Themenabend auf Arte Saudi-Arabien – endlich ungeschminkt

Von Thomas Klatt

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

An den neuen Möglichkeiten für Frauen, sieht man die Veränderungen in Saudi Arabien besonders deutlich. Foto: NDR/Vincent TVAn den neuen Möglichkeiten für Frauen, sieht man die Veränderungen in Saudi Arabien besonders deutlich. Foto: NDR/Vincent TV

Osnabrück. Es ist, als hätte Arte oder die beauftragte Produzentin Sandra Maischberger auf die Kritik an der zuletzt ausgestrahlten fünfteiligen Serie über das „unbekannte Arabien“ reagiert. Statt zuckersüßer Werbebilder aus 1001 Nacht wird Saudi-Arabien 55 Minuten lang ungeschminkt gezeigt. Ein konservatives Königshaus gepaart mit einer fundamentalistischen Geistlichkeit, die ihren wahhabitisch-salafistischen Islam petromilliardendollarschwer zu möglichst vielen Sunniten in alle Welt exportiert. Doch der Golfstaat steckt in einer Krise, die das Land zu zerreißen droht.

Denn die Öleinnahmen in Zeiten der US-amerikanischen Fracking-Konkurrenz sprudeln nicht mehr so wie früher. Erstmals seit 40 Jahren müssen jetzt viele Saudis arbeiten, eben auch immer mehr Frauen. Mehr als 60 Prozent von ihnen haben einen Uni-Abschluss. Jetzt wollen sie zeigen, was sie können. Bislang mussten sie die Erlaubnis ihres Vaters, Ehegatten, Bruders oder sonstigen männlichen Verwandten einholen, um überhaupt Geld verdienen zu dürfen. Das saudische „Hütersystem“ eben. Jetzt trauen sich Töchter, eigene Firmen zu gründen. Bald sollen Frauen sogar ganz offiziell Auto fahren dürfen, was vor Jahren noch undenkbar war. Die Jugendlichen wollen westliche Freiheiten, im Internet üben sie sich in immer mehr Gedanken- und Meinungsfreiheit. Noch gilt das Prinzip der Abschreckung. Der saudische Blogger Raif Badawi, der mit zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben bestraft wurde, ist das prominenteste Beispiel dafür. Doch eventuell gehört er zu den letzten Opfern des Regimes. Mit der Reform 2030 hat der neue Herrscher Mohammed bin Salman erste Zugeständnisse gemacht. Sogar Kinos oder Konzerte sollen bald erlaubt sein. Der Tourismus wird erstmals angekurbelt. Saudische Frauen in Bikini an heimischen Stränden? Vielleicht bald mehr als nur ein orientalischer Traum.

Kampf gegen die Regierung

Nur solch sündiges Treiben reizt die religiösen Hardliner bis aufs Blut. Allein schon, weil die bislang omnipräsente Religionspolizei zumindest auf der Straße entmachtet wurde. Die rückwärtsgewandten Salafisten rufen zum Kampf gegen die Regierung auf. Denn das Königshaus der Saudis führt nicht nur neue Freiheiten ein, sondern kooperiert mit dem Westen. Etwa indem milliardenschwere Waffengeschäfte abgeschlossen werden, statt das Geld für die eigene Bevölkerung auszugeben. Da fliegen allein 48 Euro-Fighter am arabischen Himmel. Deutsche Leopard-Panzer würde man bekanntermaßen auch noch gerne dazu kaufen. Und US-Präsident Trump hat beim letzten Besuch gleich Waffen für 110 Milliarden US-Dollar verscherbelt. Dabei geht dem Königreich das Geld aus. Erstmals seit 2016 mussten die Saudis Kredite aufnehmen, um den Staatshaushalt zu finanzieren. Wieso aber gibt es so immens hohe Investitionen etwa in die US-amerikanische Waffenindustrie? Zunehmend stellt die eigene Bevölkerung kritische Fragen an ihr bislang unantastbares Königshaus. Zudem sind im Land der Heiligsten Stätten von Mekka und Medina ungläubige US-Soldaten stationiert. Ein permanenter Frevel für die Islamisten, die immer wieder Attentate im Land verüben. Hinzu kommt der Dauerkonflikt nicht nur mit dem Iran, sondern eben auch mit den rund zwei Millionen Schiiten im eigenen Land.

Beeinflussung auf Deutschland fehlt

Und dann wird in der Dokumentation auch das Missionsfeld Europa in den Blick genommen. Seit den 1960er Jahren wurden von Saudi-Arabien gut 75 Milliarden US-Dollar in den Bau von Moscheen, islamischen Zentren und in die Ausbildung von Predigern in der ganzen Welt investiert. Belgien ist ein Schwerpunktland. Der dortige König überließ den Saudis einst mitten in Brüssel ein Gebäude für den Moscheeumbau, König Faisel persönlich nahm den Schlüssel für die „Große Moschee“ in Empfang. Im Gegenzug bezog Belgien lange billiges Öl vom Golf. Die radikalen saudischen Ideen eines salafistischen Islams fallen in den Einwanderervierteln Brüssels auf fruchtbaren Boden. Gastarbeiterkinder grenzen sich ab und nehmen extreme Einstellungen ein. Von Riad aus wird seit Jahrzehnten der salafistische Geist gerufen, der nun im dschihadistischen Terror Gestalt annimmt und unser aller Leben bedroht, auch das der gemäßigten Muslime.

Schade nur, dass im Film nicht auch die saudische Beeinflussung in deutschen Moscheegemeinden aufgedeckt wird. Das wäre eine lohnenswerte und politisch brisante Reportage. Aber auch schon diese anspruchsvolle Analyse über das Saudi-Arabien des Jahres 2018 kann man als gelungen und sehenswert bezeichnen.

„Saudi-Arabien – Ölmacht in der Krise“, Dienstag, 27. März, 20.15 Uhr, Arte


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN