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Dokumentation auf Arte zum Thema Organspende Wann ist ein Mensch wirklich tot?

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Neurochirurg Dr. Christoph Goetz betrachtet den Gehirnscan eines Hirntoten. Foto: NDRNeurochirurg Dr. Christoph Goetz betrachtet den Gehirnscan eines Hirntoten. Foto: NDR

Osnabrück. Acht eng bedruckte Seiten umfassen die aktuellen Richtlinien der Bundesärztekammer zur Feststellung des Hirntodes. Sie formulieren die Grundlage dafür, dass einem Toten Organe zur Spende entnommen werden dürfen. Doch beides wird stark diskutiert. Eine Dokumentation auf Arte geht der Sache vielschichtig auf den Grund.

Für Tobias ist die Lage klar: „Jemand ist tot, wenn der Körper sämtliche Funktionen eingestellt hat“, meint der junge Mann, der „unser Herz“ sagt, wenn er von dem Organ spricht, dass seit einigen Monaten in seiner Brust schlägt. Tobias hat ein Spenderherz erhalten und spiegelt damit eine der zahlreichen Perspektiven wider, die Ingo Thöne in seiner 50-minütigen Dokumentation zeigt.

In Deutschland ist die Bereitschaft zurückgegangen, nach dem Tod seine Organe zu spenden. Das hat auch mit den Skandalen um Organspenden zu tun: Im Jahr 2012 war aufgedeckt worden, dass in Krankenhäusern und Transplantationszentren beispielsweise in Göttingen, München und Leipzig Krankenakten gefälscht worden waren, um bestimmte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen versorgen zu können.

Tiefststand bei der Bereitschaft zur Organspende

Der Film von Ingo Thöne, den Arte als Erstausstrahlung zeigt, kam im vergangenen Jahr auf den Markt. Anfang Januar dieses Jahres vermeldete Eurotransplant einen neuen Tiefststand bei der Bereitschaft zur Organspende: 2017 waren nur noch 2664 Organe von hirntoten Spendern transplantiert worden, im Jahr zuvor waren es noch 2927 gewesen. Die Zahl der Lebendspenden war von 659 auf 620 im gleichen Zeitraum gesunken. 2017 gab es nur noch 769 Organspender, das sind laut Eurotransplant etwa acht Prozent weniger als 2016. Anfang dieses Jahres warteten laut der Einrichtung 10.107 Patienten auf ein Spenderorgan – bei insgesamt 80 Millionen Deutschen.

Ob der Film von Ingo Thöne wieder mehr Menschen dazu bringen wird, ihre Organe zu spenden? Hierzu gibt er im Film keine klare Aussage. Ihm ist es vielmehr ein Anliegen, eine fundierte Grundlage für eine solche Entscheidung zu treffen. Und so bietet Thöne einen Anlass, sich intensiv Gedanken über die eigene Einstellung zu einer Entscheidung zu machen, die in der Konsequenz  Leben retten kann.

Er befasst sich nicht direkt mit der Frage nach der Organspende, sondern mit der Diskussion um den Hirntod. Dieser gilt seit 1968 als Kriterium für den Tod, nach dessen Eintreten erst Organe zur Spende entnommen werden dürfen. Zur Erinnerung: Im Dezember 1967 hatte Christian Bernard das erste Herz transplantiert.

Aber wann ist ein Mensch wirklich tot? Bei der Diagnose Hirntod wird davon ausgegangen, dass das Gehirn als zentrales Steuerungsorgan des Körpers unwiderruflich ausgefallen und eine Rückkehr des Menschen ins Leben ausgeschlossen ist. In Deutschland formulieren die Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes die genauen Kriterien gemäß dem Transplantationsgesetz.

Diagnose Hirntod ist umstritten

Aber auch unter Wissenschaftlern ist die Diagnose Hirntod umstritten: „Der Hirntod ist kein wissenschaftlicher Fakt, sondern es ist eine soziale Übereinkunft darüber, wann wir jemanden als tot betrachten“, sagt beispielsweise Professor Robert Truog. Der Medizinethiker der Harvard Medical School kritisiert das derzeitige Konzept der Grundlage für eine Organspende. Diese allerdings befürwortet er.

Nicht nur Wissenschaftler lässt Thöne zu Wort kommen, sondern auch Angehörige, die darüber zu entscheiden hatten, ob einem Verstorbenen Organe entnommen werden dürfen. Er hat mit Politikern und Medizinern gesprochen und ist nach Japan gereist. Dort wird die Transplantationsmedizin von dem größten Teil der Bevölkerung abgelehnt, unter anderem, weil der Körper als Geschenk der Eltern gilt.

Ingo Thöne, 1972 in Koblenz geboren, arbeitet als freier Dokumentarfilmer unter anderem für das Magazin Panorama. Seine Schwerpunkte liegen in Beiträgen über Natur und Technik aber auch in Fragen zum gesellschaftlichen Umgang mit der Natur. In seiner Doku über den Hirntod zeigt er auch, wie wichtig eine fundierte Todesdiagnose für das Fachpersonal ist, das Toten die Organe entnimmt. Grundsätzlich müssen alle den Ärzten Vertrauen, dass sie die grundlegende Diagnose richtig gestellt haben. Das aber ist nicht immer der Fall, wie die Süddeutsche Zeitung im Jahr 2014 berichtet hat.

Thöne blättert das Thema multiperspektivisch auf. Sachlich und fundiert. Aber es wird auch deutlich, wie wichtig es ist, sich klar über die persönliche Meinung zur Organspende zu äußern. Nicht zuletzt, weil es die Hinterbliebenen im Todesfall entlastet.

Der Streit um den Hirntod – Organspende auf dem Prüfstand. 24. März, 22.00 Uhr, Arte


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