Serie „Looming Tower“ auf Amazon Schauspieler Sarsgaard über #MeToo: Mit Arschlöchern arbeite ich ständig

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Berlin. Ab sofort zeigt Amazon die 9/11-Serie „The Looming Tower“. Im Interview erklärt Hauptdarsteller Peter Sarsgaard, wie er die Anschläge als Ersthelfer erlebte – und er reiht sich in die Riege der Hollywood-Stars ein, die sich in der #MeToo-Debatte von Woody Allen lossagen.

Wie konnte es zu 9/11 kommen? Diese Frage stellt die Agenten-Serie „The Looming Tower“ (ab sofort bei Amazon Video). Peter Sarsgaard spielt darin einen CIA-Mann, der den Feind nicht nur bei Al Kaida sieht, sondern auch beim konkurrierenden Geheimdienst FBI. Im Interview spricht der 47-Jährige über seine Erinnerungen als Ersthelfer nach dem Anschlag auf das World Trade Center, über den „schlechtesten Präsidenten, den wir je hatten“, und über seinen Entschluss, nicht mehr mit Woody Allen zu arbeiten.

Herr Sarsgaard, „The Looming Tower“ erzählt die Vorgeschichte von 9/11. Wo waren Sie, als die Flugzeuge in die Twin Towers einschlugen?

Sehr nah dran, in Downtown Manhattan; ich habe es miterlebt.

Wie gut ist „The Looming Tower“? Hier geht‘s zur Serienkritik

Was haben Sie getan?

Ich habe zu helfen versucht, auf jede erdenkliche Weise. Da war eine Obdachlosen-Unterkunft an der Bowery, in der Wasser verteilt wurde. Dort habe ich die mit Staub bedeckten Menschen gesehen. Ich bin nicht zum eigentlichen Einsturzort gegangen. Jeder in New York hat versucht, sich irgendwie nützlich zu machen. Der Tag war chaotisch, es gab keine Zeit zum Nachdenken.

Zum Nachdenken?

Wie jede Tragödie war es eine Zeit, nach der man sein Leben auf einmal mit anderen Augen sieht, nach der man überdenkt, was wirklich wichtig ist. Tatsächlich habe ich zwei Wochen später meine Frau kennengelernt, ich glaube, am 28. September 2001. Das übersieht man bei Tragödien leicht: Sie sind eine Gelegenheit, den Dingen eine neue Richtung zu geben. In den Staaten haben wir das viel zu lange vermieden. Wir haben getrauert, aber wir haben uns nie mehr als das erlaubt.

Was kommt Ihnen zu kurz?

Wenn Ihr Onkel stirbt – zum Beispiel weil er suchtkrank war –, will keiner über die Sucht sprechen. Ich glaube, es ist wichtig zu fragen: Wie hätte es verhindert werden können? Was habe ich beigetragen? Was war meine Rolle bei alledem? Ohne Fragen riskiert man, dass es wieder passiert.

Es gibt eine Menge Filme über 9/11 ...

An welchen denken Sie? An den von Oliver Stone?

Zum Beispiel. Oder an „Flug 93“ von Paul Greengrass.

Und all das sind keine nachdenklichen Filme. Greengrass sperrt uns während des Geschehens ins Flugzeug ein; das wirkt wie ein sehr, sehr gut gemachter Actionfilm, wenn auch ein politischer. Oliver Stone erzählt davon, wie die verschiedensten Menschen nach einem solchen Ereignis zusammenfinden; aber es gibt keine Reflexion. Es ist einfach sehr schwer, sich der Selbstkritik zu öffnen. Es kommt einem so vor, als gäbe es jetzt ein klares „Wir gegen die“. Als ginge es nur um den eigenen Zusammenhalt. Wobei wir derzeit natürlich wirklich aufs Absurdeste gespalten sind. Und abgelenkt – genauso wie zum Zeitpunkt des Anschlags.

Ihre Serie basiert auf einem Sachbuch; war Ihnen das wichtig?

Ich bin ein Fan von Lawrence Wrights Buch. Ich habe es schon gelesen, als es 2006 erschienen ist; und es hat meinen Blick auf Al Kaida verändert, auf den islamischen Extremismus und auch auf die Weise, in der CIA, FBI und die Regierung uns dagegen schützen.

Neu auf Amazon Prime: die Serie „The Looming Tower“. Peter Sarsgaard spielt in der Serie den CIA-Analysten Martin Schmidt Foto: JoJo Whilden/Hulu

Vor 9/11 haben die Behörden es nicht geschafft. Erklärt das Buch, warum?

