Autor versteckte Salman Rushdie Günter Wallraff über Frauen, Feste und Flüchtlinge

Von Joachim Schmitz


Der Mann ist Legende und auch mit 75 noch nicht müde. Günter Wallraff deckt seit Jahrzehnten Missstände im Land auf, als Hans Esser bei der „Bild“ und Türke Ali schrieb er mit verdeckten Recherchen Zeitgeschichte. Und er versteckte Salman Rushdie, als der Schriftsteller weltweit mit einem Kopfgeld gejagt wurde. In seiner Wohnküche in Köln-Ehrenfeld nimmt er sich gute drei Stunden Zeit für ein ausführliches Gespräch über seinen Antrieb, sein Leben, seine schönsten Momente und seine Frauen:

Herr Wallraff, spielen Sie eigentlich Klavier?

Leider nicht. Meine Großeltern hatten ja hier im Haus ihr Klaviergeschäft. Sie waren Hugenotten aus Marseille, Religionsflüchtlinge, die über Dresden nach Köln gekommen sind. Aufgewachsen bin ich aber nach dem Krieg in einer kleinen Genossenschaftswohnung, in die absolut kein Klavier passte.

Musik war also kein Thema für Sie?

Doch, Musik schon. Meine erste Freundin, die ein paar Jahre älter war als ich, besuchte mich in dieser engen, dünnwandigen Wohnung. Und wir vergnügten uns dann auf dem knarrenden Sofa. Weil meine Mutter davon natürlich nichts mitbekommen sollte, haben wir immer vom Tonband eines meiner damaligen Lieblingsmusikstücke gehört: Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. Das war eine Kurzfassung von 20 Minuten, in dieser Zeit musste es geschehen. Deshalb ist „Die Geschichte vom Soldaten“ heute noch ein Ohrwurm für mich (lacht).

Musik gespielt haben Sie aber nicht, oder?

Meine Mutter wollte, dass ich Geige lerne, und hatte mich auch schon angemeldet. Aber die Geigenlehrerin war absolut nicht mein Typ. Leider spiele ich kein Instrument, im Gegensatz zu meinen Töchtern.

Hören Sie denn gerne Musik?

Ja, sehr gerne. Wobei ich ein leidenschaftlicher Nichttänzer bin. Es sei denn, ich hab ein bisschen was getrunken, dann löst es sich. So wie beim größten Fest meines Lebens, das wir hier hinter dem Haus gefeiert haben.

Was für ein Fest?

Meine Hochzeit 1991. Gegenüber ist ein Asylbewerberheim, und wir haben über 100 Bewohner eingeladen, mit uns zu feiern. Wir hatten die Einladungskarte im Stil einer Boulevardzeitung aufgemacht, um den hochadeligen Teil der Familie meiner Frau fernzuhalten. Das ist uns auch gelungen mit Schlagzeilen wie „Abscheulich! Falscher Türke und Untergrund-Kommunist verführt und heiratet unschuldiges deutsches Kind vom Land“. Auf der anderen Seite hatte es sich in anderen Asylbewerberheimen herumgesprochen, deshalb kamen etwa doppelt so viele, wie wir erwartet hatten. Es wurde dann das schönste Fest meines Lebens, auf dem ich mich irgendwann ab einem bestimmten Alkoholpegel zu afrikanischer Musik tanzend erlebte. Wobei ich nicht der Führende, sondern der Klammernde war (lacht).

Als Jugendlicher hatten Sie ja durchaus die Züge eines Feingeistes. Sie schrieben Gedichte, die unter anderem in der „Flugschrift für Lyrik“ veröffentlicht wurden. Kennen Sie noch eins auswendig?

Ja, einige. Zum Beispiel: „Ich bin schon tot und steh noch da/ mein eig’ner Schatten an der Wand/ und weiß nicht, wie und wo und wann/ Ich glaube kaum, dass ich je war.“ Das stammt aus einer Identifikationssuche und Selbstfindungsphase, da war ich 16.

Sie hatten Jahre danach einen prominenten Leser – Heinrich Böll, den späteren Literaturnobelpreisträger.

