TV-Programm am Mittwoch Von der Drama-Serie zum Psychothriller: „Liar“ startet bei Vox

Von Harald Keller

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Als die Welt noch in Ordnung ist: Andrew (Ioan Gruffudd) und Laura (Joanne Froggatt) treffen sich zu einem ersten Rendezvous. Foto: MG RTL D / SquareOne EntertainmentAls die Welt noch in Ordnung ist: Andrew (Ioan Gruffudd) und Laura (Joanne Froggatt) treffen sich zu einem ersten Rendezvous. Foto: MG RTL D / SquareOne Entertainment

Osnabrück. Britische Fernsehautoren reagieren oft schnell auf aktuelle Debatten. Gleich mehrere TV-Serien widmen sich dem Sujet des sexuellen Missbrauchs. Zwei sehenswerte Produktionen starten in dieser Woche in Deutschland.

Bei der sonst für launige Moderationen bekannten Oscar-Verleihung gab es in diesem Jahr immer wieder auch ernsthafte Worte zu hören. Die Benachteiligung ethnischer Minoritäten und weiblicher Filmschaffender konnten nicht länger unangesprochen bleiben. Erst recht nicht die sexuellen Übergriffe, die sich mit Personen wie dem Produzenten Harvey Weinstein verbinden.

Auch in anderen Ländern, Metiers und Milieus werden sexuelle Vergehen heute öffentlich verhandelt. In Großbritannien kamen nach dem Tod des populären TV-Moderators Jimmy Savile dessen pädophile Verbrechen ans Licht. Sie lösten die „Operation Yewtree“ aus, weitreichende Untersuchungen einer speziellen Ermittlungskommission. Mehrere Prominente wurden festgenommen, einige verurteilt. Darunter der Entertainer Rolf Harris, der in den 70ern auch in Deutschland Fernsehshows moderierte.

Diese Ereignisse und öffentlichen Debatten liefern den Hintergrund für gleich mehrere aktuelle britische Fernsehserien. „Ende einer Legende“, ab morgen bei Arte, bezieht sich fiktiv, dennoch eindeutig, auf jene Vorfälle in der TV-Branche. In der dritten Staffel der Serie „Broadchurch“, in Deutschland noch nicht gezeigt, wird das bekannte Ermittlerteam mit einer brutalen Vergewaltigung konfrontiert. Ähnlich wie „Broadchurch“ spielt auch „Liar“, ab heute bei Vox, in einer Kleinstadt an der Küste. In einem bürgerlichen Umfeld, das vielen Zuschauern näherliegen dürfte als die Showbranche.

Lehrerin Laura (Joanne Froggatt) trennt sich gerade von ihrem langjährigen Lebensgefährten Tom (Warren Brown). Der Abschied verläuft freundschaftlich, doch er schmerzt. Laura möchte diesen Umbruch erst einmal verkraften, lässt sich aber auf Drängen ihrer Schwester Katy (Zoë Tapper) auf ein Rendezvous mit dem sympathischen Arzt und alleinerziehenden Vater Andrew (Ioan Gruffudd) ein. Sie gehen essen, verstehen sich gut, scherzen. Andrew, ganz Kavalier, begleitet Laura nach Hause. Weil das Taxi auf sich warten lässt, bittet sie ihn in ihre Wohnung.

Am anderen Morgen erwacht sie abgeschlagen, verwirrt, hat Gedächtnislücken. Sie ist sich sicher, von Andrew vergewaltigt worden zu sein und erstattet Anzeige. Andrew reagiert perplex, weist die Vorwürfe zurück. Der Vorfall wird öffentlich, beider Vergangenheit durchleuchtet, ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt.

Die „Liar“-Autoren Harry und Jack Williams haben sich durch außergewöhnliche Kriminalserien einen Namen machen können. Auch hier erweisen sich die Brüder als Könner ihres Fachs. Geschickt setzen sie Aussage gegen Aussage, blenden immer wieder zurück zu jenem verhängnisvollen Abend, irritieren, wecken Zweifel. Anders als Chris Chibnall, der in „Broadchurch“ zwar auch polizeiliche Ermittlungen schildert, dabei aber durch alle Episoden hindurch zutiefst erschütternd, sensibel und beileibe nicht minder packend die dramatischen Auswirkungen einer Vergewaltigung vor Augen führt, setzen die Williams‘ bei aller Ernsthaftigkeit stärker auf den Nervenkitzel – ab Folge vier wandelt sich die erstklassig besetzte Serie, auch dank der ausgeklügelt suggestiven Inszenierung, zum Psychothriller mit stetig steigender Spannungskurve.

„Liar“ war im Herkunftsland ein Zuschauerhit und konnte international verkauft werden. Ein Kuriosum: In Großbritannien machten sich die Gebrüder Williams selbst Konkurrenz: „Liar“ lief im kommerziellen Senderverbund ITV, die avantgardistische, weil rückwärts erzählte Williams-Serie „Rellik“ zeitgleich in der öffentlich-rechtlichen BBC.


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