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Wikipedia erfand zweiten Namen Sängerin AnNa R. über Rosenstolz und Gleis 8

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Osnabrück. Die einen verehren sie als nachdenkliche und selbstbewusste Sängerin, den anderen wachsen graue Haare, wenn sie ihre Songs hören: AnNa R., jahrelang die weibliche Hälfte des Pop-Duos Rosenstolz, polarisiert. Jetzt hat die 43-jährige Berlinerin ein neues Projekt am Start. Was es mit „Gleis 8“ und ihren Künstlernamen auf sich hat, erklärt AnNa R. im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

AnNa R., man kennt nur diesen Künstlernamen von Ihnen. Wie soll ich Sie ansprechen?

Einfach Anna ist völlig in Ordnung. Freunde sprechen mich ja auch nicht mit AnNa R. an.

Bleibt der Name auch ohne Rosenstolz weiterbestehen?

Klar, ich bin ja auch dieselbe Person geblieben. Wäre ja Quatsch, wenn ich mir nun einen neuen Namen geben würde.

Ihr Nachname Rosenbaum klingt doch sehr schön.

Der ist ja nicht mehr aktuell, den habe ich vor elf Jahren mit meiner Hochzeit abgelegt.

Und was hat es mit dem großen N in AnNa auf sich?

Gar nichts. Das hat rein ästhetische Gründe (lacht). 1992 – am Anfang meiner Karriere – dachte ich so in meinem jugendlichen Wahn darüber nach, irgendwann bestimmt auch mal Unterschriften geben zu müssen. Ich setzte mich also eines Abends hin und habe Unterschriften geübt. Das große N im Namen fand ich sehr hübsch. Daraus hat Wikipedia mir dann später einen zweiten Vornamen konstruiert, über den meine Mutter und ich mich immer noch sehr amüsieren.

Und der wäre?

Natalie steht bei Wikipedia.

Wie – den Namen gibt es also gar nicht?

Nein, den hat sich jemand ausgedacht, der dem großen N offenbar eine Bedeutung geben wollte.

Kommen wir zu einem anderen Namen: Steht das Projekt „Gleis 8“ für etwas, das Sie in eine neue Richtung bringt?

(lacht) Die Journalisten trauen uns immer allerhand zu. Nein: Am Gleis 8 steigt man meistens im Berliner Hauptbahnhof Richtung Hamburg ein. Wir haben im Namen etwas gesucht, was erstens noch nichts über die Musik verrät, und zweitens, was die Berliner mit den Hamburgern verbindet. Nachdem wir 200 Namen abgeschmettert haben, kam jemand auf Gleis 8. Das war’s.

Um im Bild zu bleiben: Steht der Zug Rosenstolz derzeit auf einem Abstellgleis, oder ist er gar abgefahren?

Der steht eher in der Wartungshalle. Ein bisschen müde, abgenutzt und mit Gebrauchsspuren.

Der müsste also repariert werden?

Vielleicht.

20 Jahre als Duo mit Peter Plate unterwegs – was ist nun das Besondere an einer Band?

Vieles. Es ist zu viert deutlich lustiger als zu zweit, und man kann auch deutlich länger und lauter lachen. Vier Leute mit unterschiedlichen musikalischen Vorlieben und Herkünften – da kommt natürlich eine Menge Kreativität zustande. Man inspiriert sich gegenseitig. Außerdem ist alles sehr demokratisch, jeder kann seine Ideen und Argumente einbringen. Wir sind sehr uneitel, keiner lässt sein Ego raushängen.

Sind Sie nicht – weil schon bekannt, einzige Frau und Sängerin – die heimliche Chefin?

Nein. Wir haben uns eher auf Zuständigkeitsbereiche geeinigt, wo einer die Hauptkommunikation übernimmt, wenn es zum Beispiel um Grafik oder um Merchandising geht.

Worin unterscheidet sich Gleis 8 musikalisch von Rosenstolz?

In erster Linie dadurch, dass es deutlich verspielter und facettenreicher ist. Es ist noch Popmusik, aber mit mehr Gitarren und echten Instrumenten. Aber das empfindet jeder anders: Einige hören gar keinen Unterschied, für andere ist es komplett etwas anderes. Wenn man nur auf meine Stimme achtet, wird der Unterschied wohl nicht so stark ausfallen. Aber die Stücke entstehen jetzt ganz anders.

Wie denn?

Eben nicht im stillen Kämmerlein, wo einer eine Idee entwickelt. Sondern im gemeinsamen Probenraum, wo jeder auch die abgedrehteste Idee vortragen darf. Alles wird ausprobiert oder besprochen.

Sind Ihre Texte eine Konstante geblieben?

Nein, weil es ja nicht nur meine Texte sind. Einer von uns hat meist eine Grundidee, manchmal nur eine Zeile oder der Refrain, und dann versuchen wir gemeinsam, den Text fertig zu machen.

Aber es fällt auf, dass auch in den neuen Texten wie vorher viele existenzielle Fragen gestellt werden, die zum Nachdenken über das Leben auffordern.

