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Therapie auf „Traumschiff“ Schauspieler Walter Kreye über Krebs, Krise, Comeback und Weihnachten


Berlin. Er sieht gut aus und kommt mit dem Fahrrad zum Interview: Schauspieler Walter Kreye (70) hat seine Darmkrebserkrankung ganz offensichtlich gut überstanden. Dass ihm das ZDF deshalb seine Rolle als Hauptdarsteller im Krimiklassiker „Der Alte“ kündigte, ärgert ihn aber heute noch. Stattdessen ist Kreye über Weihnachten auf dem „Traumschiff“ zu sehen – eine Arbeit, die auch therapeutische Zwecke erfüllte. In einem Berliner Café sprechen wir über Krankheit, Krise, Comeback – und Weihnachten:

Herr Kreye, Sie tragendenselben Vornamen wie Ihr Vater – warum?

Als meine Mutter mit mir schwanger war, musste mein Vater im Krieg nach Russland, und sie befürchtete, dass er nicht zurückkommt. Mein Vater hat mir später erzählt, er habe in der Stunde meiner Geburt den Unterstand kurz verlassen, und wenig später sei genau dort eine Bombe eingeschlagen. Meine Mutter hatte schon zwei Töchter und rechnete fest mit einem dritten – umso größer war dann die Überraschung, als da jemand mit Zipfelchen auf die Welt kam.

Deshalb heißen Sie Walter?

Ja, und ich fand es später furchtbar. Es gibt heute noch Verwechslungen, obwohl mein Vater schon lange tot ist. Wenn sie heute im Internet nachsehen, werden Sie Kinderbücher und Hörbücher von mir und Bücher meines Vaters wie Kraut und Rüben durcheinander finden. Heut find ich das lustig.

In zwei Tagen ist Weihnachten – worauf freuen Sie sichbesonders?

Ich habe eine unglaubliche Sehnsucht nach fröhlicher, nicht gedämpfter Stimmung. Das haben meine Familie und ich gelernt, als wir an der Nordsee lebten: Die Dänen lachen und singen fröhliche Lieder zu Weihnachten, die kennen nicht dieses Versacken in Schwermütigkeit.

Wen beschenken Sie besonders gern?

Wir beschenken uns eigentlich das ganze Jahr über, auch meine Frau ist unglaublich großzügig. Deshalb finden wir das Schenken nur wegen eines bestimmten Datums eher schwierig. An der Nordsee haben wir in einem Ort namens Welt gelebt, da haben wir zu Weihnachten gemeinsam gebacken und zusammen mit Freunden und deren Kindern im Stall gehockt und den Ofen angemacht – das war immer das Schönste an Weihnachten, und wir versuchen, ein bisschen davon hier nach Berlin zu retten. Im letzten Jahr haben wir alle, die Lust hatten zu kommen, eingeladen und uns um unseren 3,50 Meter langen dänischen Tisch versammelt.

Im ablaufenden Jahr haben sehr viele Menschen großenAnteil an Ihrer Krankheitgenommen – Sie haben da auch nichts vor der Öffentlichkeit verborgen.

Es ging gar nicht anders, da musste ich gar nicht groß überlegen. Wenn man eine Rolle wie den „Alten“ spielt und es plötzlich nicht mehr tut, dann fragen die Leute natürlich. Eigentlich habe ich ja auch nur gesagt „So war das“, wobei es eben ziemlich heftig war, was man da mit mir gemacht hat.

Die Schlagzeilen lauteten dann auch „Der Alte wegen Krebsgefeuert“ oder ähnlich.

So war’s ja auch. Gleich nach meiner Operation und noch vor meiner ersten Chemotherapie wurde mir von der Produzentin im Nebensatz gesagt „Ach, übrigens, das war’s dann“. Das fand ich schon sehr merkwürdig, und ich weiß bis heute nicht, warum sie es so gemacht haben. Das hätte mir schon den Boden unter den Füßen wegziehen können. Zu meinem letzten Geburtstag hat mir Herr Elschot (ZDF-Fernsehspielleiter, die Red.) gratuliert und gesagt, dass er mich in Berlin treffen will – vielleicht wird dann einiges klarer.

Wie hat sich denn die Anteilnahme der Menschen gezeigt?

Ich wurde oft von Menschen, meistens Frauen, auf der Straße angesprochen, die die gleiche Krankheit hatten, denen beruflich dasselbe passiert ist – das hat das eigene Elend relativiert und war oft tröstlich.

Immerhin sehen wir Sie zu Weihnachten mal wieder auf dem ZDF-„Traumschiff“.

Das hat aber Wolfgang Rademann, der Produzent, eingefädelt. Er hat mich mitten in der Chemotherapie gefragt, und das rechne ich ihm unglaublich hoch an. Ich hatte gerade die achte von zehn Chemos hinter mir und dachte, dass er vielleicht gar nichts von meiner Krankheit weiß. Aber natürlich hat er es gewusst. Und er sagte: „Das ist doch vielleicht gar nicht schlecht, bevor du wieder den ,Alten‘ machst.“ Als er dann erfahren hat, dass ich beim „Alten“ raus bin, ist er fast hintenübergeschlagen. „Vielleicht tut dir dann ja das Traumschiff gut“, sagte er.

Das hat es ganz offensichtlich.

Das kann man wohl sagen. Ich konnte auf den Reisen ausprobieren, was mein Körper wieder mitmacht. Wir sind nach meiner neunten Chemo erst mal nach Singapur geflogen. Das ist ein richtig langer Flug, aber Rademann hat mich geradezu auf Samtflügeln dahingetragen. Nach 14 Tagen ging’s zurück, dann habe ich die zehnte Chemo gemacht und bin nach Chile geflogen. Der Dreh auf dem Schiff war eine unglaubliche Erholung für mich – die Kollegen sagten von Tag zu Tag: „Mensch, du siehst immer besser aus.“

Erst Singapur, dann Chile – das ist ja eine halbe Weltreise.

Rademann sagte mir: „Mensch, Walter, ich hab keine Ziele mehr, wir haben schon alles abgegrast.“ Auch Singapur hätte er nicht gemacht, wenn er nicht vor der Küste von Singapur die Insel Bintan entdeckt hätte. Die aber hielt er für ein wunderbares Ziel.

Was haben Ihre Ärzte dazugesagt?

Mein Professor meinte: Wenn Sie das Gefühl haben, dass es richtig ist, dann ist es richtig. Ich habe dann das „Traumschiff“ gemacht, noch ein paar Wochen vergehen lassen und bin dann wieder zur Darmspiegelung. Und es war alles gut. Ein halbes Jahr später habe ich mich noch einmal untersuchen lassen, und es war noch immer alles gut. Dennoch: Das Wort „geheilt“ würde ich nie in den Mund nehmen. Es dauert, bis man das wirklich sagen kann. Aber ich bin unheimlich fröhlich, das kann ich Ihnen wohl sagen.

Das „Traumschiff“ ist zwar sehr erfolgreich, wird aber auch immer wieder als Schmonzette kritisiert.

Man lästert zwar, sieht sich’s dann aber doch mit Vergnügen an. Das „Traumschiff“ kommt doch immer ganz ehrlich daher, es hat nie etwas anderes sein wollen, als es ist. Ich habe da keine Berührungsängste und habe ja auch schon jede Menge leichte Sachen gemacht. Schon am Theater wollte ich immer auch Boulevard spielen, wie meine wunderbaren Kollegen Jutta Lampe und Bruno Ganz damals am Bremer Theater unter Hübner. Aber als ich zum Theater kam, waren die Sparten streng getrennt.

Für einen Schauspieler ist das „Traumschiff“ doch sicherArbeit in ihrer schönsten Form.

Natürlich ist das wunderbar. Und für mich diesmal besonders. Arbeit und Therapie in einem.

Christoph-Maria Herbst hat nach seinem Dreh auf dem „Traumschiff“ ein böses Buch darüber geschrieben.

Er wusste doch, worauf er sich einlässt. Wenn er sich dann anschließend so wild mokieren muss, finde ich das albern. Ich wusste doch auch genau, was mich erwartet – ich habe das Drehbuch vorher gelesen, und ich kenne das Format. Vielleicht hatte er das Buch nicht gelesen, oder er hält sich für einen verspäteten Wallraff – wer weiß?

Wohin geht Ihre ganz persönliche Reise im neuen Jahr?

Ich weiß es noch gar nicht. Erst mal lege ich die Füße hoch. Eigentlich wollte und sollte ich hier in Berlin am wunderbaren Renaissance-Theater spielen, aber das musste ich absagen. Die Wunde muss noch mal nachgesehen und gestützt werden, außerdem will ich den Port für die Chemo rausoperieren lassen, weil sich da böse Entzündungen bilden können. Dieser Port mündet direkt in eine ganz starke Ader – das hatte während der Chemos den Vorteil, dass ich nicht zwei Tage in der Klinik liegen musste, sondern mit so einer Flasche in der Tasche rumlaufen konnte. Nach zwei Tagen war sie leer, dann habe ich sie abnehmen lassen und hatte vierzehn Tage bis zur nächsten Chemo Ruhe.

Sie hatten auch gar nichtdie üblichen starken Nebenwirkungen wie Haarausfall oder sonstiges.

Überhaupt nicht, aber das ist nicht immer so. Eine liebe Freundin hatte ganz schlimme Nebenwirkungen und hat jedes Mal tagelang gelegen. Das war bei mir anders. Ich war vielleicht mal müde und hab mich hingelegt, dann hat sich meine Tochter oder mein Hund neben mich gelegt. Und dann bin ich wieder aufgestanden und habe mir angeguckt, was mein Körper so mitmacht. Das ging erstaunlich gut, ich bin sogar mit dem Fahrrad zur onkologischen Praxis gefahren, obwohl meine Frau sagte „Um Gottes willen, lass mich dich doch fahren“.

