Hubacher über Film „Der Hauptmann“ Willi-Herold-Dreh: In Görlitz haben Schaulustige salutiert

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Berlin. Der Kinofilm „Der Hauptmann“ erzählt die Geschichte von Willi Herold, der 1945 in einer geklauten Uniform 172 Menschen ermorden ließ. Hauptdarsteller Max Hubacher berichtet über den Dreh – bei dem in Görlitz Schaulustige vor seinen Wehrmachtsorden strammstanden.

Um gleich mit der Kernfrage einzusteigen: Warum tötet Willi Herold? Aus Mordlust? Als Rollenspiel? Weil er glaubt, das Richtige zu tun?

Uns geht es nicht nur um die historische Figur. Diesen Willi Herold gab es zwar wirklich; deshalb spielt der Film auch im Zweiten Weltkrieg. So einen Menschen könnte es aber in jedem Krieg geben. Beim historischen Willi Herold denke ich: Er ist kein faschistischer Idealist; er benutzt das Nazi-System für seine eigenen Taten. Er benutzt die Hierarchien im Lager, um zu überleben. Und die Nazis benutzen ihn. Im Lager haben sie nur auf jemanden gewartet, der die Vollmacht hat, um ihr Problem zu lösen. Da spielte es auch keine so große Rolle, ob sie ihm wirklich geglaubt haben, dass der Führer ihn schickt. Seine ersten Entscheidungen trifft Willi Herold nur, weil er nicht an die Front will und seine Rolle als falscher Hauptmann wahren muss.

(Der historische Fall: Die Morde von Willi Herold)

Zählen Sie das zentrale Massaker auch zu seinen Vertuschungstaten?

Das möchte ich gar nicht kommentieren. Alle suchen nach einer Erklärung, die wir bewusst nicht geben. Der Zuschauer soll sich nicht in Willi Herold einfühlen, sondern sich fragen: Was hätte ich selbst getan?

Ihr Regisseur nennt die Figur deshalb auch eine Leerstelle. Aber irgendwas müssen Sie ja spielen. Haben Sie für sich selbst eine Lesart gefunden?

Nö. Als Schauspieler muss ich die Moral ablegen, gerade bei so einer Geschichte. Das Schwierigste an meiner Arbeit war, nicht zu werten. Ich selbst spreche auch nicht von einer Leerstelle; für mich ist Willi Herold eher orientierungslos. Und diese Orientierungslosigkeit beginnt ausgerechnet da, wo er im Lager zum ersten Mal irgendwo angekommen ist.

Als Schweizer unterliegen Sie vermutlich der Wehrpflicht. Waren Sie beim Militär?

Weil ich noch in der Schauspielausbildung bin, muss ich das nicht machen. Ich bin befreit. Manchmal denke ich mir, dass es für das Spielen sogar hilfreich gewesen wäre. Es gibt ja, im Film und beim Theater, viele Soldaten-Rollen. Für den „Hauptmann“ sind wir aber gut vorbereitet worden, wir haben mit Experten geredet, wir hatten Schießtraining. Und natürlich habe ich unglaublich viel Material zu Willi Herold gelesen.

Minderjähriger Massenmörder: Willi Herold ließ 172 Menschen töten. Foto: Absolut Medien

Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Willi Herold hatte eine Ausbildung als Schornsteinfeger, er war eine Art professioneller Glückspilz – und das passt vielleicht auf eine gewisse Art und Weise zu seinem Verhalten. Am krassesten war für mich zu lesen, dass er als 17-Jähriger in der Schlacht um Monte Cassino gekämpft hat, einer der größten Schlachten am Ende des Krieges. Für mich ist unvorstellbar, wie man aus so was rauskommt. Wenn man das mit 17 Jahren erlebt, macht es was mit einem. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er am Ende den Spieß umdreht und selbst Menschen in den Tod schickt. Unser Film beginnt nicht zufällig mit seiner Flucht vor den eigenen Leuten. Er wird vom Gejagten zum Jäger.

Ist diese „Jagd“ auf ihn eigentlich historisch belegt?

Man weiß, dass er vor der Wehrmacht geflohen ist. Wie er an die Uniform gekommen ist, wissen wir dagegen nur aus seinen eigenen Aussagen. Wir zeigen es so, aber wir werden nie erfahren, ob er wirklich ein verlassenes Auto mit der Uniform gefunden hat oder auf irgendeinem anderen Wege daran gekommen ist.

Erst durch die Uniform wird Willi Herold zum Massenmörder. Hat es für Sie eine besondere Wirkung gehabt, als Sie sie getragen haben?

Ja, und zwar in der Wirkung auf andere. Wenn ich in der Uniform für mich allein bin, passiert gar nichts. Sobald ich aber ans Set komme, begegnen die Leute mir anders. Die Uniform war ein ständiger Impuls, auch wenn die Reaktionen am Set natürlich oft spaßig waren.

Wie ist es, ausgerechnet in Polen mit so einer Uniform aufzutreten?

Schwierig. Die Statisten waren fast ausschließlich Polen, und man merkt, dass allen die Geschichte noch in den Knochen steckt. Der Dreh war sehr emotional. Ich bin natürlich niemals in Uniform vom Set weggegangen. Sobald die Kamera aus war, bin ich schnell in die Jogginghose gestiegen.

In Görlitz haben Sie dafür eine Szene gedreht, in der Sie sich im Kostüm unter die Passanten mischen.

Das war improvisiert und hatte sehr interessante Folgen. Der Empfang war gar nicht so abweisend, wie ich gehofft hatte. Einige der Leute in Görlitz haben uns in unseren Nazi-Uniformen salutiert. Ich stand nur da und konnte es kaum glauben. Viele waren natürlich irritiert, aber eben nicht alle. Das bringt uns wieder zum Ausgangspunkt: Der Film ist nicht nur als Erinnerung an die Geschichte wichtig; es geht auch um die Gegenwart. Die AfD und der Aufschwung rechter Bewegungen machen den Film wieder wichtig.

Sie haben den „Hauptmann“ in Toronto und in Saarbrücken präsentiert. Reagiert das internationale Publikum anders als das deutsche?

Total. Die Leute im Ausland reagieren auf die Groteske. In Deutschland traut sich niemand zu lachen. Ich werte das nicht, aber es fällt sehr stark auf.


Das Lager Aschendorfermoor

Während des Dritten Reiches von 1933 bis 1945 existierten im Emsland und in der Grafschaft Bentheim 15 Gefangenenlager. Ihre Funktionen waren unterschiedlich. Sie dienten als Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager. Das Lager II Aschendorfermoor wurde im April 1935 als Justiz-Strafgefangenenlager für zunächst 1000 Häftlinge fertiggestellt, später kamen unter anderem politische Gefangene und verurteilte Wehrmachtssoldaten hinzu. Die Inhaftierten mussten täglich bis zu zwölf Stunden Zwangsarbeit im Moor leisten. Für die Wachmannschaften mussten die Gefangenen einen „Vergnügungspark“ anlegen, von dem noch Reste erhalten sind. Während des Krieges wurden sie in der Landwirtschaft eingesetzt. Stets blieben sie überdies körperlichen und seelischen Misshandlungen durch die Willkür der Wachmannschaften ausgesetzt. Standesamtlich sind 237 Todesfälle beurkundet, die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. Anfang April 1945 wurden bis zu 3000 Gefangene nach Aschendorfermoor verlegt. In diesen Tagen tauchte der falsche Hauptmann Willi Herold mit weiteren versprengten Soldaten auf. (gs)

Weitere Infos: www.gedenkstaette-esterwegen.de

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN