsten Tag wieder weiterfahren, wenn man es nicht bis in die nächste Stadt schafft. Wir haben es nach ein paar Monaten so sehr lieben gelernt, dass wir uns kaum noch etwas anderes vorstellen konnten, als zu trampen. Teilweise wollten uns Leute Geld für den Bus oder den Zug geben, aber das wollten wir gar nicht.

Warum?

PA: Teilweise hätten wir für zwei Euro 1000 Kilometer mit dem Zug fahren können und sind stattdessen mega-mühsam getrampt. Wir wollten diese Erfahrung machen, um ganz nah und so authentisch wie möglich zu den Menschen zu kommen.

Der nach oben gereckte Daumen ist ja nicht immer das beste Mittel der Wahl – in manchen Ländern wird er aufgefasst wie bei uns der hochgestreckte Mittelfinger.

PA: Stimmt. Im Iran hat man uns gleich am Anfang darauf hingewiesen, es auf keinen Fall so zu machen, sondern mit der flachen Hand zu trampen. Oft sind wir auch mit einem Schild getrampt, in China hätten wir es gar nicht anders kommunizieren können. Da stand oft was drauf, das wir selbst nicht lesen konnten, und manchmal haben wir es auch verkehrt rum gehalten (lacht).

Geduld muss man aber schon haben?

PA: Und Zeit. Wenn man in Deutschland einen Zug nimmt, hat man die Erwartungshaltung, dass er zu einer bestimmten Zeit abfährt. Wenn’s sich dann mal um eine halbe Stunde verschiebt, fangen die Leute an zu motzen. Wenn beim Trampen drei Stunden keiner hält…

GW: …motzt niemand. Man regt sich vielleicht mal auf, weil’s kalt ist oder regnet.

PA: Aber dann kommt einer und nimmt dich mit. Es ist warm im Auto, und man könnte den Fahrer umarmen. Hätte man den Bus gebucht, wäre man sicher nicht dem Busfahrer um den Hals gefallen, weil er einen mitnimmt. In der Mongolei haben die Leute teilweise erst mal zu Hause angerufen und von uns berichtet, wenn wir ihnen erzählt haben, dass wir über Land aus Deutschland zu ihnen gereist sind.

Trampen aus Leidenschaft?

PA: Ja, ich habe ja übers Trampen sogar meinen Beruf gefunden.

Wie das?

PA: Nach der Schule bin ich durch Neuseeland getrampt. Mich hat dann jemand mitgenommen und gefragt, was ich denn machen will, wenn ich wieder in Deutschland bin. Ich hab ihm gesagt, dass ich Lust hätte, mal fürs Fernsehen zu arbeiten – und er sagte: Ich bin Chef eines neuseeländischen Fernsehsenders, komm doch einfach mal zu uns. Das war an einem Freitag – am Montag habe ich mein Praktikum begonnen und war dann drei Monate da und habe die Basics gelernt. Damit habe ich dann ein Praktikum in Deutschland gekriegt, hab lange bei einem Regionalsender gearbeitet und bin dann irgendwann zum SWR gerutscht, ohne Ausbildung oder Studium.

Hatten Sie bei der Abreise eigentlich eine Vorstellung, wie lange Sie unterwegs sein werden?

GW: Uns war klar, dass es mehr als ein Jahr wird. Aber wir haben unseren Eltern auch gesagt, dass wir wohl spätestens nach zwei Jahren zurück sind. Aber innerlich wussten wir wohl beide, dass es theoretisch auch fünf Jahre werden können.

Die Abmeldung war dann nicht so einfach?

PA: Ich bin zum Amt, um mich abzumelden, und sollte einen Zettel ausfüllen, auf dem ich das Land, in das ich ziehe, eintragen soll. Ich hab dem Beamten dann gesagt: Ich weiß nicht, wohin ich gehe, wir machen eine Weltreise. Kann ich da „Welt“ eintragen? Da sagte er: Auf keinen Fall, das geht gar nicht. Wohin gehen Sie denn als Erstes? Aber nicht mal das konnte ich ihm sagen. Am Ende hat er mir gesagt, ich solle doch Österreich eintragen – und so stand in meiner Abmeldung „Umgezogen nach Österreich“. Ich hätte auch jedes andere Land eintragen können.

Was für einen Etat hatten Sie für die Reise?

GW: Unterschiedlich. Ich hatte knapp 8000 Euro gespart und Patrick knapp 20 000. Als wir zurückkamen, hatten wir noch 500 Euro auf dem Konto (lacht).

Einen Kinofilm hatten Sie aber nicht geplant, oder?

PA: Nee. Gwen hatte viel bei Jugendfilmprojekten mitgemacht, und ich als Kameramann hätte es nicht übers Herz gebracht, keine Kamera mitzunehmen. Ich hatte auch auf früheren Reisen mit meinen Freunden immer einen Film gemacht – mit einer coolen Aufführung für alle Freunde und Verwandten.

Auf vielen Bildern des Films sind Sie ja beide zu sehen – wer hat die denn gedreht?

PA: Die ersten fünf Wochen hatten wir tatsächlich ein Stativ dabei – das haben wir dann in Kasachstan verschenkt. Es war völlig irrsinnig, mit so einem schweren Stativ eine Weltreise machen zu wollen. Wir haben gesagt: Lieber zwei Kilo Wasser schleppen als zwei Kilo Stativ. Wir haben dann aus Steinen, Büschen Stative gebaut, die Kamera auf den Rucksack gestellt oder sie irgendwelchen Leuten in die Hand gedrückt. Wir hatten ja Zeit – wenn man fünf Stunden in der Mongolei an der Straße steht, kann man ja mal ein paar Einstellungen ausprobieren.

Wie regelmäßig waren die Kontakte nach Hause?

GW: Schon relativ regelmäßig. Wir hatten Skype installiert und unseren Eltern und Omas noch Workshops im Skypen gegeben. Ein- bis zweimal im Monat haben wir dann schon geskypt. Als das Kind dann da war, natürlich auch häufiger.

Vor allem der Iran und Pakistan kommen im Film ganz anders rüber, als wir diese Länder über die Medien wahrnehmen.

GW: Es gibt natürlich diese Dinge, die hier durch die Medien gehen. Das ist ja kein Quatsch, den sich irgendwer ausdenkt. Natürlich ist die politische Situation im Iran sehr heikel, und in Pakistan passieren schreckliche Dinge. Aber wenn man einfach die ganz normalen Menschen auf der Straße kennenlernt, merkt man, wie viel mehr es noch gibt und wie wenig die meisten Leute selbst mit der politischen Situation in ihrem Land zu tun haben. Sie wollen sich auch nicht darüber definieren lassen.

PA: Wenn man im Iran oder Pakistan in ein Dorf kommt, in dem seit zwei oder drei Jahren keine Ausländer mehr waren, dann ist dieser Moment etwas Besonderes für beide Seiten. Man denkt ja, die Leute in so einem Land seien engstirnig und verängstigt, aber es ist das genaue Gegenteil: Wir wurden in Pakistan noch häufiger als in anderen Ländern von Menschen einfach zu sich nach Hause eingeladen. Obwohl sie fast nichts besitzen, wollen sie unbedingt, dass man sich wohlfühlt bei ihnen.

GW: Es sei denn, man hat das Pech, irgendeinem schlechten Menschen zu begegnen – aber denen kann man auch hier begegnen.

PA: Im Iran sind gerade die jungen Leute wahnsinnig weltoffen, kulturinteressiert und motiviert. Sie können nur eben ihr Land nicht verlassen – und wenn sie schon nicht raus können, dann laden sie die Leute eben zu sich nach Hause ein. Deshalb gibt es dort ja auch Couchsurfing, obwohl es eigentlich verboten ist. Wir haben Leute im Iran getroffen, die besseres Englisch sprachen als wir und sogar einen amerikanischen Akzent hatten, obwohl sie noch nie außer Landes waren. Die lernen das über Filme und Internet. In Pakistan haben selbst die Leute in den Bergdörfern manchmal extrem gutes Englisch gesprochen.

Als Sie nach dreieinhalb Jahren heimgekehrt sind – war es noch dasselbe Zuhause wie vorher?

GW: Es hat sich schon eindeutig wie nach Hause kommen angefühlt. Vom Gefühl her war’s erstaunlich ähnlich zu dem Zuhause, das wir verlassen hatten.

PA: Es war einfach vertraut. So sehr hatte sich der Schwarzwald nicht verändert (lacht).

GW: Es waren allerdings viele Freunde weggezogen.

PA: Und dafür sind ein paar Kinder dazugekommen, allein zwei Nichten, die es bei unserer Abreise noch nicht gab.

Richtig sesshaft sind Sie nach Ihrer Rückkehr ja gar nicht geworden, sondern mit Ihrem Film auf Reisen gegangen.

GW: Stimmt, wir waren wirklich viel unterwegs im letzten Jahr. Deshalb wohnen wir immer noch ein bisschen provisorisch und pendeln zwischen Patricks Elternhaus, meinem Elternhaus und einer kleinen eigenen Wohnung im Haus von Patricks Schwester.

PA: Die ersten sieben oder acht Monate hat es allerdings gebraucht, um den Film und das Buch zu machen – da waren wir schon regelmäßig zu Hause. Nach der Premiere hatten wir gehofft, dass wir eine kleine Tour mit dem Film machen können, aber dass wir dann vier Monate damit und anschließend noch mit unserem Vortrag unterwegs waren, hat uns schon überrascht.

Worin unterscheiden sich Film und Vortrag?

GW: Beim Vortrag zeigen wir Fotos, ein paar Videoausschnitte, die im Film nicht vorkommen, und wir erzählen viel.

PA: Wir erzählen vor allem Geschichten, die im Film nicht vorkommen, weil es dazu kein Videomaterial gibt. Wir haben ja bei Weitem nicht alles gefilmt – im Gegenteil: Wir haben so viele Sachen erlebt, bei denen die Kamera im Rucksack geblieben ist. Das ist dann der Vorteil des Vortrags: Da reicht ein Foto, um eine komplette Geschichte zu erzählen. Beim Film ist man auf das Material angewiesen, das man hat. Und das muss auch noch einigermaßen gut sein, damit man die Geschichte authentisch erzählen kann.

Als Sie abgereist sind, waren Sie ein Jahr zusammen – als Sie zurückkamen waren es viereinhalb Jahre. Wahrscheinlich haben Sie erst unterwegs die eine oder andere Facette des anderen kennengelernt, oder?

PA: Ja, man lernt sich schon noch intensiver kennen. Aber spätestens nach ein paar Monaten war es gar nicht mehr so viel anders, als zu Hause zu sein. Auch auf der Reise etabliert sich ein Alltag, spätestens nach einem halben Jahr nimmt man gar nicht mehr jeden Moment so bewusst wahr. Es wird ganz normal, morgens das Zelt abzubauen, das Frühstück zu machen, sich im Wald die Zähne zu putzen und sich dann an die Straße zu stellen, um weiter zu trampen. In so einer Routine muss man sich manchmal richtig kneifen und klarmachen, was man da eigentlich tut.

Auch in der Beziehung?

PA: Ja. Am Anfang ist es natürlich noch eine Umstellung, wenn man plötzlich jeden Tag 24 Stunden zusammen ist. Aber auch das ist irgendwann völlig normal, gehört dazu und gibt einem auch wahnsinnig viel. Ich hätte so eine Reise nicht alleine machen wollen. Mir war es wichtig, jemanden dabei zu haben, der mich gut kennt, mit dem ich mich austauschen kann und der mich motiviert in Situationen, in denen es mal ein bisschen schwieriger ist.

GW: Bei mir war’s ganz anders. Ich wollte am Anfang unbedingt alleine gehen, auf keinen Fall mit jemand anderem. Ich war gerade mit meinem Abi fertig und hatte schon vielen Freundinnen, die mit mir zusammen los wollten, einen Korb gegeben. Denen habe ich immer gesagt: Ich muss das alleine machen.

Eine Reise hatten Sie aber schon geplant?

GW: Ja, das auf jeden Fall, wenn auch nicht so konsequent wie wir es dann schließlich gemacht haben. Ich wollte einfach los und gucken, wo es mich hin treibt. Ich hatte überlegt, über Land in die Mongolei oder nach Südamerika zu reisen. Aber dann haben wir beide uns kennengelernt, und Patrick hat einfach immer gesagt: Ich komme mit (lacht).

PA: Ich hatte ja immer schon darauf gewartet, so etwas mal zu machen, aber ich wollte es nicht allein tun.

GW: Ich bin dann im Sommer noch mal zwei Monate lang alleine los, um wenigstens die Erfahrung gemacht zu haben, und war dann bereit für die gemeinsame Reise.

PA: Es war auf jeden Fall von Anfang an unsere große Schnittmenge: das Reisen, aber vor allem auch, wie wir reisen wollten: Viel draußen sein, in andere Kulturen eintauchen, nah an den Menschen sein, per Anhalter unterwegs sein. In den ersten Wochen, in denen wir uns kannten, haben wir kaum über etwas anderes geredet als über die Reisen, die wir schon gemacht hatten. Meistens waren es nicht so konventionelle Reisen: Gwen war schon ohne Geld nach Schweden getrampt, ich war mit einem VW-Bus in Afrika und über Land nach Syrien gefahren.

Das erfordert alles ganz schön viel Planung.

GW: Wir sind beide Projektmenschen. Wenn wir etwas anfangen, haben wir Bock, es auch richtig gut zu machen und zu Ende zu bringen. Deswegen hat es auch funktioniert, als wir gesagt haben, wir wollen jetzt einmal über Land um die Welt. Mit so einem Projekt vor Augen entwickeln wir eine Mega-Energie dafür.

Wenn man über 1000 Tage 24 Stunden täglich zusammen ist, gibt’s doch sicher auch Phasen, in denen man sich mal gegenseitig auf die Nerven geht, oder?

GW: Natürlich gibt es Hochs und Tiefs wie in jedem Alltag und jeder Beziehung. Wir haben uns auch mal genervt, aber wir haben uns nie so richtig gezofft, dass einer gesagt hätte: Ich will dich jetzt mal ein paar Monate nicht sehen. Was mir aber auch aufgefallen ist: Wenn man so wie wir unterwegs ist, dann ist man immer Gwen und Patrick oder Patrick und Gwen und nie einfach mal nur Patrick oder nur Gwen.

Man verschmilzt in den Augen der anderen?

GW: Ja. Die Leute gehen davon aus, dass wir dieselben Bedürfnisse und dieselben Interessen haben. Das hat mich irgendwann mal wirklich gestört. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich gucken kann, was auf mich als Gwen zukommt.

Sie wollten ja mal für vier Wochen getrennt reisen.

GW: Ja, genau aus diesem Grund. Ich wollte einfach mal wieder sehen, was auf mich zukommt, wenn ich nur Gwen bin und nicht immer nur Gwen und Patrick. Wir haben dann beschlossen, das zu machen – und nach fünf oder sechs Tagen sind wir beide auf dasselbe Fest in einem kleinen Dorf in Indien und haben uns da zufällig getroffen. Da haben wir dann auch gesagt, Wir müssen jetzt nicht auf Teufel komm raus getrennt reisen, weil wir ja eigentlich keinen Grund hatten, uns aus dem Weg zu gehen.