Ich war zusammen mit seinem Neffen Gilbert in der Buchhändlerschule und hatte Böll meine Bundeswehr-Tagebuchaufzeichnungen geschickt. Böll ermutigte mich und hat später das Vorwort für die Buchveröffentlichung geschrieben. Ich hatte den Kriegsdienst verweigert, nahm keine Waffe in die Hand. Damals war die Armee noch von alten Nazis durchsetzt. Ich wurde zehn Monate lang schikaniert und habe Tagebuch geführt, das die Zeitschrift „Twen“ veröffentlichen wollte. Die Bundeswehr verlangte, ich solle unterschreiben, jegliche Veröffentlichung zu unterlassen, dann käme ich sofort frei.

Was Sie nicht getan haben.

Ich hab denen gesagt: „Nö, ich bleibe gerne bei euch, ich hab schon so viel erlebt. Ich will euch als euer Kompanieschreiber erhalten bleiben.“ Daraufhin wurde ich in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie des Bundeswehrlazaretts Koblenz eingewiesen, um mich unglaubwürdig zu machen und später mit dem Etikett, oder besser gesagt, mit dem Ehrentitel „abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich“ wieder in die Freiheit entlassen. Das war eigentlich der Anfang meiner späteren Arbeit. Ich bin 1964/65 nicht mehr in meinen erlernten Beruf des Buchhändlers zurück, sondern ein halbes Jahr durch Skandinavien getrampt, habe in Obdachlosenasylen gelebt und danach angefangen in Fabriken zu arbeiten. Um davon zu leben, aber auch, um darüber zu veröffentlichen.

Die Bundeswehr war also quasi Ihr Schlüsselerlebnis?

Ich habe der Bundeswehr viel zu verdanken. Durch dieses Schockerlebnis ist mir Hören und Sehen nicht vergangen, sondern so richtig aufgegangen. Die Bundeswehr übrigens hat dieses Stück Vergangenheit heute selbstkritisch aufgearbeitet und zeigt im Militärhistorischen Museum in Dresden – fast ein „Antikriegsmuseum“ – anhand meines und weiterer Fälle, wie einfach es damals war, jemanden als „unzurechnungsfähig“ zu deklarieren.

Die Verbindung zu Heinrich Böll hat sich dann ja immer mehr verfestigt.

Später wurde Heinrich Böll für mich zu einem väterlichen Freund. Seine Nichte Birgit war meine ganz große Liebe. Als wir geschieden wurden, habe ich ihrer Wohngemeinschaft ein Haus am Stadtwald besorgt, in dem auch unsere beiden Töchter groß geworden sind. Birgit und ich waren bis zu ihrem frühen Tod aufs Engste freundschaftlich verbunden.

Sie haben dann ja nie vom Hörensagen geschrieben, sondern alles am eigenen Leib erlebt.

Ich war so ein schlechter Schüler in theoretischen abstrakten Fächern, dass ich es immer wieder selbst zu spüren kriegen musste. Wenn ich etwas selbst erlebe, bin ich lernfähig. Kinder können im Rollenspiel am besten lernen, das gilt auch für erwachsene Kinder. Ich habe meine eigene Identitätsschwäche und Ängste durch das Reingehen in angstbesetzte Situationen überwunden. Wenn man sich der Angst aussetzt, wird man angstfreier. Wenn ich ein übermächtiges Unrecht erkenne, vor dem andere sich wegducken oder es als Gewohnheitsunrecht hinnehmen, dann kommt es vor, dass ich mich dem aussetze und denke: Jetzt erst recht!

Würden Sie sich als Gefahrensucher bezeichnen?

Ich suche das ja nicht, aber gelegentlich kommt es auf mich zu. Ich bin von Natur aus eher harmoniebedacht. Ich brauche keine Feinde, sondern sehe in jedem Menschen erst mal auch das Positive. Ich bin undogmatisch, in keiner Partei und finde, dass man auch mit AfD-Anhängern diskutieren sollte. Da gibt es so unterschiedliche Menschen, und die Mehrheit sind keine Nazis.

Im Schwedischen gibt es den Begriff „wallraffen“ - der beschreibt die Art und Weise, wie Sie recherchieren.

Den gab’s schon sehr früh, als ich hier noch mit dem Rücken zur Wand stand und von einer bestimmten Presse als Halbkrimineller abgestempelt wurde, der mit absolut verwerflichen Methoden arbeitet. In Deutschland wurden meine Methoden angegriffen und weniger das, was ich nur so zutage fördern konnte. Aus dem Namen Röntgen ist ja auch ein Verb geworden. Bei mir geht es nicht um medizinisches, sondern um gesellschaftliches Durchleuchten.

Ihr Ansehen hat sich aber auch in Deutschland geändert.

Und meines von Deutschland auch. Ich hatte zum Beispiel nicht damit gerechnet, dass mir vom obersten Gericht in meinem Rechtsstreit mit der „Bild“-Zeitung recht gegeben würde. Der Springer-Konzern hatte zunächst erreicht, dass die Methode fast kriminalisiert wurde. Ein Hamburger Richter sprach im Prozess, den „Bild“ gegen mich und mein Buch „Der Aufmacher“ angestrengt hatte, vom „Tatbestand des Einschleichens“, doch den gibt es in keinem Gesetzbuch. Der Richter war ganz klar befangen. Er verkehrte privat im Hause Springer, seine einzige Tochter wurde „Bild“-Zeitungs-Redakteurin, und er hat später sein Richteramt aufgegeben und mit dem Sohn des damaligen Chefredakteurs Prinz eine eigene Kanzlei gegründet. Zum Glück war die Auflage meines Buches bei Bild so hoch, dass ich mir den Prozess leisten konnte, bis hin zum Bundesgerichtshof, der mir dann recht gab. Das hat mein Vertrauen in den Rechtsstaat gestärkt. Seitdem ist von der „Lex Wallraff“ die Rede, die besagt, dass man auch verdeckt und unter Vortäuschung einer anderen Identität recherchieren darf, wenn es um die Aufdeckung gravierender Missstände geht.

Hans Esser und Ali sind mittlerweile ja Figuren der Zeitgeschichte. Wenn Sie heute noch mal in eine solche Rolle schlüpfen würden – welche wäre es?

Ich habe noch einiges vor. Die Rolle des Dementen kann man ja nicht spielen, wenn man schon dement ist, das sollte man vorher machen. Ich habe mir das in einem Heim angetan, nach Hinweisen, dass es dort ganz schrecklich zugehen würde. Nur: In diesem Heim hat sich das nicht bestätigt. Vielmehr gab es da sehr bemühte, liebevolle Pflegerinnen. Lediglich die Ernährung war zu beanstanden. Es gibt aber noch einige Rollen, die mich langfristig beschäftigen, aber darüber kann ich nicht reden, sonst würde ich ja vorwarnen.

Seit einigen Jahren liegt Ihr Fokus ziemlich stark auf der Türkei. Hat das auch mit „Ganz unten“ zu tun, das mit fünf Millionen Exemplaren das meisterverkaufte Sachbuch im Nachkriegsdeutschland ist?

Ganz sicher, als türkischer Leiharbeiter „Ali“ habe ich über zwei Jahre lang mit meinen türkischen Kollegen in Deutschland extreme Ausbeutung, Demütigung und Rassismus erlebt und erlitten und in meinem Buch „Ganz unten“ beschrieben. „Ali“ ist noch immer ein Teil von mir, und ich werde immer noch von vielen der in Deutschland lebenden türkischen Arbeitsimmigranten als einer der ihren angesehen.

Auch von den Erdogan-Anhängern?

Das ist ja das Verrückte. Wenn ich mich kritisch zu Erdogan äußere, gibt es schon mal Vergrätzungen. Aber ich bin es auch heute den türkischen Einwandererfamilien schuldig, mit aller Deutlichkeit Position gegenüber der Politik Erdogans zu beziehen. Würde ich in der Türkei festgenommen, dann würde das Erdogan-Anhänger ins Grübeln bringen, ob nicht die vielen Kollegen, es sind an die 150, mehr als in China, Iran und Russland zusammen, auch zu Unrecht inhaftiert sind.

Sehen Sie eigentlich irgendwelche Anzeichen für eine Änderung zum Besseren in der Türkei?

Allenfalls in Einzelfällen. Es hilft, wenn der Druck aus dem Ausland fordernd und nachhaltig ist, so dass zumindest einzelne prominente politische Gefangene freigelassen werden. Erdogan ist ein machtbesessener gigantomanischer Despot, der ein Willkürregime installiert und den Bau von Gefängnissen zur boomenden Branche gemacht hat. Es reicht heute, sich in der Türkei für Frieden, Arbeitnehmer- oder Menschenrechte einzusetzen oder bloße Denunziation, um hinter Gittern zu landen. Zurzeit sind 80 neue Gefängnisse für 2,3 Milliarden Euro, ein Drittel des Justizetats, im Bau.

