Schwentkes Film „Der Hauptmann“ „Emsland-Henker“: Warum hat Willi Herold getötet?

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Berlin. 1945 hat der Gefreite Willi Herold sich im Emsland als Offizier ausgegeben und 172 Menschen ermorden lassen. Unter dem Titel „Der Hauptmann“ kommt der Fall am Donnerstag ins Kino. Vorab antworten Regisseur Robert Schwentke und sein Hauptdarsteller Max Hubacher auf die Frage: Warum tötete Herold?

Die Geschichte hinter dem Film: Wer war Willi Herold?

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wird der Gefreite Willi Herold von seiner Truppe getrennt. Er gerät an eine Hauptmannsuniform und versammelt weitere Soldaten unter seinem angemaßten Kommando. Im Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, dem Emslandlager II, behauptet er, die unbeschränkte Vollmacht Hitlers zu genießen. Die Lagerleitung nimmt den Hochstapler auf und ermöglicht ihm einen Gewaltexzess: Erst mit Genickschüssen, dann in Massenerschießungen lässt der einstige Schornsteinfegerlehrling weit über 100 Gefangene ermorden. Auch als er mit seiner Truppe weiterzieht, endet das Töten nicht. Einen Bauern lässt Herold hängen, weil er die weiße Fahne gehisst hatte; in Leer sterben fünf Niederländer wegen angeblicher Spionage. Insgesamt fallen Herold 172 Menschen zum Opfer.

(Der historische Fall: Die Morde von Willi Herold)

Minderjähriger Massenmörder: Willi Herold ließ 172 Menschen töten. Foto: Absolut Medien

Warum wurde Willi Herold zum Massenmörder?

„Herold hat, denke ich, die ganze Sache als Cowboy-und-Indianer-Spiel mit scharfer Munition gesehen. Er war nicht ideologisch motiviert“, sagt Schwentke. Nach Jahren in Hollywood, wo der Regisseur mit Jodie Foster, Bruce Willis und Helen Mirren Filme wie „Flightplan“ und „R.E.D.“ gedreht hat, ist er für das Projekt nach Deutschland zurückgekehrt. „Was die Figur Willi Herold in unserem Film angeht, gibt es bewusst eine Leerstelle, die den Zuschauer dazu auffordert, eigene Antworten zu finden. Der ideale Zuschauer stellt sich die Frage: Was hätte ich gemacht?“

Tatsächlich führt der Film den Massenmörder als Identifikationsfigur ein. Erste Szenen zeigen ihn als Opfer der eigenen Leute, die Jagd auf den vermeintlichen Deserteur machen. Als er zum Täter wird, zitiert er den Spott seiner Peiniger wörtlich. Imitiert der „Henker vom Emsland“ nur die Gewalt, die er selbst erlebt hat? Hauptdarsteller Max Hubacher denkt in diese Richtung und erwähnt Herolds Einsatz in der Schlacht um Monte Cassino: „Wenn man das mit 17 Jahren erlebt, macht es was mit einem. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er am Ende den Spieß umdreht und selbst Menschen in den Tod schickt.“ Ist Herold ein Fall von posttraumatischem Belastungssyndrom?

Die Morde in Schwentkes Film „Der Hauptmann“

Den ersten Mord begeht er im Film noch im Zugzwang. Aufgebrachte Bauern führen Herold einen Plünderer vor, den der falsche Hauptmann erschießt, um seine Rolle zu wahren. Schwentke spricht vom „Primärziel“ der Figur: „Das war bei Willi Herold ganz klar das Überleben“, sagt er. „Herold geht natürlich extrem über das Notwendige hinaus – auch weil es ihm leicht gemacht wird. Alle um ihn herum profitieren von seinem Tun.“ Die Lagerleitung hatte selbst ein Interesse am massenhaften Tod der Gefangenen, deren Evakuierung zuvor gescheitert war. Schwentke: „Die Schuld an dem Massaker trifft nicht nur Herold, sondern auch alle um ihn herum.“

Extreme Gewalt

Blutdurstiger Sadist: War Willi Herold ein Soziopath?

