Filmstart „3 Tage in Quiberon“ Wer war Romy Schneider wirklich? Ein Film findet Antworten

Von Daniel Benedict


Berlin. Kann man das ganze Leben Romy Schneiders anhand eines einzigen Interviews erzählen? Emily Atefs Filmbiografie „3 Tage in Quiberon“ gelingt es.

Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“ erzählt die Geschichte des legendären „Stern“-Interviews von Romy Schneider nach. Worum geht‘s in dem Film? Und sind seine zehn Nominierungen für den Deutschen Filmpreis gerechtfertigt?

Romy Schneider in Quiberon: Interview aus der Lebenskrise

„Ich werde weiterleben, und richtig gut!“ Mit dieser Notiz gab Schneider ein Interview frei, dass sie dem „Stern“ 1981 im bretonischen Quiberon gegeben hatte. Die Zuversicht wird grausam enttäuscht: Monate später kommt ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben, im Jahr darauf stirbt sie selbst. (Emily Atef im Interview: ARD-Frau verweigerte die Arbeit mit Frauen)


Die Regisseurin Emily Atef – wie Schneider in Deutschland und Frankreich zuhause – macht das Interview zur Schlüsselszene, aus der sich die Tragik einer ganzen Biografie ablesen lässt. Dabei hilft ihr, dass der „Stern“-Reporter Michael Jürgs das mehrtägige Gespräch als schonungslose Lebensbilanz anlegt. Als er die Schauspielerin trifft, ist sie 42 Jahre alt und steckt in einer tiefen Krise: Trotz hoher Gagen hat Schneider Schulden; ihre Ehe mit Daniel Biasini steht vor dem Aus, der Selbstmord ihres Ex-Manns Harry Meyen liegt erst zwei Jahre zurück. Und aus Deutschland erreicht sie statt Mitgefühl die Missgunst eines Publikums, das ihr die Abkehr vom Heimatfilm nie verziehen hat. (Wer war Romy Schneider: Stationen einer Ausnahme-Karriere)

3 Tage in Quiberon: Marie Bäumer und Birgit Minichmayr als Romy Schneider und ihre fiktive Freundin Hilde. Foto: Prokino

Jürgs vs. Schneider: Wer manipuliert wen?

Jürgs (Robert Gwisdek) fragt all das mit dem Selbstbewusstsein des Inquisitors ab. Er provoziert, lenkt Schneider auf immer schmerzhaftere Gebiete und bestellt Champagner nach, wenn das Gespräch ins Stocken gerät. Robert Lebeck (Charly Hübner), den ein freundschaftliches Verhältnis mit Schneider verbindet, macht die Fotos. Und nicht nur das. Als es ihr schlecht geht, wacht er an ihrem Bett oder steigt zum Kuscheln sogar hinein. Einer gutmütig, einer kaltblütig? Die Rollenaufteilung zwischen Reporter und Fotograf verschwimmt, als Lebeck auch bei Zusammenbrüchen weiterfotografiert und Jürgs zumindest hinterher an seiner Technik zweifelt. Die (fiktive) Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) hält ohnehin beide für Berufsparasiten.

Wie Hilde möchte man Schneider bei den ersten Fragen noch gegen den „Stern“ verteidigen. Aber mit jeder Minute wird klarer, dass man sie eher vor sich selbst schützen muss. Jürgs Manipulationen funktionieren nur deshalb, weil Schneider mit offensiver Distanzlosigkeit drauf eingeht. Die große Ähnlichkeit, die Marie Bäumer in der Aneignung der Hauptfigur gelingt, liegt weniger in der äußeren Erscheinung als im flirtenden Blick, der alles und jeden in ein intimes Verhältnis zwingt. Am Ende bemerkt selbst Jürgs Empathie hinter seinem berufsmäßigen Zynismus.

(Mehr zum Thema: Marie Bäumer verpasst den Berlinale-Bär – was hätte für sie gesprochen?)

Ob intutiv oder bewusst: Die Romy Schneider des Films „3 Tage in Quiberon“ macht ihr Interview zur Paartherapie. Jürgs und Lebeck werden dabei zu Stellvertretern, über die der Star die zerrüttete Beziehung zum Publikum reparieren will. Schneiders Botschaft ist klar: Sie ist nicht Sissi. Das untermauert sie mit einer Selbstpreisgabe, in die sie sich mit der Verve eines Menschen stürzt, der endlich um seiner selbst willen geliebt werden will. Drei Tage lang tritt Schneider dabei den Entgiftungsplan ihres Kurhotels mit Füßen. Atefs Film führt plausibel vor, dass Alkohol, Nikotin und Beruhigungsmittel dabei wohl nur Begleitdrogen einer ganz anderen Sucht sind: der nach Bestätigung durch die Öffentlichkeit.

Gefahr der Nähe: Atef bewältigt den Fallstrick des Biopics

Ein Fallstrick von Filmbiografien, gerade wo es um Schauspieler geht, ist der Vergleich mit dem Original. Emily Atef wagt ihn gleich doppelt: nicht nur in den verwandten Zügen von Bäumer und Schneider – sondern auch in der Bildsprache, die immer wieder die berühmten Fotos von Robert Lebeck evoziert. Auch hier besteht „3 Tage in Quiberon“ die Herausforderung, weil sein elegantes Schwarzweiß nicht imitiert, sondern ein Statement setzt: als Abgrenzung zum knallbunten Exhibitionismus, mit dem Promis von heute Intimität vermarkten, sei es im Dschungelcamp oder bei Instagram. Auf der Berlinale hat all das die Einladung in den Wettbewerb gerechtfertigt, die – trotz Hoffnung auf einen Bären für Bäumer – am Ende nicht mit einer Auszeichnung gekrönt wurde. Beim Deutschen Filmpreis gibt es in zwei Wochen eine neue Chance. Mit zehn Nominierungen geht Atefs Film als Favorit ins Rennen, deutlich vor Fatih Akins NSU-Thriller „Aus dem Nichts“ und Robert Schwentkes Kriegsgroteske „Der Hauptmann“ (je fünf Nominierungen).

„3 Tage in Quiberon“. D/F/Aus 2018. R: Emily Atef, D: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Robert Gwisdek, Charly Hübner, Denis Lavant. 115 Min. Keine Altersbeschränkung.


Emily Atef

Emily Atef wird am 6. Mai 1973 als Tochter eines Iraners und einer Französin in West-Berlin geboren. Im Grundschulalter zieht die Familie nach Los Angeles, ihre Pubertät verbringt Atef in einem französischen Internat. Nach dem Abitur geht sie nach Paris zur Schauspielschule und arbeitete als Schauspielerin am Theater in London; für das Regiestudium kehrt sie nach Berlin zurück. Ihr Erstling „Molly’s Way“ erhält beim Filmfest München einen Drehbuch-Preis. Ihr zweiter Film „Das Fremde in mir“, die Geschichte einer Kindbett-Depression, läuft in Cannes. Ihre ARD-Produktionen „Königin der Nacht“ und „Wunschkinder“ erzählen von einer Escort-Lady vom Lande und von einer Auslandsadoption; beide Filme werden für den Grimme-Preis nominiert. Am 12. April kommt Atefs Berlinale-Beitrag, das Romy-Schneider-Porträt „3 Tage in Quiberon“, ins Kino. Schon einen Tag vorher zeigt die ARD ihren Film „Macht euch keine Sorgen“, die Geschichte eines deutschen IS-Heimkehrers. dab