Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Ich töte niemand“ aus Nürnberg: Fränkische Finsternis

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Der vierte Franken-Tatort kommt heute Abend aus Nürnberg. Max Färberböck zeigt mit „Ich töte niemand“ einen düsteren, melancholischen und anspruchsvollen Krimi um den Doppelmord an einem libyschen Geschwisterpaar.

Als der Bayerische Rundfunk (BR) und Regie-Routinier Max Färberböck vor ziemlich genau drei Jahren den ersten Franken-Tatort „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ ins ARD-Programm brachten, hatten sie anschließend reichlich Grund zum Feiern: Die Kritiken waren begeistert und die Publikumsresonanz sprengte alle Erwartungen: Über zwölf Millionen Zuschauer schalteten ein und bescherten dem Ersten einen Marktanteil von mehr als 33 Prozent – in solche Regionen stoßen sonst nur die Krimikomödianten aus Münster vor. (So gut war der erste Franken-Tatort)

Bei der zweiten Folge „Das Recht, sich zu sorgen“ hatte Färberböck die Fäden nicht mehr in der Hand – er war verhindert, weil er einen Münchner Tatort drehte. Mit drastischen Folgen: Die Zuschauerzahl der Franken sackte um mehrere Millionen in den Keller, Kritiker und Publikum waren gleichermaßen unzufrieden mit dem Film. (Der Sturz ins Quotenloch)

Musik von Patti Smith

Nun ist der 67-jährige Färberböck zur vierten Folge zurück. Und da wird es Zeit, dass der nach Nürnberg versetzte Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) endlich mal seinen Einstand gibt. Also startet „Ich töte niemand“ mit einer rauschenden Party in der Wohnung des Polizisten. Das Bier fließt in Strömen, in einem eigentlich für die Lagerung des Buffet-Nachschubs vorgesehen Rau m treiben es zwei Kollegen, passend dazu dröhnt aus den Boxen Patti Smith‘ größter Hit: „Because the Night (belongs to Lovers)“.

Und dann klingelt ein Handy. Wie eigentlich immer, wenn Polizisten im Krimi feiern. Schlagartig ist Schluss mit lustig. Auf dem Weg zum Tatort wischt sich Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) noch den Rest Lippenstift vom Mund, bevor sie mit Voss und den übrigen Kollegen in eine fränkische Finsternis eintaucht.

Grausam erschlagen

In einem abgelegenen Haus vor den Toren Nürnbergs sind ein Libyer und seine Schwester erschlagen worden. So grausam, dass eine „fotografische Identifizierung“, so der Polizeijargon, nicht mehr möglich ist. Beide lebten seit vielen Jahren in Deutschland und waren bestens integriert.

Der Täter hat mit einem dicken Stahlrohr auf die beiden eingeprügelt – „mit wachsender Begeisterung“, wie ein Mitarbeiter der Spurensicherung lakonisch den Blutrausch des Mörders beschreibt. Anschließend hat er die beiden gewaschen und sorgsam in weiße Bettlaken eingewickelt. Ein Ritualmord? Das Verbrechen rechter Gewalttäter? Eine Bluttat im Namen der Ehre?

Spurlos verschwunden

Der Libyer hatte einen Ziehsohn – Ahmad. Ein gutaussehender junger Mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni, intelligent, von Frauen umschwärmt – jetzt ist er spurlos verschwunden. Lange Zeit spielt er in diesem Tatort eine eher untergeordnete Rolle. Doch das wird sich ändern.

Die Kommissare hadern mit ihrem Job. „Unser Leben ist ein schwarzer Raum. Rabenschwarz,“ sinniert Voss im Auto. Und Ringelhahn, die Frau mit DDR-Vergangenheit, zitiert einen ihrer Ausbilder: „Gucken Sie nicht so tief in die Dinge rein, sonst gucken sie zurück.“ Nicht ahnend, dass sie es ist, die wenig später in ein rabenschwarzes Loch fällt: Frank Leitner, ein langjähriger Kollege und enger Freund, stirbt auf einer Autofahrt an den Folgen der Wechselwirkungen von Antidepressiva und anderen Medikamenten.

Ehre, Rache und Hass

Färberböcks Film braucht ziemlich lange, bis er sein Thema findet. Er handelt von Ehre, Rache und Hass. Von Islamisten und Nazis. Und von der Macht der Worte. Die Idee zur Geschichte von „Ich töte niemand“ sei ihm an einem Abend im Frühherbst 2016 gekommen, berichtet Färberböck, der wie schon beim ersten Franken-Tatort zusammen mit Catharina Schuchmann das Buch schrieb: „Der Zufall wollte es, dass ich beim Durchsehen verschiedener Tagesnachrichten in kürzester Zeit Ausschnitte aus vier Reden und Wahlversprechen verschiedener Politiker und Staatschefs sah. Sämtliche Reden waren hoch manipulativ und erzeugten trotz oder gerade wegen ihrer primitiven Wortwahl großen Beifall.“

Der 67-Jährige taucht seinen Film in derart dunkle Farben, dass manch ein Zuschauer vermutlich gern das Licht einschalten würde. Und er hat mit der Ballade „So far“ des Isländers Ólafur Arnalds einen musikalischen roten Faden gewählt, der die Melancholie noch zusätzlich verstärkt. Lediglich der Kabarettist Matthias Egersdörfer sorgt in seiner Rolle als Leiter der Spurensicherung für gelegentliche Anflüge von Heiterkeit.

Starkes Finale

Hinzu kommt, dass der Krimi alles andere als leicht zu verstehen ist. Die vielen losen Enden der Geschichte finden erst spät zusammen – wer nicht aufpasst, hat schnell den Faden verloren. Dafür wird der Zuschauer mit einem starken Finale und einem packenden Dialog von Dagmar Manzel als Paula Ringelhahn und Ursula Strauss als Witwe des tödlich verunglückten Polizisten belohnt. „Ich töte niemand“ ist Färberböcks zweitbester Franken-Tatort.

Tatort: Ich töte niemand. Das Erste, Sonntag, 15. April 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen


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