Ab Sonntagabend im ZDF „Ku’damm 59“ – Gelungene Fortsetzung der TV-Saga

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Osnabrück.  Die erfolgreiche Familiensaga um eine Berliner Tanzschule in den 1950er Jahren geht nun mit „Ku’damm 59“ (ZDF, ab Sonntag, 20.15 Uhr) in die zweite Runde. Auch im Jahre 1959 geben sich bigotte Prüderie, Verdrängung der Nazi-Vergangenheit und Rock’n’Roll die Klinke in die Hand.

Da steht sie wieder draußen vor der Tür der Tanzschule Galant und bittet um Einlass. Monika Schöllack ( Sonja Gerhardt), hochschwanger und verzweifelt. Aber ihre berechnende, eiskalte Mutter Caterina ( Claudia Michelsen) lässt sie wortwörtlich im Regen stehen. Sie habe zwar ein großes Herz, könne sich aber unmöglich „zum Gespött der Leute machen“, indem sie sich diese „Schande“ ins Haus hole. Ja, auf diese Mutti könne man sich „einfach immer verlassen“, stellt Monika noch fest. Dann fällt sie in Ohnmacht und wacht mit Kindbettfieber im Krankenhaus wieder auf.

Dies ist nur der kurze Prolog zur Fortsetzung der äußerst erfolgreichen ZDF-Familiensaga „ Ku’damm 56 „, die nun im Jahre 1959 spielt und demnach „Ku’damm 59“ heißt. Im Mittelpunkt der Handlung steht nach wie vor Monika, die wegen ihrer unkonventionellen Lebensweise im Muff der ausgehenden 1950er Jahre zwar immer noch ordentlich aneckt, aber dank ihrer vielversprechenden Aussichten in der Schlager- und sogar Filmbranche plötzlich so etwas wie, nun ja, Duldung der Mutter erfährt.

Allerdings macht Monika die erzwungene Entfremdung zu ihrer kleinen Tochter Dorli zu schaffen. Die wächst offiziell als Tochter von Monikas Schwester Helga ( Maria Ehrich) und ihrem Mann Wolfgang (August Wittgenstein) auf. Auf diese Weise kann Wolfgangs „krankhafte“ Homosexualität ein wenig vertuscht werden. Aber ob das die Ehe der beiden retten kann? Und auch die Ehe zwischen Monikas anderer Schwester, Eva (Emilia Schüle), und Professor Fassbender ( Heino Ferch) gerät in eine gefährliche Schieflage.

Erneut gelingt den Produzenten Benjamin Benedict und Nico Hofmann eine erstaunliche Gratwanderung zwischen Familiensaga, Sittengemälde, historischem Gesellschaftsdrama und prächtig ausgestatteter Seifenoper mit ganz viel Musik zwischen Schlager und Rock’n’Roll. Eine Mischung aus allem also, die aber dank sorgfältiger Inszenierung (Sven Bohse führte auch diesmal wieder Regie) und herausragender Schauspielleistungen ähnlich hervorragende Zuschauerzahlen erwarten lässt wie bereits vor zwei Jahren.

Die Drehbuchvorlage stammt erneut von Annette Hess, die für ihre Arbeit an „Ku’damm 56“ bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Hier kündigt Hess nun auch erkennbar eine Zeitenwende an. So muss Helga beispielsweise zu Beginn der neuen Staffel ihren Göttergatten noch regelrecht anbetteln, den Führerschein machen zu dürfen. Aber später nimmt sie sich Freiheiten heraus, die damals noch undenkbar waren.

Wie wenig selbstverständlich unsere heutigen Freiheiten tatsächlich sind, ist ein zentraler Aspekt, den Hess hier anreißt. Ihre Frauenfiguren riskieren teilweise sehr schmerzhafte Selbstfindungsprozesse und nehmen viel auf sich, um ihre eigenen Wege gehen zu können. Hess geht es ganz besonders um die heute undenkbaren Zustände in der jungen Bundesrepublik Deutschland. In der ZDF-Pressemappe umreißt die Autorin knapp und prägnant die damaligen Bedingungen und erläutert ihr Anliegen, das Thema Emanzipation in den Vordergrund zu stellen.

„Uneheliche Kinder, alleinerziehende Mütter, sexuelle Bedürfnisse von Frauen waren gesellschaftliche Tabuthemen. Belästigung, körperliche Übergriffe von Vorgesetzten und Vergewaltigung in der Ehe wurden dagegen stillschweigend toleriert. Frauen durften ohne Zustimmung ihres Ehemanns keine Wohnung anmieten, keine Arbeitsstelle antreten. Sie hatten sich dem Willen des Mannes unterzuordnen. Auch wenn uns die 50er und beginnenden 60er Jahre fern und finster erscheinen – so halten uns die Zustände doch einen Spiegel vor. Und wir müssen uns fragen: Wie weit ist es mit der Gleichberechtigung der Frau heute gediehen?“

Aber auch die 1959 überfällige, nur langsam einsetzende Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration mit der damals beinahe völlig verdrängten Nazi-Vergangenheit nimmt Fahrt auf. Hier kommt natürlich dem traumatisierten, nur nach außen hin lebenslustigen ehemaligen KZ-Häftling Freddy Donath (Trystan Pütter) eine zentrale Rolle zu.

Natürlich wird auch die völlig unmögliche Beziehung zwischen Monika und Fabrikantensohn Joachim Franck (Sabin Tambrea) weitererzählt und in das Hauptanliegen der Saga eingebettet. Wer aber die ersten drei Folgen „Ku’damm 56“ nicht gesehen hat, wird bei diesem und manchen anderen Handlungssträngen einige Entwicklungen der Fortsetzung nicht hundertprozentig verstehen. Da hilft dann auch das Online-Zusatzmaterial unter kudamm59.zdf.de nicht immer weiter.

Auf jeden Fall sehenswert ist die anschließende Dokumentation am Sonntag. Hier vermitteln Zeitzeugen und Archivmaterial ein Bild der gesellschaftspolitischen Situation jener Zeit. Auch auf prägende Aspekte wie die erwachende Jugendprotestkultur sowie rundfunkpolitische Entwicklungen wird hier Bezug genommen.

„Ku’damm 59“. ZDF. So., Mo., Mi. (18., 19., 21. März). Jeweils 20.15 Uhr.

„Ku’damm 59 – Die Dokumentation“. ZDF. So., 18. März, 21.45 Uhr.


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