Was ist mit dem Taubheitsgefühl in Ihren Fingerspitzen und unter den Füßen? Hat sich das wieder gelegt?

Das habe ich immer noch, wenn auch nicht so schlimm. Aber es kribbelt noch immer. Das sind Nerven, die zerstört sind, aber darauf war ich vorbereitet. Und ich weiß auch, dass das Gefühl nicht wiederkommt – und wenn, dann nur ganz langsam. So ist es halt – ich habe mich daran gewöhnt und bin ja zum Glück kein Uhrmacher.

Für Schauspieler ist so eine schwere Krankheit mit doppeltem Risiko verbunden – demgesundheitlichen und einemberuflichen. Es gibt Kollegen von Ihnen, die zwar wieder vollkommen gesund sind, im Fernsehen aber dennoch kaum mehr einen Fuß in die Türbekommen.

Und es gibt einfach keine vernünftige Absicherung. Ich habe da noch Glück gehabt, auch wenn ich Ihnen heute nicht sagen kann, wie es weitergeht. Ich habe nie Existenzängste gehabt, irgendwas geht schon, gerne auch wieder Theater. Aber ich kenne liebe und sehr gute Kollegen, die Mühe haben, die Miete zu bezahlen.

Sie haben auch Uhren verkauft, um während Ihrer Krankheit über die Runden kommen zu können.

Ich musste ein Dreivierteljahr ohne irgendwelche Einnahmen überbrücken. Man möchte ja nicht sofort die Wohnung kündigen, also habe ich versucht, alles loszuwerden, was überflüssig war. Meine Frau hatte eine kleine Wohnung für ihren Schauspielunterricht – die mussten wir kündigen. Und meine jüngere Tochter sollte für ein Jahr nach Vancouver. Das war nicht umsonst! Zum Glück hatte ich durch den Verkauf meines Hauses an der Nordsee noch eine Reserve, aber von ein paar Sachen, die der reine Luxus waren, habe ich mich eben getrennt. Das ist mir überhaupt nicht schwergefallen. Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben. Uns ging es und geht es immer noch sehr gut. Also: Da sind wir wieder bei Weihnachten: Alle guten Wünsche für Ihre Leser!

Walter Kreye

wird am 18. Juli 1942 in Oldenburg als Sohn eines Rundfunkredakteurs und Schriftstellers und einer Hausfrau geboren. Der kleine Bruder zweier älterer Schwestern lernt seinen Vater erst mit sechs Jahren kennen, als dieser 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt. Kreye wächst in Bremen auf und macht hier auch das Abitur. Er schreibt Jugend- und Kinderbücher, absolviert die schauspielerische Ausbildung in Bochum und konzentriert sich zunächst nahezu ausschließlich auf die Theaterarbeit. Unter anderem steht er im Thalia Theater und Schauspielhaus Hamburg auf der Bühne, in der Berliner Schaubühne und an den Staatstheatern in Hannover und Stuttgart, wo er auch seine Kollegin und spätere Frau Sabine Wegner kennenlernt. Dem Fernsehpublikum wird Kreye 1989 durch die TV-Reihe „Reporter“ bekannt, im Kino sieht man ihn als Dortmunder Vereinspräsidenten in Adolf Winkelmanns Fußballdrama „Nordkurve“ (1992). Seit den 90er-Jahren ist er in etlichen TV-Serien und Krimis zu sehen, wobei er vom Kommissar bis zum Mörder das ganze Spektrum abdeckt.

Nach nur zwei Folgen quittiert er den Dienst in der ARD-Reihe „K 3 – Kripo Hamburg“, um fortan für das ZDF als Nachfolger von Rolf Schimpf (links) im Krimiklassiker „Der Alte“ in München zu ermitteln. Im März 2008 wird die erste Folge ausgestrahlt, drei Jahre später erkrankt Kreye an Darmkrebs – und wird vom ZDF im August 2011 darüber informiert, dass man künftig auf seine Dienste als Darsteller des „Alten“ verzichtet und ihn durch Jan-Gregor Kremp ersetzt. Im Zweiten ist der nach einer Operation und zehn Chemotherapien inzwischen genesene Schauspieler aber weiterhin zu sehen – am zweiten Weihnachtstag zum zweiten Mal auf dem „Traumschiff“ (rechts) und Anfang des Jahres in zwei Folgen der Katie-Fjorde-Sonntagsfilme.

Walter Kreye und seine Frau, eine Schauspielerin und Schauspiellehrerin, haben zwei Töchter im Alter von 26 und 17 Jahren. Nachdem die Familie lange im Örtchen Welt an der Nordsee lebte, ist sie vor wenigen Jahren nach Berlin-Charlottenburg zurückgekehrt.


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