Dennoch reisen wieder deutlich mehr Deutsche zum Urlaub in die Türkei. Finden Sie das richtig?

Es sollten die Richtigen reisen. Nicht die, die gedankenlos ihren Strandurlaub machen und sich um alles andere nicht kümmern. Diejenigen aber, die sich für die Menschenrechte einsetzen, sollten hinfahren und mit denen Kontakt aufnehmen, die in Bedrängnis sind und verfolgt werden. Außerdem sollten wir versuchen, in der Türkei eine große Demonstration mit Deutschen und auch einzelnen hiesigen engagierten Politikern zustande zu bringen, um die Freilassung der Zigtausenden politischen Gefangenen zu fordern.

Wie sehen Sie die Rolle der deutschen Politik in diesem Zusammenhang?

Der einzige deutsche Politiker, der Erdogan in aller Deutlichkeit die Stirn bietet, ist in meinen Augen Cem Özdemir. Ich war ja eigentlich nicht für die Jamaika-Koalition, aber sie hätte dann Sinn gemacht, wenn Özdemir Außenminister geworden wäre. Er ist wie Deniz Yücel in zwei Kulturen aufgewachsen, kann vergleichen und aus zwei Blickwinkeln fokussieren, jeweils auch aus der Außenperspektive und damit schärfer als viele, die in einer einzigen Kultur zu Hause sind. Das sind für mich Menschen der Zukunft, die in zwei Kulturen ihre Wurzeln haben, das Überkommene zurücklassen und sich das Positive der jeweiligen Kultur zu eigen machen.

Der Islam ist in Deutschland ja schon seit einiger Zeit ein großes Thema.

Deswegen verstehe ich es nicht, dass man die kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Islam der AfD überlässt, die es dann in Form von Hassbotschaften rüberbringt. Ich setze mich seit jeher für geregelte Einwanderung ein, aber ich sehe auch, dass im Namen des Islam nicht nur bei uns Parallelgesellschaften entstehen. Das darf nicht tabuisiert werden.

Sie haben immer wieder bedrohte und verfolgte Menschen bei sich aufgenommen – 1989 haben Sie den von einer Fatwa bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie versteckt. Wie kam es dazu?

Die Lufthansa wollte ihn angeblich aus Sicherheitsgründen nicht transportieren, weshalb ich damals einen Lufthansa-Boykott ins Leben gerufen habe. Salman Rushdie habe ich dann mit einer Privatmaschine einfliegen lassen, wobei der Pilot erst in der Luft erfahren hat, wen er da befördert. Er ist dann auch nicht wie vorgesehen in Köln gelandet, sondern wurde auf einen ganz kleinen Flughafen im Westerwald umgeleitet.

Wo hat er sich dann aufgehalten, und wer wusste davon?

Einmal hier in Köln-Ehrenfeld und einmal im Haus meiner Familie in Unkel am Rhein. Ich sah es auch als meine Aufgabe an, für ihn Kontakte zu Politikern herzustellen. Helmut Kohl sah sich „aus politischen Gründen“ nicht imstande, ihn zu treffen, aber Johannes Rau, Norbert Blüm und andere waren sofort dazu bereit. Die Sicherheitsbehörden wussten Bescheid, und wir wurden rund um die Uhr bewacht.

Und Sie haben das Haus nicht verlassen?

Doch. In Unkel sind wir mal um die Ecke in ein Garten-Restaurant gegangen. Da gab’s einen tunesischen Kellner, der Rushdie sofort erkannte und sagte: Ich find’s ja abscheulich, dass die Iraner Ihren Kopf fordern, aber ich bräuchte jetzt nur zur iranischen Botschaft gehen und könnte mir das Kopfgeld abholen. Ich hab Salman Rushdie dann angeboten, ihn zu meiner Maskenbildnerin mitzunehmen.

Und die hat ihn dann bearbeitet?

Nein, dazu war er nicht bereit. Für ihn wäre das eine Selbstaufgabe gewesen. Ich bin noch weitergegangen und habe ihm vorgeschlagen, zusammen in den Iran zu reisen – er zum Beispiel als englischer oder als indischer Mullah und ich als Konvertit. Denn es heißt doch: Im Auge des Hurrikans ist es am sichersten. Aber darüber konnte er nicht wirklich lachen (lacht).

Sie haben mit Rushdie auch Tischtennis gespielt?

Ja, als er hier in Ehrenfeld wohnte. Mit seiner Offensiv-Technik hätte er mir eigentlich überlegen sein sollen. Er hat mit seinen Bodyguards ja regelmäßig gespielt. Ich bin Defensivspieler, lasse den Gegner kommen und warte auf seine Fehler.

Aber er hatte keine Chance gegen Sie?

Hauptsache, es hat Spaß gemacht. (lacht)

Genauso wie mit Kai Diekmann, der ehemalige Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Den haben Sie ja auch abgezogen.

Um das Projekt eines Freundes zu unterstützen, wurde eine Tischtennis-Partie gegen mich versteigert. Kai Diekmann erhielt den Zuschlag. So wurde er zu mir eingeladen, in einem Gartenhaus habe ich eine eigene Platte. Diekmann nahm seine Niederlage sportlich und mit Humor. Einen von vier Sätzen gewann er, ich meine verdient. Er aber sprach ironisch von der „größten Demütigung, da ja jeder gesehen habe, dass ich ihm den Satz geschenkt“ hätte.

Zum Schluss noch mal privat: Sie sind zum dritten Mal verheiratet und haben insgesamt fünf Töchter – was sagt der Familienmensch Günter Wallraff über sein Leben allein unter Frauen, und haben Sie ihnen nicht auch viel Angst gemacht mit dem, was Sie getan haben?

Unter Frauen fühle ich mich am wohlsten. Und ich bin davon überzeugt, dass das Zeitalter der Frauen gerade erst beginnt. Die Frauen, die sich auf mich einlassen und es mit mir aushalten, sind ganz besondere, selbstbewusste, starke Frauen, ohne die ich verloren wäre.

Günter Wallraff

wird am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln als einziges Kind eines Ford-Lackierers und einer Pädagogin geboren. Nach der mittleren Reife absolviert er eine Buchhändler-Lehre. Als Wallraff trotz Kriegsdienstverweigerung 1962 in die Bundeswehr eingezogen wird, schlüpft er in seine erste – ungewollte – Rolle: Er verbringt als „Unruhestifter und Zersetzer“ zwei Monate in einem psychiatrischen Lazarett. Seine Erfahrungen hält er mit der Unterstützung Heinrich Bölls in „Mein Tagebuch aus der Bundeswehr“ fest.

Danach arbeitet er in Industriebetrieben und sammelt von 1964 bis 1965 Eindrücke für seinen ersten Reportagenband („Industriereportagen“). Es folgen Rollen als Alkoholiker in einer Psychiatrie, Obdachloser, Spitzel. Als katholischer Chemiefabrikant von Napalmbomben testet er die Moral katholischer Theologen. Zwei Rollen machen ihn berühmt: Als Hans Esser arbeitet er unerkannt bei der „Bild“-Zeitung, schreibt darüber seinen Bestseller „Der Aufmacher“. Die Erlebnisse als türkischer Fremdarbeiter Ali schildert Wallraff in seinem Buch „Ganz unten“. 1974 wird er in Griechenland nach Protesten gegen das Militärregime verhaftet, gefoltert und zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt, kommt aber nach dem Sturz der Militärs wieder frei.

Seit einigen Jahren ist er Kopf des „Teams Wallraff“ für RTL tätig und unterstützt junge Reporter bei investigativen Reportagen. In jüngerer Zeit setzt sich der 75-Jährige verstärkt für verfolgte und inhaftierte Journalisten in der Türkei ein.

Wallraff ist in dritter Ehe verheiratet, hat insgesamt fünf Töchter, lebt in Köln, besitzt aber auch ein Haus in Unkel am Rhein, in dem er immer wieder Verfolgte und Obdachlose aufnimmt, darunter auch 1989 den von einer Fatwa und einem Kopfgeld bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie (im Bild hinten bei einer Partie Tischtennis mit Wallraff).