„Der Hauptmann“ bietet eine Fülle von Lesarten an, ohne sich bei der Motivation seiner Figur je festzulegen. Einen Punkt ausgenommen: Mordlust treibt diesen Willi Herold nicht an; das macht der Film deutlich, indem er den Gewaltrausch an eine Nebenfigur delegiert, im Film (historisch unzutreffend) Kipinski genannt. „Kipinski war sadistisch veranlagt. Zu töten und zu quälen hat ihm Spaß bereitet“, sagt der Regisseur. „Das kann man von Herold überhaupt nicht sagen; ich glaube nicht, dass der durch das Töten eine Befriedigung erfahren hat.“ Damit stellt Schwenkte sich gegen eine Deutung, die sich medial durchzusetzen scheint: Die „taz“ nannte Herold einen Sadisten; „Spiegel online“ spricht von seinem „Blutdurst“.

Gewaltexzess als Normalität: Massenmordewaren Alltag

In solchen Begriffen wird Herold zur bizarren Ausnahmefigur stilisiert. Womöglich projiziert das aber nur unser heutiges Entsetzen in eine Zeit, die extreme Gewalt ganz anders wahrnahm. Die Historiker Sönke Neitzel und Harald Welzer haben anhand von Abhörprotokollen nachgewiesen, wie unbefangen Wehrmachtsangehörige in Gefangenschaft über schwerste Kriegsverbrechen sprachen. „Der Gebrauch von Gewalt war 1940 erheblich normaler, erwartbarer, legitimer und alltäglicher als in der Gegenwart“, schreiben die Historiker in ihrem Buch „Soldaten“. „Wenn man dann noch Teil einer Organisation ist, deren Zweck die Ausübung von Gewalt ist, wird vielleicht klarer, weshalb viele, keineswegs alle Soldaten keine Einübung in den Gewaltgebrauch benötigten. Gewalt gehörte zu ihrem Referenzrahmen, das Töten zu ihrer Pflicht – warum sollten sie also etwas darin sehen, was ihrem Selbstbild, Wesen, und Vorstellungsvermögen fremd gewesen wäre?“

Tatsächlich scheinen 1945 auch im Fall Willi Herolds weder die Dimension noch die Willkür seiner Verbrechen stark zu überraschen. Als seine Männer entflohene Häftlinge aufspüren, um sie an einem Gasthaus zu erschießen, protestiert die örtliche Bevölkerung nicht gegen die Morde – sondern nur gegen ihren öffentlichen Schauplatz. Und als Herold seine Taten noch vor der deutschen Obrigkeit gesteht, lässt man ihn laufen. Erst unter der britischen Militärregierung wird er verurteilt und am 14. November 1946 in Wolfenbüttel geköpft.


Das Lager Aschendorfermoor

Während des Dritten Reiches von 1933 bis 1945 existierten im Emsland und in der Grafschaft Bentheim 15 Gefangenenlager. Ihre Funktionen waren unterschiedlich. Sie dienten als Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager. Das Lager II Aschendorfermoor wurde im April 1935 als Justiz-Strafgefangenenlager für zunächst 1000 Häftlinge fertiggestellt, später kamen unter anderem politische Gefangene und verurteilte Wehrmachtssoldaten hinzu. Die Inhaftierten mussten täglich bis zu zwölf Stunden Zwangsarbeit im Moor leisten. Für die Wachmannschaften mussten die Gefangenen einen „Vergnügungspark“ anlegen, von dem noch Reste erhalten sind. Während des Krieges wurden sie in der Landwirtschaft eingesetzt. Stets blieben sie überdies körperlichen und seelischen Misshandlungen durch die Willkür der Wachmannschaften ausgesetzt. Standesamtlich sind 237 Todesfälle beurkundet, die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. Anfang April 1945 wurden bis zu 3000 Gefangene nach Aschendorfermoor verlegt. In diesen Tagen tauchte der falsche Hauptmann Willi Herold mit weiteren versprengten Soldaten auf.

Weitere Infos: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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