PA: Dass man sich mal zofft, ist ja völlig normal – man sollte aber gucken, woher es kommt. Hätten wir grundsätzlich unterschiedliche Einstellungen zu der Reise gehabt, wäre es auf Dauer sicher nicht gut gegangen. Aber wenn wir uns mal gezofft haben, dann hatte es meist einen ganz banalen Hintergrund: Entweder waren wir hungrig oder müde. Es war nie etwas Dauerhaftes, bei dem man hätte denken müssen: Nee, wir kommen nicht miteinander klar. Außerdem hat man sehr viel Zeit, sich analytisch zu unterhalten.

GW: Das war überhaupt der Schlüssel, warum es so gut funktioniert hat: Wir haben wahnsinnig viel miteinander geredet.

Wenn Sie die Augen schließen – welches Bild der Reise taucht da auf?

GW: Mittlerweile ist es schwer zu differenzieren, welche Bilder des Films sind und was aus Erinnerungen auftaucht. Was ich als wahnsinnig eindrucksvoll erinnere, ist die Situation, in der die Kamele durch die Wüste liefen – auch weil Amir, der iranische Junge, davon so gerührt war. Oder wie wir in der kasachischen Wüste stehen und trampen. Es war wahnsinnig heiß, und wir standen neben einem Kanal, der nicht sonderlich einladend aussah. Trotzdem stand immer der eine oben an der Straße und hat getrampt, und der andere ist schnell runter zum Kanal (lacht).

PA: Für mich war die Zugfahrt durch Belutschistan sehr bewegend. Eine wahnsinnig schöne Landschaft. Wir sind aus 3000 Höhenmetern runtergefahren an den Persischen Golf und waren als einzige Touristen in diesem pakistanischen Zug, waren 40 Stunden unterwegs – einerseits ist diese unglaubliche Landschaft vorbeigezogen, und auf der anderen Seite haben wir die Leute im Zug so nah und intensiv kennengelernt.

Gibt es ein Land, von dem Sie sagen würden: Dahin möchte ich unbedingt noch mal?

GW: Georgien, das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Aber es gibt so viele Aspekte. Kulturell würde ich gerne noch mal in den Iran und nach Pakistan. Landschaftlich sofort noch mal nach Tadschikistan und Sibirien. Und emotional hänge ich natürlich an Mexiko, weil da unser Kind auf die Welt gekommen ist.

Gab’s auch so etwas wie ein schönstes Gefühl?

GW: Für mich war es dieses Rausgehen, von der Straße weglaufen, einen richtig schönen Schlafplatz entdecken und dann einfach das Zelt aufbauen. Wenn wir, ohne richtig etwas zu erwarten, den perfekten Platz für die Nacht gefunden hatten, dann hat sich das vollkommen angefühlt. Wir haben zwar nicht nur an schönen Plätzen übernachtet, sondern auch an richtig hässlichen, aber es waren eben einige dabei, an denen wir einfach einen Tag länger geblieben sind, nur weil es so schön war. Gerade jetzt, nachdem wir anderthalb megavolle und eng getaktete Jahre hinter uns haben, sehne ich mich manchmal danach, einfach rauszugehen, nicht nachzudenken, die Zeit zu vergessen und mich für ein paar Stunden in die Natur zu setzen.

PA: Wenn man 20 Kilometer gelaufen ist, jeden Muskel spürt, richtig fertig ist und macht dann abends ein Lagerfeuer, sitzt vor dem aufgebauten Zelt und kocht etwas, dann fühlt man sich völlig ausgeglichen. Da wird das kleinste Gericht zum Hochgenuss.

