Experte erklärt Serienhintergrund „Breaking Bad“ ist Kritik am US-Gesundheitssystem

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Osnabrück. „Breaking Bad“ zeigt, wie ein scheinbar normaler US-Bürger wegen einer niederschmetternden Diagnose zum Drogenboss aufsteigt – und das nur, um viel Geld zu verdienen und seiner Familie einen Schuldenberg zu ersparen. Für Christian Lammert, US-Wirtschafts- und Gesundheitsexperte von der Freien Universität Berlin, klingt das nicht unlogisch.

Herr Lammert, wie realistisch ist die Grundidee von „Breaking Bad“ ?

„Der Ansatz von ,Breaking Bad‘ ist keineswegs unrealistisch. Die Serie kritisiert das US-Gesundheitssystem vor der Reform Obamas im Jahr 2010, in dem Krankheit oftmals gleichbedeutend ist mit hohen Kosten und dem damit einhergehenden Risiko der privaten Verschuldung. In den USA waren Krankheitskosten zeitweise für 80% der privaten Haushaltsinsolvenzen verantwortlich.“

Wieso das?

„Krankenkassen konnten Menschen mit einer Vorerkrankung einfach ablehnen und Kunden, bei denen eine schwere Krankheit mit kostenintensiven Behandlungen diagnostizierte wurden, kündigen. Zudem müssen auch Versicherte zum Teil trotz Versicherungsschutz hohe Zuzahlungen zu den Behandlungen tragen.“

In der Serie wird bei Walter White inoperabler Krebs diagnostiziert.

„In diesem Fall übernehmen die Versicherungen die ersten Behandlungskosten, können dann aber die Versicherten aus der Krankenversicherungspolice kündigen, wenn die Behandlungskosten zu teuer werden oder die Prämien derart erhöhen, dass die Patienten die Kosten nicht mehr tragen können .“

Und was dann?

„Die Erkrankten mussten die Behandlungen aus eigener Tasche zahlen. Dafür haben sie sich das Geld in der Regel aus dem Bekanntenkreis geholt, all ihre Kreditkarten belastet oder einen Kredit bei der Bank aufgenommen.“

…oder sie sind in die Illegalität abgedriftet, wie Walter White?

„Mir ist keine Studie bekannt, die das belegt. Aber einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Krankheit kann man sicherlich nicht ausschließen. Es muss ja nicht gleich den Einstieg in Drogengeschäft bedeuten.“

Walter Jr. erstellt für seinen Vater eine Homepage, um Geld für die Behandlung seines Vaters zu sammeln.

„Solche Aktionen sind in den USA nicht ungewöhnlich. Private Wohltätigkeit spielt im gesellschaftlichen Leben eine große Rolle.“

Legt „Breaking Bad“ denn auch aktuell noch den Finger in die Wunde?

„Nicht mehr richtig, denn seit 2010 hat sich im US-Gesundheitssystem einiges geändert. Die Serie würde in der Form von damals heute vermutlich nicht mehr so funktionieren.“

Sie meinen die sogenannte „ Obama-Care “, die 2010 eingeführte Pflichtversicherung?

„Ja. Bis 2010 waren 40 Millionen US-Bürger ohne Versicherungsschutz, jetzt besteht jetzt eine Versicherungspflicht, das heißt, jeder US-Bürger muss eine Krankenversicherung haben. Seit der Reform müssen auch Menschen mit Vorerkrankungen von den Versicherungsgesellschaften versichert werden und der Prämienanstieg bei privaten Krankenversicherungen wurde gedeckelt.“

Warum war und ist der Widerstand gegen Obama-Care in Amerika groß?

„Die Amerikaner sind diese Form der Versicherung nicht gewohnt. Sie alle wollen eine Reform, aber nicht die, die gleichbedeutend ist, mit mehr Staat, der die Freiheit der Bürger einschränkt. In diese Lücke stoßen die Republikaner , die Pharmaindustrie und Arbeitgeber zum Teil auch mit Falschinformationen. Hinzu kommen aber auch die im Vergleich zu Deutschland unterschiedlichen Mentalitäten der Amerikaner mit Blick auf Krankheit.“

Inwiefern?

„In Amerika wird Krankheit oftmals als eine individuelle Fehlleistung betrachtet, weshalb man auch persönlich und mit einer privaten Krankenversicherung dafür einstehen muss.“

Gibt es Winkeladvokaten wie Saul Goodmann in „Breaking Bad“, die die Leute nach möglichen Behandlungsfehlern zur Klage ermutigen und Hunderttausende von Dollar in Aussicht stellen in der Realität?

„Diese Klage-Mentalität gibt es durchaus. Patienten bekommen in Krankenhäusern regelmäßig Visitenkarten von Anwälten zugesteckt, verbunden mit dem Hinweis, dass ihnen schon bei einer schlechten Behandlung durch die Ärzte viel Geld zustünde.“

Und das funktioniert?

„Das funktioniert häufig. Denn die Anwälte suchen in solchen Fällen gerne und schnell die lokalen Medien auf. Diese Art der Aufmerksamkeit wollen sich Krankenhaus und Ärzte natürlich gerne ersparen, weshalb sich die Parteien bei entsprechender Ankündigung meist außergerichtlich einigen.“


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