(lacht) Vielleicht liegt das am Alter. Wie heißt es schon in der Sesamstraße: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Sich mal ab und zu Fragen zu stellen, ob es richtig ist, was ich hier mache oder es noch woanders langgeht, mein Leben bis jetzt okay war oder ich noch was anderes probieren kann, ist wichtig. Das bedeutet ja nicht, dass wir alle ganz verzweifelt sind und mit unserem Leben hadern.

Man muss nur irgendwann auch Antworten finden.

Für sich selbst, ja. Die geben wir den Menschen natürlich nicht, weil das vermessen wäre, ihnen etwas vorzuschreiben oder zu empfehlen.

In der Burn-out-Phase von Rosenstolz haben Sie gesagt, das sei nicht das Ende. Müssen Sie den Fans jetzt erklären, warum es doch nicht weiterging?

Ich weiß nicht, ob ich wirklich muss. Einige Fans haben ja die Angewohnheit, ihre Idole zu vereinnahmen. Die meinen, sie kennen mich in- und auswendig. Zu Rosenstolz: Wir haben ja noch mal eine Platte nach der Pause gemacht und es versucht, letztendlich aber festgestellt, dass es so nicht weitergehen kann. Ich finde es ganz gut, wenn jeder von uns beiden aus seiner Betriebsblindheit herauskommt und mal guckt, ob es das war oder ob es in der Welt noch andere Dinge gibt, die man ausprobieren kann.

Das klingt nach dem Ende.

Kann ich nicht vorhersagen. Es kann sein, dass wir in zwei, drei Jahren noch mal zusammenkommen und uns sagen: Das war doch ganz lustig mit uns, lass es uns noch mal probieren. Im Moment jedenfalls denke ich nicht daran.

Hatten Sie auch so wie Peter Plate mit dem Burn-out-Syndrom zu kämpfen?

Ich hatte keine körperlichen oder seelischen Beschwerden. Aber ich war müde, durcheinander und unkonzentriert. Wir hatten beide einen Punkt erreicht, wo man nicht mehr nachdenkt, sondern nur noch funktioniert. Da sagt dir einer, wo du hingehen sollst, und das machst du dann. Das hinterfragst du auch nicht mehr. Das war, bevor Peter auf der Bühne zusammengebrochen war. Wir hatten vorher das Problem schon erkannt und wollten eine Pause. Rosenstolz wurde so groß, dass man den Druck und die Verantwortung anderen gegenüber kaum noch aushalten konnte. Nach dem Zusammenbruch mussten wir einsehen, dass wir sofort stoppen und die Tour nicht mehr zu Ende bringen konnten.

Wie gehen Sie jetzt mit der drohenden Gefahr um?

So richtig vermeiden kann man das nicht. Man kann aufpassen und nicht zu viel auf einmal machen. Man muss sich auch Ruhephasen gönnen.

Viele Berliner wie etwa Peter Foxx besingen oft Ihre Stadt. Sie halten sich da eher zurück. Hat das mit Abneigung oder Desinteresse zu tun?

Nein, überhaupt nicht. Es ist bedingungslose Liebe. Ohne Berlin komme ich überhaupt nicht klar. Wenn ich länger weg bin, kriege ich eine Macke. Nach spätestens drei Wochen habe ich totales Heimweh.

Was macht diese Liebe aus?

Kann ich nicht genau sagen, die Liebe war einfach immer da. In Berlin bin ich aufgewachsen, das ist meine Heimat.

Man liest immer wieder von Überfällen: Ist Berlin nachts nicht zu gefährlich?

Nein, finde ich nicht. Mir ist jedenfalls noch nie etwas passiert. Mit mir mag man sich auch nicht so gern anlegen. (lacht)

Warum, haben Sie die Gaspistole stets griffbereit?

Nein, meine Fäuste. Ich boxe schließlich seit ein paar Jahren.

Sie würden Ihre Fäuste einsetzen, wenn es brenzlig wird?

Im Notfall sicherlich. Ich bin nicht nur Schirmherrin der Boxabteilung eines alten Kreuzberger Vereins, sondern ich boxe privat mit einem Partner – nicht aus Wettkampfgründen, sondern wegen der Fitness und weil es mir Spaß macht. Zur Selbstverteidigung habe ich das Boxen zwar noch nie gebraucht, aber es ist gut zu wissen, dass es ginge, wenn es nötig wäre.

Wie schauen Sie auf Ihre Kindheit in Ost-Berlin zurück?

Ich habe meine Kindheit als recht angenehm und behütet empfunden, war viel beschäftigt in Vereinen und hatte nie Langeweile. Alles hat mir Spaß gemacht. Darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.

Wer zählte zu Ihren Idolen, welche Poster hingen im Zimmer?

Ich durfte nicht viele Poster aufhängen, das fand meine Mutti nicht schön. Ich hatte aber Tierposter hängen. Meine Oma arbeitete im Tierpark, und deswegen kam ich immer an die tollen Löwenposter heran. Die waren im Osten sehr begehrt. Ich hatte auch ein Poster von Elvis Presley an der Wand.

