Interview zum Film „Der Hauptmann“ Massenmörder Herold: Warum wurde nicht im Emsland gedreht?

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Berlin. In Hollywood drehte Robert Schwentke mit Jodie Foster und Bruce Willis. Jetzt kehrte er nach Deutschland zurück, um in „Der Hauptmann“ die Geschichte von Willi Herold zu erzählen. Der 19-Jährige ließ 1945 172 Menschen ermorden.

Wenn man nach einem Film wie „R.E.D.“, nach der Arbeit mit Schauspielern wie Helen Mirren, Bruce Willis und Ernest Borgnine nach Deutschland zurückkehrt – dann muss es ein Herzensprojekt sein.

„Der Hauptmann“ treibt mich schon seit zehn Jahren um; ich hatte aber schnell gemerkt, dass ich über die Zeit zu wenig wusste. Also habe ich lange und viel recherchiert. Unter anderem auch im Oldenburger Staatsarchiv; die letzte Gerichtsakte liegt da noch vor. In meiner Karriere habe ich immer versucht, harte Linkskurven zu nehmen, mich in Sachen Tonalität oder Genre nicht zu wiederholen. Nach dem Thriller kam eine Romanze, dann eine Komödie. Trotzdem glaube ich: Ich hätte den „Hauptmann“ nicht ohne die anderen Filme machen können. Es war ein Balanceakt, aber ein kalkulierter.

(Der historische Fall: Die Morde von Willi Herold)

Willi Herold hat als Teenager einen monströsen Massenmord begangen. Warum? War er ein Soziopath oder wollte er nur sein Rollenspiel decken? Glaubte er als Nazi, das Richtige zu tun? Hatte er ein posttraumatisches Belastungssyndrom? Hatte er einfach nur das Gefühl, dass die Morde von ihm erwartet wurden?

Der echte Willi Herold – über den ich alles gelesen habe, was es gibt – hat, denke ich, die ganze Sache als Cowboy-und-Indianer-Spiel mit scharfer Munition gesehen. Er war nicht ideologisch motiviert. Was die Figur Willi Herold in unserem Film angeht, gibt es bewusst eine Leerstelle, die den Zuschauer dazu auffordert, eigene Antworten zu finden. Der ideale Zuschauer stellt sich die Frage: Was hätte ich gemacht?

Minderjähriger Massenmörder: Willi Herold ließ 172 Menschen töten. Foto: Absolut Medien

Wie haben Sie Ihren Schauspieler angeleitet, eine Leerstelle zu spielen?

Ich habe mit ihm das übergreifende Primärziel festgelegt: Das war bei Willi Herold ganz klar das Überleben. Daraus ergeben sich sekundäre Ziele: Er muss essen, er muss von der Front wegbleiben. Herold geht natürlich extrem über das Notwendige hinaus – auch weil es ihm leicht gemacht wird. Alle um ihn herum profitieren von seinem Tun. Herolds Geschichte ist keine klassische Tragödie, in der alles schicksalhaft auf das Ende hinarbeitet. Diese Tragödie hätte nicht stattfinden müssen. Sie hätte von ganz vielen Menschen abgewendet werden können. Die Schuld an dem Massaker trifft nicht nur Herold, sondern auch alle um ihn herum.

Willi Herold wird als Opfer in den Film eingeführt, als verfolgter Deserteur, der in seine Verbrechen hineinschliddert. Mit dem Soldaten Kipinski stellen Sie ihm eine Figur zur Seite, die von Anfang an als grausam gezeigt wird und am Ende sogar für sich beansprucht, Herold zum Bösen verführt zu haben.

Kipinski war sadistisch veranlagt. Zu töten und zu quälen hat ihm Spaß bereitet. Das kann man von Herold überhaupt nicht sagen; ich glaube nicht, dass der durch das Töten eine Befriedigung erfahren hat.

Ihr Film läuft am Ende auf surreale Bilder hinaus, vorher sind einige der Gewaltdarstellungen beinahe burlesk. Ein Lageroffizieller zerplatzt geradezu unter dem Bombardement. Wir haben Sie die Darstellung der Gewalt konzipiert?

Wenn man die Gewalt unterschlägt, verrät man die Opfer. Aber während des Massakers haben wir bewusst nie ins Massengrab geguckt, nicht während der Erschießung. Da unterscheiden wir uns zum Beispiel von Wajdas „Katyn“. Wajda hatte eine ganz andere Berechtigung, er hat beim Massaker von Katyn seinen Vater verloren. Wir haben die Gewalt nicht dramaturgisch aufgekocht. Ich will die Gewalt nicht ausbeuten. Viel vom Grauen erzählen wir nur über die Tonebene; ich finde unseren Film weit weniger explizit als vieles, was ich um 20.15 Uhr im Fernsehen sehe.

Sie haben Ihren Film nicht im Emsland gedreht, sondern in Görlitz – und in Polen, wo Sie das Set des Nazi-Lagers gebaut haben. Dabei kann man sich nicht ganz wohl fühlen, oder?

Man geht mit einer Filmproduktion natürlich dorthin, wo man Fördergelder bekommt. Hätten wir den Film auch im Emsland drehen können? Ich glaube, das wäre schwierig gewesen. Während der Recherche bin ich viel da gewesen; und ich glaube, einen so gut erhaltenen historischen Ortskern wie in Görlitz hätten wir da nicht gefunden. Also hätten wir es bauen müssen; das gab das Budget nicht her.

In der Dialogebene bleibt das Emsland trotzdem präsent, sodass die sächsische Architektur etwas ulkig wirkt. Hätten Sie den Film nicht auch ganz ortlos erzählen können?

Es gab nur im Emsland Arbeitslager, die sowohl von der Justiz als auch von der SA verwaltet wurden. Das lag daran, dass der Oberkommandeur der Lagerverwaltung SA-Mann war, der seiner Truppe mehr Macht sichern wollte. Das Kompetenz-Durcheinander, in das Willi Herold gerät, war nur hier möglich.

Haben Sie selbst mal die Hauptmann-Uniform angezogen, um ein Gefühl für ihre Wirkung zu kriegen?

Nein.


Das Lager Aschendorfermoor

Während des Dritten Reiches von 1933 bis 1945 existierten im Emsland und in der Grafschaft Bentheim 15 Gefangenenlager. Ihre Funktionen waren unterschiedlich. Sie dienten als Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager. Das Lager II Aschendorfermoor wurde im April 1935 als Justiz-Strafgefangenenlager für zunächst 1000 Häftlinge fertiggestellt, später kamen unter anderem politische Gefangene und verurteilte Wehrmachtssoldaten hinzu. Die Inhaftierten mussten täglich bis zu zwölf Stunden Zwangsarbeit im Moor leisten. Für die Wachmannschaften mussten die Gefangenen einen „Vergnügungspark“ anlegen, von dem noch Reste erhalten sind. Während des Krieges wurden sie in der Landwirtschaft eingesetzt. Stets blieben sie überdies körperlichen und seelischen Misshandlungen durch die Willkür der Wachmannschaften ausgesetzt. Standesamtlich sind 237 Todesfälle beurkundet, die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. Anfang April 1945 wurden bis zu 3000 Gefangene nach Aschendorfermoor verlegt. In diesen Tagen tauchte der falsche Hauptmann Willi Herold mit weiteren versprengten Soldaten auf.

Weitere Infos: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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