GW: Ich erinnere mich noch oft an eine Situation in Tadschikistan, die mich sehr berührt hat. Wir sind da mit einem kleinen Shuttle-Bus ein paar Stunden über Land gefahren, in der Reihe hinter mir saß ein kleines Mädchen, das mich immer ganz schüchtern anguckte und lächelte. Wir hatten zwar keine gemeinsame Sprache, aber wir hatten Blickkontakt. Als sie dann ausgestiegen ist, hat sie kurz vorher, ihre Ohrringe herausgenommen und mir geschenkt.

Von welchem Land würden Sie sagen: Okay, genug gesehen?

GW: Ich muss nicht unbedingt noch mal nach Japan. Das liegt natürlich auch daran, was man dort erlebt hat. In Japan habe ich oft gedacht, hier müsste man mal richtig wandern gehen. Aber ich war damals schon schwanger, wenn auch ziemlich am Anfang. Mir war manchmal schlecht, ich war auch überfordert mit den ganzen Eindrücken.

PA: Und wir hatten zum ersten Mal Terminstress, weil wir rechtzeitig das Containerschiff erreichen mussten, mit dem wir fahren wollten und das wir auch schon bezahlt hatten. Vorher waren wir eigentlich immer extrem entspannt, haben nach links und rechts geguckt und gerne auch mal eine Extrarunde gedreht. Das geht natürlich nicht, wenn man Angst haben muss, zu spät zu kommen.

Von der Schwangerschaft haben Sie ja in Sibirien erfahren. Haben Sie damals erwogen, die Reise abzubrechen?

GW: Nee. Natürlich mussten wir uns erst mal an den Gedanken gewöhnen, ein Kind zu kriegen. Ich war ja erst 22.

Aber dass Sie das Kind bekommen wollen, war immer klar?

GW: Ja, das stand nie infrage. Wir wussten ja, dass dem nichts im Wege steht außer vielleicht Egoismus.

PA: Die Vorstellung, jetzt nach Hause zu gehen, fand ich total beklemmend. Natürlich wären wir nach Hause gefahren, wenn Gwen gesagt hätte, dass sie nicht weiterreisen will. Aber ich glaube, das hätte mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es wäre wie eine Vollbremsung gewesen, wir waren ja mitten in der Reise, auch geografisch mittendrin, völlig weg von zu Hause, total in diesem Reisemodus. Die Vorstellung, jetzt nach Hause zu gehen, logischerweise wieder schnell in den Arbeitsalltag und eine neue Wohnung – das hätte überhaupt nicht gepasst.

GW: Wenn wir das gemacht hätten, dann hätte das Kind sich ja wie ein Problem oder eine Krankheit angefühlt. Diesen Gedanken wollten wir gar nicht erst aufkommen lassen – im Gegenteil: Wir konnten es uns beide gut vorstellen, einen Weg zu finden, auf dem wir weiterreisen können.

PA: Wir wussten ja, dass wir beide 24 Stunden am Tag da sein können für unser Kind – zu Hause wäre das nicht möglich gewesen. Unser größter Luxus auf dieser Reise, nämlich Zeit zu haben, das blieb ja, auch wenn wir in den nächsten Monaten dann schon gemerkt haben, dass wir einiges umstellen müssen. Mit Kind und entsprechend mehr Gepäck zu trampen ist auf die Dauer zu anstrengend. Deshalb haben wir uns dann in Mexiko auch ein Auto gekauft.

Wie hat’s Bruno denn gefallen, als er dann auf der Welt war?

PA: Er hatte ein unkonventionelles und natürlich unstrukturierteres Leben als Kinder in Deutschland. Aber dafür war seine feste Struktur, nämlich wir beide, richtig stark. Wir waren quasi seine beiden Säulen, alles andere wechselte, aber wir beiden waren immer da.

Als es dann aufs Ende der Reise zuging, sind Sie dann noch „mal eben“ zu Fuß von Barcelona über die Pyrenäen gelaufen.

