TV-Programm am Sonntagabend Herzkino mal schräg: „Ella Schön“ im ZDF

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Werden sie noch zu Freundinnen? Juristin Ella (Annette Frier, rechts) beäugt Christina (Julia Richter) kritisch, die mit ihren drei Kindern in Ellas Haus wohnt. Foto: ZDF/Stephanie KulbachWerden sie noch zu Freundinnen? Juristin Ella (Annette Frier, rechts) beäugt Christina (Julia Richter) kritisch, die mit ihren drei Kindern in Ellas Haus wohnt. Foto: ZDF/Stephanie Kulbach

Osnabrück. Seit dem Erfolg der Antihelden internationaler Serien von „Sopranos“ bis „Breaking Bad“ finden auch deutsche TV-Macher zunehmend Geschmack an gebrochenen Hauptfiguren. Mit Annette Frier als „Ella Schön“ schickt das ZDF am Sonntag, den 8. April um 20.15 Uhr eine besonders schräge Protagonistin ins Rennen gegen den „Tatort“. 

Der ZDF-Hauptabend am Sonntag entführt den Zuschauer gerne an Sehnsuchtsorte und serviert ihnen gefühlige Unterhaltung, oft ohne störenden Tiefgang. Eine gescheiterte Juristin mit Asperger-Syndrom, die sich im Laufe der Geschichte noch nicht einmal verliebt, ist auf diesem Sendeplatz so etwas wie eine kleine Revolution. Das Gesicht dieser Revolution ist Annette Frier, die im komödiantischen Fach bekannt wurde und es in der Titelrolle der Ella Schön schafft, den Zuschauer zum Lachen zu bringen, ohne selbst ein einziges Mal lustig zu sein.

Zur Story: Ella erbt von ihrem verstorbenen Mann ein idyllisch gelegenes Haus auf Fischland an der Ostsee (Sehnsuchtsort!) und will es verkaufen. Dummerweise wohnt darin die dreifache Mutter Christina (Julia Richter), die zudem noch lebenslanges Wohnrecht genießt. Doch es kommt noch schlimmer für Ella: Zwei der Kinder sind von ihrem Mann, der mit Christina in dem romantischen Küstenort ein heimliches Liebesleben geführt hat. Unter diesen maximal auf Sturm stehenden Vorzeichen entwickelt sich zwischen den beiden grundverschiedenen Frauen erst ein Krieg um das Haus und dann eine Annäherung über die gemeinsame Trauer um den verlorenen Mann.

Immer raus mit der Wahrheit

Annette Frier, die für ihre Rolle der Ella vor allem Gestik und Mimik von Menschen mit Asperger-Syndrom studierte, gelingt das Kunststück, ihrer Figur eine unaufdringliche Emotionalität zu verleihen, eben weil sie die Gefühle nicht sichtbar spielt. „Letztlich mogeln wir alle uns ja ganz schön durch den Tag“, sagt Frier über das Rollenspiel, das jeder Mensch in der täglichen sozialen Interaktion vollführen muss und zu dem Halbwahrheiten und höfliche Notlügen gehören. „Das handhabt der Asperger anders: Immer schön raus mit der unverblümten Wahrheit – als Antwort erstaunte, betroffene Gesichter allerorten.“

Aus den Missverständnissen zwischen Ella und ihrer Umwelt zieht der Film den Großteil seiner Komik, ohne die Figur in ihrer kommunikativen Andersartigkeit lächerlich zu machen. Das Prinzip Außenseiter mit besonderen Talenten ist ein Erfolgsrezept, nicht nur im Fernsehen. Serien wie „Dr. House“, „Monk“ oder „Dexter“ spielen erfolgreich mit dem Scheitern ihrer Helden an der Imitation und Interpretation normaler menschlicher Verhaltensweisen. Im Kleinen kennt wohl jeder die Unsicherheiten und Fettnäpfchen, die aus Missverständnissen oder sozial unangemessenem Verhalten entstehen können. Das macht diese überzeichnet ungeschickten Charaktere so schrullig und zugleich liebenswert.

Danni Lowinski lässt grüßen

Auch Ella hat ein Talent, sozusagen die Sonnenseite ihres Defizits: Sie ist korrekt und penibel bis zur Schmerzgrenze und besitzt das juristische Fachwissen eines menschlichen Nachschlagewerks. So macht sie sich unter den zunächst archetypisch knorrigen Küstenbewohnern schnell Freunde als Ad-hoc-Beraterin in Rechtsfragen. Spätestens hier schmeckt die Figur der Ella natürlich ein wenig nach einem zweiten Aufguss von Annette Friers Erfolgsrolle als „Danni Lowinski“, die in der gleichnamigen Sat1-Serie ebenfalls juristische Beratung zwischen Tür und Angel anbietet.

Doch zum Glück konzentriert sich der erste von bislang zwei 90-Minütern um „Ella Schön“ mit dem Untertitel „Die Inselbegabung“ auf die beiden starken Frauenfiguren und den Konflikt zwischen ihnen. „Wie oft habe ich mir Drehbücher gewünscht, in denen es um spannende, echte Frauenbeziehungen geht“, lobt Julia Richter, die die Christina spielt, den Ella-Schön-Stoff. Am Konzept für „Ella Schön“ arbeiteten neben Simon X. Rost noch drei weitere Drehbuchautoren – ein Prinzip, das zunehmend Schule macht, vor allem in der Serienwelt. So ist die Fortsetzung der Geschichte um Ella und Christina am 15. April um 20.15 Uhr mit „Das Ding mit der Liebe“ nur konsequent und in jedem Fall eine Bereicherung für die ZDF-Reihe „Herzkino“.


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