Analoge Abrechnung Kritik eines Bloggers: Schlecky Silbersteins „Das Internet muss weg“

Von Ute Grundmann

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Osnabrück. Die schöne Welt des Internets – die gab’s einmal. Doch seit vielen Jahren geht es nur noch um Geld, Daten, Klicks. Jedenfalls den Betreibern, die arglose User schlicht ausnutzen. Findet der Blogger Schlecky Silberstein und fordert in einer spannenden „Abrechnung“ per Buch: „Das Internet muss weg.“

Schlecky Silberstein hat nichts gegen das Internet an sich, schließlich verdient er sein Geld ausschließlich damit, weil er sich als Blogger „verdingt“ hat, was nicht besonders fröhlich klingt. Für ihn beginnt das Unheil mit der Einführung des Facebook-Like-Buttons 2009, damit sei das Medium völlig außer Kontrolle geraten. Das ist die erste seiner vielen Thesen und Themen, die er in seinem Buch unterbringt und sie zornig, resigniert oder aufmüpfig erläutert.

Der Datenhandel sei eine 162-Milliarden-Euro-Industrie, und die Internet-Nutzer sind dabei die, meist unfreiwilligen, Rohstofflieferanten, die Facebook, Google und Co. zu maximal hoher Verweildauer auf ihren Plattformen anhielten, um möglichst viel zu erfahren.

Der pädagogische Zeigefinger ist Silberstein nicht fremd. „Das müssen Sie wissen“, heißt es da und „Dieses Buch will Sie zu einem mündigen Internet-Nutzer machen“. Ob das gelingt, muss jeder Leser für sich entscheiden, aber nachdenkenswert sind die Überlegungen des Bloggers allemal, manchmal auch amüsant. Das Internet ist für ihn wie ein großer Bauernhof, die Betreiber die Bauern, die User die Hühner, die mit Online-Erfahrungen gefüttert werden, damit sie jeden Tag ein Daten-Ei legen.

Nur noch Selfies

Das ist die erste Stoßrichtung seiner „Abrechnung“: die unkontrollierte Daten- und Geldgier der Konzerne. Instagram ist für ihn bloß ein Netzwerk für Selfies, die auch noch per „facetune“ optisch aufgehübscht werden können. Online-Journalisten hält er für süchtig und abhängig von Aufruf-Zahlen ihrer Artikel, statt ordentlichen Journalismus abzuliefern. Und weiße, wütende, junge Männer müssten ihre Parolen nicht mehr leise am Stimmtisch vertreten, sondern könnten sie, dank der „Vernetzung der Arschlöcher“, in die Welt schreien. Silberstein hat im Selbstversuch eine rechte Website gestartet und sie schnell wieder eingestellt, weil sie zu erfolgreich war.

Das alles ist, von ein paar sprachlichen Laxheiten („Datenkraken allererster Kajüte“) abgesehen, gut und verständlich formuliert, meist mit anschaulichen Beispielen belegt.

Besonders frisst den Blogger an, dass „moderne Kommunikation die Kommunikation zerstört“: Gerade junge Menschen könnten kein Gespräch mehr führen, klammerten sich stattdessen an E-Mails und SMS. Und am Arbeitsplatz seien E-Mails ein Produktivitätskiller: Statt in einem kurzen Telefonat alles zu klären, würden die Informationen Scheibe für Scheibe geliefert.

Was also tun, wenn sich sogar Justin Rosenstein, der Erfinder des Like-Buttons, einem harten Internet-Entzug unterwerfen musste? Silbersteins Vorschläge, wieder im Selbstversuch getestet: nicht jeder Mail oder SMS hinterherhecheln. Den „Reflex des Smartphone-Checkens“ eindämmen. Feste Zeiten für die Online-Kommunikation festlegen und sich dran halten. Wenig Kommentare oder Meinungen preisgeben („alles, was Sie online teilen, kann gegen Sie verwendet werden“).

So stellt der 1981 geborene Blogger gegen „suchtkranke Reflex-Klicker“ lauter rote Ampeln im Internet auf, weil die „unberechenbare monströse Maschine“ nicht abgeschaltet werden wird. Der schönste Merksatz kommt am Schluss: „Texten ist Silber, Reden ist Gold“.


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