PA: Das hört sich aus Ihrer Perspektive vielleicht krasser an, als wenn man dreieinhalb Jahre auf diese Art und Weise unterwegs ist.

GW: Es war schon eine klare und gut überlegte Entscheidung, dass wir das jetzt noch machen. Uns war es ganz wichtig, nicht zu schnell zu Hause anzukommen und der Reise ein gebührendes Ende zu geben. Letztendlich waren es mit die schönsten Monate.

Auch die anstrengendsten?

PA: Genau das ist es ja. Die Tage waren echt anstrengend, aber wenn man dann abends am Lagerfeuer sitzt oder in einen See springt, dann ist alles weg. Am besten war es für unseren Sohn – der saß entweder als König oben auf der Kraxe oder – wenn wir Pause gemacht haben – ist er rumgelaufen und hat sich alles angeguckt.

GW: Die Tage waren zwar anstrengend, aber wir sind nie viel gelaufen, nie mehr als vier Stunden, allein schon wegen Bruno in der Kraxe. Wenn wir gelaufen sind, dann ziemlich schnell, meistens zwischen 15 und 18 Kilometer.

PA: Unterwegs haben uns Freunde besucht, sind ein Stück mitgelaufen und haben gesagt: Ihr rennt ja (lacht).

Haben Sie schon Pläne und Ziele für die Zukunft?

GW: Träume vor allem, konkrete Pläne noch weniger. Wir sind in einer Gruppe von etwa 15 Leuten, suchen langfristig nach Land und wollen ein Gemeinschaftsprojekt gründen. Wir wollen einen großen Garten haben und vor allem ein Kulturprojekt starten, das uns die Möglichkeit gibt, Leute aus aller Welt zu uns einzuladen und mit ihnen ein kulturelles Programm auf die Beine zu stellen.

Wird es eine Fortsetzung von „Weit“ geben?

GW: Das ist überhaupt kein Thema, so etwas lässt sich nicht wiederholen. Der Film besticht ja unter anderem dadurch, dass er so unbedarft und authentisch ist. Er war ja nur für Freunde und Familie gedacht.

PA: Wenn wir jetzt noch einen machen würden, dann wäre es gleich eine Filmproduktion. Das funktioniert nicht.

Am Sonntag, 25. November um 11.30 Uhr zeigt das Cinema-Arthouse in Osnabrück den Film „Weit“ ein weiteres Mal.

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier

sind seit einem Jahr ein Paar, als sie 2013 zu ihrer Weltreise aufbrechen. Gwendolin, die alle nur Gwen nennen, wird als viertes von fünf Kindern 1992 im Schwarzwald geboren, besucht bis zum Abitur die Waldorfschule in Freiburg und reist schon als Schülerin ausgiebig durch Europa. Sie engagiert sich in der Jugend-Filmgruppe „Blackwood Films“, wo sie auch den Kameramann Patrick Allgaier kennenlernt.

Der ist im Sommer 1983 in der Nähe von Freiburg geboren, wächst mit zwei kleineren Schwestern auf und absolviert 2002 sein Abitur in Staufen und entdeckt auf seinen ersten Reisen die Leidenschaft fürs Filmen. Als freiberuflicher Kameramann arbeitet er zunächst für TV-Südbaden und später für verschiedene Produktionsfirmen und Fernsehsender wie den SWR. Dreieinhalb Jahre nach dem Aufbruch zu ihrer Weltreise kehren sie zu Fuß von Barcelona aus nach Freiburg zurück – zusammen mit ihrem im Mai 2015 in Mexiko geborenen Sohn Bruno. Sie bringen den äußerst sehenswerten Dokumentarfilm „Weit“ über ihre Reise in die Kinos, locken damit fast eine halbe Million Zuschauer an und gehen mit Vorträgen über ihre Reise auf Tour – so erfolgreich, dass sie für 2018 keine Termine mehr annehmen.


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