Wie kam das?

Keine Ahnung, wer mich drauf gebracht hat. Wahrscheinlich mein Vater, wir hatten zwei Platten von ihm. Irgendwie fand ich den toll, und mit elf, zwölf Jahren war ich sogar richtig verschossen in Elvis. Natürlich habe ich auch seine Songs gerne mitgesungen.

Welcher war Ihr Lieblingssong?

Eindeutig „In The Ghetto“.

Durften Sie mit der Oma mitgehen, die Tiere im Zoo füttern?

Nein, sie war ja keine Tierpflegerin, sondern in der Verwaltung tätig. Ich durfte aber überallhin, auch in die Baby-Tierstationen.

Ein sozialkritischer Song. Rosenstolz hat oft Klartext geredet, als es etwa um Kritik am Bambi für Bushido ging. Sind Sie eine mutige Frau?

Nein. Eigentlich bin ich eher ein Schisser. Aber seine Meinung zu vertreten halte ich auch nicht für besonders mutig, in heutigen Zeiten und in unserer Gesellschaft nicht. Das könnte in Syrien anders aussehen.

Sie stehen mit Facebook und Co. auf Kriegsfuß, liest man. Gibt es ein negatives Erlebnis?

Da wird zum Beispiel Freunden der Account gehackt, und plötzlich kriegt man Sex-Mails. Wenn ich soziale Kontakte pflege, habe ich die am liebsten am Telefon, oder ich treffe mich mit Leuten. Ich mag es nicht, 300 Freunde zu haben. Mir reichen meine wenigen Freunde, aber die sind dann auch immer für mich da und ansprechbar. Und die können mich auch nicht wirklich anlügen, was man über das Internet ja ganz gut kann. Dort verstellen sich viele. Außerdem finde ich die Idee, dass man durch social media gläsern wird, unglaublich gruselig. Wenn ich in einem Netzwerk wäre, könnte alles eingesehen werden und ein Profil über mich erstellt werden. Das ist Horror.

Sie haben auch keine Homepage?

Gleis 8 als Band schon, aber ich persönlich nicht.

Sie haben für Ihr Engagement im Kampf gegen Aids das Bundesverdienstkreuz erhalten. Verspüren Sie Stolz?

Stolz ist so ein zweischneidiges Schwert. Natürlich fühle ich mich geehrt, so eine Auszeichnung bekommt nicht jeder. Aber ich finde gleichzeitig, jede Krankenschwester, jeder Altenpfleger, jeder Feuerwehrmann, jeder freiwillige Helfer in irgendeiner sozialen Station hätte das mehr verdient als ich.

Sehen Sie Künstler in einer prädestinierten Position, ein soziales Vorbild zu sein?

Klar. Ein Künstler muss nicht zwangsläufig ein Vorzeigemensch sein, auch nicht moralisch. Er sollte aber seine Popularität nutzen, um aufzuklären und für bestimmte Sachen sensibel zu machen. Dann können die Leute immer noch entscheiden, ob sie mitgehen wollen. Das betrifft nicht nur Künstler: Jeder Mensch, der halbwegs im Leben für sich steht, hat die Verpflichtung, mit offenen Augen durch die Gegend zu gehen und zu schauen, ob man nicht andere unterstützen kann. Man ist nicht allein auf der Welt.

Sie haben am 25. Dezember Geburtstag. Das hasst man als Kind, oder?

Ja, da ist nicht schön, auch heute noch nicht.

Gab es einmal oder zweimal Geschenke?

Heute nur noch einmal. Früher war das komplizierter. Da hat mich meine Mutter am 24. Dezember nachts geweckt, den Geburtstagstisch gezeigt und wieder ins Bett gesteckt. Dann konnte ich die Geschenke am nächsten Morgen aufmachen. Kindergeburtstage mussten immer verschoben werden, weil am ersten Weihnachtstag natürlich keiner Zeit hat oder zu Hause ist. Schön ist es nicht, an diesem Datum Geburtstag zu haben. Heute ist eigentlich nur noch Stress, zweimal das Theater nacheinander.

Weil Sie lieber familiär bleiben wollen?

Nein, nicht deswegen. Es ist mittlerweile Tradition, dass ich am 25. Dezember ein Chill-out-Fest mache für alle, die gerade voll gestresst sind von Schwiegermüttern und Großeltern und dann zu uns kommen, um sich unter Freunden entspannen zu können.

Sie klingen auch gerade sehr entspannt?

Bin ich auch.

Welcher private Wunsch sollte in Erfüllung gehen?

Da gibt es nichts.

Wunschlos glücklich?

Also, ich habe alles, was ich brauche. Vielleicht könnte ich mir mal wieder einen großen Urlaub erfüllen.

Aber der darf auch nicht länger als drei Wochen sein wegen des Heimwehs...

(lacht) Genau. Außerdem habe ich in Berlin eine wunderschöne große Terrasse, die zum Hof rausgeht. Da fühle ich mich wie im Urlaub.


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