Sender sehen das anders Darum scheinen TV-Moderatoren einer bestimmten Norm zu entsprechen

Von Tilmann P. Gangloff

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Die Journalistin und Fernsehmoderatorin Judith Rakers steht in einem Original-Badeanzug aus dem Jahr 1930 am Strand des Ostseebad Bansin. Foto: dpaDie Journalistin und Fernsehmoderatorin Judith Rakers steht in einem Original-Badeanzug aus dem Jahr 1930 am Strand des Ostseebad Bansin. Foto: dpa

Osnabrück. Übergewichtige und ältere Moderatoren sind im deutschen Fernsehen eher eine Seltenheit. Woran liegt das?

Das Fernsehen wird gern als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet. Wenn das wahr wäre, müssten die Menschen, die Nachrichten verlesen oder Talk- und Spielshows moderieren, ganz anders aussehen. Tatsächlich entsprechen sie jedoch einem Bild, das mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Offenbar wird bei den Sendern eine bestimmte Norm für gesellschaftlich erwünscht gehalten. Deshalb sind zum Beispiel übergewichtige oder ältere Moderatoren seltene Ausnahmen. Personen mit sichtbarer Behinderung tauchen, wenn überhaupt, nur im Umfeld von Sendungen über Behinderte auf; dabei spräche eigentlich nichts gegen einen Nachrichtensprecher im Rollstuhl.

Experte: Alte Menschen wollen keine alten Menschen sehen

Die Gesichter eines Senders, erläutert der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, „sollen nach Möglichkeit in etwa dem Großteil des jeweiligen Publikums entsprechen“. Dass die Männer und Frauen, die die Sendungen von ARD und ZDF präsentieren, in der Regel deutlich jünger sind als ihre im Schnitt sechzig Jahre alten Zuschauer, erklärt er mit einer Erkenntnis aus der Werbeforschung: „Als man untersucht hat, ob angesichts der alternden Gesellschaft auch die Protagonisten in der Werbung älter werden sollten, stellte sich raus: bloß nicht! Alte wollen keine Alten sehen, denn sie erinnern sie daran, dass sie selbst auch nicht mehr die Jüngsten sind.“ Außerdem seien Moderatoren immer auch Repräsentanten der jeweiligen Sender, von denen keiner den Anschein erwecken wolle, er mache Seniorenfernsehen. Davon abgesehen „sollten die Fernsehgesichter halbwegs adrett sein und einer bestimmten Durchschnittsnorm entsprechen“. Dass Thomas Gottschalk (67) in jeder Hinsicht gegen diese Norm verstößt, liegt laut Hallenberger an seiner Aura der Alterslosigkeit: „Er ist der Showmaster für 30-Jährige jeden Alters. Das gesellschaftliche Leitbild heißt nun mal ‚forever young‘, für immer jung.“

Eine weitere Ausnahme ist Claus Kleber (62). Weil Alter für Wissen und Erfahrung steht, könnte er das „heute-journal“ vermutlich auch noch mit 70 moderieren. Für Frauen gilt dieser gesellschaftliche Weisheitsbonus allerdings nicht, weshalb es in den journalistischen Sendungen keine älteren Moderatorinnen gibt; von weißen Haaren, die bei Thomas Roth („Tagesthemen“) kein Problem waren, ganz zu schweigen. Selbst im Talkshow-Bereich gibt es eine Altersgrenze. Als Frank Elstner (75) letztes Jahr seinen Rückzug ankündigte, sagte er, er mache sich nicht rar, sondern werde „rar gemacht, aber das ist ganz normal für Moderatoren in meinem Alter“. Für Moderatorinnen auch: Mit 61 gehört Bettina Böttinger („Kölner Treff“, WDR) schon zu den dienstältesten Kräften in diesem Genre. Das ist jedoch kein neues Phänomen; 2004 ist der damals 64-jährige Max Schautzer aufgrund seines Alters als Moderator der SWR-Sendung „Immer wieder sonntags“ entlassen worden. Das hat ihn damals derart empört, dass er ein Buch gegen den Jugendwahn geschrieben hat. Dass es auch anders geht, zeigt das Comeback von Jörg Wontorra (69), der seit letztem Jahr bei Sky wieder jeden Sonntag über Fußball plaudert.

Sender widersprechen

Die Sendersprecher widersprechen der These des „Mainstream-Moderators“ ohnehin. Fast wortgleich betonen sie, entscheidende Kriterien für die Auswahl von Nachrichtensprechern, Talkshowgastgebern und Showmoderatoren seien Qualität und Kompetenz. Beim ZDF gelte die Maxime, „in unserem Programm die Vielfalt der Gesellschaft zu zeigen. Das gilt natürlich auch für unsere Moderatorinnen und Moderatoren.“

NDR-Sprecherin Iris Bents verweist auf Michael Thürnau, im Sendegebiet seit über zwanzig Jahren als „Bingobär“ bekannt, der kaum dem gängigen Schlankheitsideal entspreche; und bei beliebten Moderatoren müsse das Rentenalter auch nicht das Karriereende bedeuten. Das gilt selbst für die großen Privatsender, obwohl deren Zielgruppen bei 49 (Sat1) beziehungsweise 59 Jahren (RTL) enden. Diana Schardt, Sprecherin der ProSiebenSat.1-Gruppe, erwähnt den fast 68-jährigen Hugo Egon Balder („Genial daneben“) und beteuert: „Wir haben große und kleine, dicke und dünne, alte und junge Moderatoren.“

Eine RTL-Kollegin erinnert bei der Gelegenheit gleich auch noch an den Migrationshintergrund vieler Sendergesichter. RTL teste neue Moderatoren generell in Form von Zuschauerbefragungen, lege aber großen Wert auf Kontinuität, weshalb mehrere Repräsentanten mittlerweile um die sechzig seien, allen voran die grau melierte Birgit Schrowange (59). Und auch Vera Int-Veen („Schwiegertochter gesucht“) verfüge „nicht gerade über Modelmaße“. Die Sprecherin erwähnt zudem die lispelnde Katja Burkard und den seit einem Unfall aus seiner Zeit als Rennfahrer entstellten Formel-1-Experten Niki Lauda. Der Einsatz von Rollstühlen sei in den oftmals beengten Studios allerdings nicht zuletzt aus Gründen der Flexibilität „nahezu unmöglich“.


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