Von Weltschmerz keine Spur Maue Krimikost in schönem Ambiente: „Lissabon-Krimi“ mit Jürgen Tarrach

Von Tilmann P. Gangloff

Über den Dächern Lissabons diskutiert Anwalt Eduardo Silva (Jürgen Tarrach) mit seiner neuen Assistentin Marcia Amaya (Vidina Popov) im Krimi „Der Tote in der Brandung“. Foto: ARD Degeto/Armando ClaroÜber den Dächern Lissabons diskutiert Anwalt Eduardo Silva (Jürgen Tarrach) mit seiner neuen Assistentin Marcia Amaya (Vidina Popov) im Krimi „Der Tote in der Brandung“. Foto: ARD Degeto/Armando Claro

Osnabrück. Der erste „Lissabon-Krimi“ mit Jürgen Tarrach als Strafverteidiger ist nicht weiter aufregend, hat aber viele schöne Bilder zu bieten.

Nächster Halt beim Donnerstags-Krimi im „Ersten“ ist Lissabon. Der Auftaktfilm mit Jürgen Tarrach als Strafverteidiger ist allerdings nicht weiter aufregend. Auch die schönen Bilder können nicht kaschieren, dass „Der Tote in der Brandung“ eine herkömmliche Krimigeschichte erzählt.

Im Kino hat Lissabon vermutlich nie wieder so schön ausgesehen wie in „Lisbon Story“ (1994) von Wim Wenders; der Film war die reinste Hommage an die portugiesische Hauptstadt. Zumindest in dieser Hinsicht erfüllt „Der Tote in der Brandung“, der erste von zwei „Lissabon-Krimis“, alle Erwartungen: Der erfahrene Kameramann Klaus Merkel taucht die Stadtansichten gerade auch nachts in ein betörend schönes Licht.

Wie steht es um die Saudade?

Einem zweiten Charakteristikum wird der Film jedoch nur bedingt gerecht: Im Grunde ist es unmöglich, eine portugiesische Geschichte ohne Saudade zu erzählen. Dieses Lebensgefühl lässt sich noch am ehesten mit einer Mischung aus Sehnsucht und Weltschmerz beschreiben. Jürgen Tarrach wäre eigentlich eine gute Wahl, um dieser Melancholie ein Gesicht zu geben, schließlich wirkt der Schauspieler selbst in seinen komischen Rollen immer etwas verloren, und genau das ist Saudade: das Gefühl, dass etwas Wertvolles unwiederbringlich abhandengekommen ist.

Immerhin hat auch Strafverteidiger Silva einen Verlust erlitten: Vor zwei Jahren ist seine Frau Valentina bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Damals ist er auch als Oberstaatsanwalt zurückgetreten, weil er an einem Korruptionsfall gescheitert ist; er ist bis heute überzeugt, dass die Hintermänner für Valentinas Tod verantwortlich waren. Angesichts dieser biografischen Details, die das Drehbuch (Kai-Uwe Hasenheit und Patrick Brunken) nach und nach offenbart, ist die eigentliche Handlung zumindest in emotionaler Hinsicht deutlich weniger fesselnd: Eine Frau (Alexandra Gottschlich) wird beschuldigt, ihren Mann erschossen zu haben. Silva braucht nicht lange, um herauszufinden, dass die Frau unschuldig ist. Tatsächlich führt die Spur zur Mafia: Ihr Mann war in einen schwunghaften Handel mit gestohlenen Medikamenten verwickelt.

Vidina Popov stark

Interessanter als die unnötig kompliziert erzählte Geschichte ist die Kombination der beiden Hauptfiguren, denn Silva ist nicht allein: Seine talentierte Referendarin Marcia (Vidina Popov) stammt aus einer Roma-Familie und wird ständig diskriminiert. Ressentiments gegen Roma sind in Portugal tief verwurzelt, was der Film aber nur indirekt thematisiert. Nachwuchsschauspielerin Vidina Popov, eine Wienerin mit bulgarischen Wurzeln, macht ihre Sache in ihrer ersten Hauptrolle ebenfalls richtig gut; die anderen Darstellerinnen sind dagegen nicht durchgehend überzeugend.

Das uneinheitliche Bild wird noch durch das gemischte Ensemble verstärkt: Die meisten Nebenrollen sind mit Einheimischen besetzt, die hör- und sichtbar synchronisiert worden sind. Zum Ausgleich ist Lissabon ein toller Schauplatz, den Kameramann Merkel immer wieder gebührend in Szene setzt. Tatsächlich sind die Schauwerte neben dem ungleichen Paar das Beste an diesem ersten „Lissabon-Krimi“, denn echte Spannung kommt kaum auf. Selbst das Finale, als Silva sein Leben riskiert, um ein Kind zu retten, ist in der Umsetzung durch Regisseurin Sibylle Tafel längst nicht so fesselnd, wie sich die Autoren das vermutlich vorgestellt haben.

Der Lissabon-Krimi: Der Tote in der Brandung. Das Erste, 20.15 Uhr