Emily Atef erklärt ihren Film Deutscher beim IS: „Macht euch keine Sorgen“ in der ARD

Von Daniel Benedict

Was geht in diesem Kopf vor? Der Vater Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) hat seinen zum IS übergelaufenen Sohn Jakob (Leonard Carow, Mitte) in Syrien aufgespürt. Foto: WDR/zeroonefilm/Michael KotschieWas geht in diesem Kopf vor? Der Vater Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) hat seinen zum IS übergelaufenen Sohn Jakob (Leonard Carow, Mitte) in Syrien aufgespürt. Foto: WDR/zeroonefilm/Michael Kotschie

Berlin. In Emily Atefs „Macht euch keine Sorgen“ bricht der Islamismus in den Alltag einer deutschen Durchschnittsfamilie ein: Ein christlich erzogener Teenager wird Moslem und geht zum IS. Der Vater holt ihn aus Syrien heim; dort geht die Krise weiter: Ist Jakob ein Schläfer?

Am Mittwoch (11. April 2018, 20.15 Uhr) zeigt die ARD Emily Atefs IS-Heimkehrer-Drama „Macht euch keine Sorgen“. Warum sie die Geschichte einer Radikalisierung anhand einer deutschen Durchschnittsfamilie erzählt, berichtet die Regisseurin im Gespräch.

Jeder achte Deutsche beim IS ist Konvertit

„Es kann jedem passieren. Bei deutschen Familien und bei Migranten, bei reichen und armen Leuten, in West und Ost“, sagt die Regisseurin über die Entscheidung, die Radikalisierung gerade nicht in dem Milieu anzusiedeln, in dem man sie erwarten würde. „Die Mehrheit dieser Geschichten passieren in Migrantenfamilien, aber es gibt auch die andere Seite. Kathi Liers und Jana Simon haben für ihr Drehbuch mehrere Fälle recherchiert, und das waren alles deutsche Familien“, erklärt Emily Atef. Das Presseheft zum Fernsehfilm liefert die Zahlen dazu: Demnach hat das Bundesamt für Verfassungsschutz im vergangenen Herbst rund 940 junge Frauen und Männer aus Deutschland gezählt, die sich in Syrien oder im Irak dem IS angeschlossen haben; jeder achte davon ist ein Konvertit, also nicht mit dem Islam aufgewachsen. (Emily Atef im Interview: ARD-Frau verweigerte die Arbeit mit Frauen)

Das Misstrauen nach der Heimkehr

Warum gerade Jakob für die Verführung der Islamisten empfänglich war, erzählt der Film nicht. Die Geschichte beginnt, als schon alles zu spät ist – mit dem Auftreten der Polizei, die den Eltern eröffnet: Ihr Sohn ist nicht, wie angenommen, in Spanien – sondern in Syrien. In zwei Teilen erzählt „Macht euch keine Sorgen“ dann, wie Jakobs Vater seinen Sohn zurückerobert. Ihn im Nahen Osten aufzuspüren erscheint da fast als kleineres Problem. Die wahren Schwierigkeiten beginnen, als Jakob wieder zu Hause ist. Wie soll man einem Kind begegnen, das über Monate gelogen hat – und womöglich immer noch lügt, um sich als Schläfer für den IS bereitzuhalten?

„Es wäre naiv zu denken, dass die sofort wieder in den Alltag finden. Wer als junger Mensch in die Fänge von Islamisten gerät, lebt wie in einer Sekte. Der hat eine massive, monatelange Gehirnwäsche hinter sich. Mit der bloßen Rückkehr zu den Eltern ist so ein Mensch nicht von allem geheilt“, sagt Emily Atef. „Es braucht Zeit, da rauszukommen. Und psychologische Hilfe. Als unser Film aufhört, fängt das alles für den Jungen erst an.“ Die beste Szene des Films ist denn auch der Schluss, der die von Zweifeln, Enttäuschung und schmerzhafter Verwirrung durchdrungene Vater-Sohn-Beziehung behutsam an einen Wendepunkt führt. Ein starker Auftritt für die Schauspieler Jörg Schüttauf und Leonard Carow.

Drehort Palästina: Wie „Macht euch keine Sorgen“ entstand

„Macht euch keine Sorgen“ zeichnet sich nicht nur durch seine Darsteller aus; auch der Drehort war ungewöhnlich: Üblicherweise, so Atef, hätte man die syrischen Szenen am ehesten in der Türkei realisiert. „Aber inzwischen erschien die uns als so unberechenbar, dass wir lieber nach Palästina gegangen sind.“ Gedreht wurde stattdessen in Jericho: „Fünf Kilometer vom Jordan entfernt, aber immer noch mit einem Sicherheitsabstand zur syrischen Grenze. Das hätten wir nicht gedurft. Es war Mai 2017, mitten im Krieg“, so Atef. Kontakte zur palästinensischen Filmszene hatte ihr Produzent bei einem vorangegangenen Projekt geknüpft. Die Freude, am deutschen Film mitzuwirken, war dort offenbar enorm: „Die Stadt hat mich begeistert, und die Leute waren begeistert, mit uns zu arbeiten.“ Trotz erschwerter Bedingungen: „Leider mussten wir im Ramadan drehen“, sagt Atef. „Wir hatten Statisten, die den ganzen Tag nichts trinken durften, und trotzdem bei 40 Grad im Schatten ausgehalten haben.“

„Macht euch keine Sorgen“. ARD, 20.15 Uhr