Für mich ist das nachvollziehbar, wenn man sich die damalige Struktur der Geheimdienste ansieht; inzwischen ist alles umorganisiert und viel kooperativer. Damals hatten CIA und FBI widersprüchliche Ziele: Der eine musste schnellstens die Verdächtigen verhaften, von denen der andere noch möglichst lange Informationen abziehen wollte.

Spielte auch eine Rolle, dass sich niemand einen Anschlag dieser Größenordnung vorstellen konnte?

Es lag in der Luft. Ich erinnere mich, dass ich noch am elften September gesagt habe: ‚Osama bin Laden – ich wusste es.‘1993 bin ich nach New York gezogen; in dem Jahr hatte schon ein erster, massiver Bombenanschlag auf das World Trade Center stattgefunden. (Am 26. Februar 1993 rissen Islamisten mit einer Autobombe ein 30 Meter großes Loch in vier Untergeschosse des Gebäudekomplexes; sechs Menschen starben, über 1000 wurden verletzt. Anm. d. Red.)

In „The Looming Tower“ spielen Sie einen realen CIA-Mann, der für die Serie umbenannt wurde. Warum?

Für meine Rolle wurden mehrere reale Personen zusammengeführt. So ist es leichter, eine Geschichte zu erzählen – auch mit Blick auf weitere Staffeln, in denen meine Figur dann mehr Entwicklungsmöglichkeiten hat. Die Serie hat nicht den dokumentarischen Anspruch der Vorlage; ich glaube allerdings, dass die Autoren über jede einzelne Freiheit gründlich nachgedacht haben. Lawrence Wright ist besessen von der Wahrheit. Und ich baue darauf, dass die Serie neue Leser für sein Buch interessiert.

Nach der Netflix-Serie „Wormwood“ ist „The Looming Tower“ binnen Kurzem Ihr zweites Format über die US-Geheimdienste. Keins davon stärkt unser Vertrauen in die CIA. Fühlen Sie sich sicher beschützt?

Nein, aber nicht wegen der CIA oder des FBI. Wer dominant in der Welt auftritt, wer militärisch die Muskeln spielen lässt, wer als Aggressor auftritt, der macht niemanden sicher. Du kannst sie eben einfach nicht alle töten. Und selbst wenn – die Kinder und Kindeskinder werden sich an dich erinnern. Mich verunsichert die Einstellung, die mein Land seit Langem zeigt – nicht die CIA. Die meisten, die dort arbeiten, sind Patrioten und wollen uns schützen. Man muss Wissen ansammeln und auf dieser Grundlage fragen, was uns sicherer macht. Ich denke nicht, dass es Drohnenangriffe sind.

Was halten Sie von Trumps Strategie, Amerika sicher zu machen?

Ich weiß überhaupt nicht, was seine Strategie sein soll. Kaum einer kann vorhersagen, was aus seinem Mund kommt. Fürs Protokoll: Ich halte Trump für den schlechtesten Präsidenten, den wir je hatten. Und ich glaube nicht an eine Trump-Doktrin.

Warum wurde er gewählt?

Ein Teil seiner Anhänger sehnt sich einfach nur verzweifelt nach einem besseren Amerika. Für eine Dokumentation über Opium-Missbrauch war ich in Dayton, Ohio. Was ich sah, waren Leute, die von der Regierung im Stich gelassen wurden. Die wollten einen Mann, der nicht aus der Regierung kommt. Ein anderer Teil liebt seinen Unterhaltungswert. Politik war immer unzugänglich und schwer zu verstehen; und Leute, die Politik erklären, werden nicht gewählt. Trump ist unterhaltsam; das macht es gerade für meine Branche schwer. Die Leute gucken keine Filme, sondern Fox News oder CNN. Oder sie lesen Trumps Twitter-Feed. Und dann streiten sie darüber, wie man Amerika wieder „great“ macht. Was immer das heißt.

Ihre Figur aus „The Looming Tower“ denkt auch an Amerika zuerst.

Der größte Unterschied zwischen mir und meiner Figur: Für mich ist jedes Leben gleich wertvoll, egal ob es um Amerikaner oder Syrer geht. Selbst in Europa ärgere ich mich über einen Journalismus, der Menschenleben priorisiert – und eine Naturkatastrophe in Europa größer verkauft als eine in anderen Teilen der Erde. Ein Anschlag in Afghanistan hat für mich denselben Nachrichtenwert wie einer in Paris.

Ist das wirklich so? Alarmiert ein Anschlag im Westen Sie nicht insgeheim doch mehr als der in einer Krisenregion, an deren Schreckensnachrichten wir uns gewöhnt haben?

Ich behaupte nicht, frei von solchen Gefühlen zu sein. Aber ich fühle dieselbe Trauer – ob ich nun einen Toten im Pariser Bataclan sehe oder einen in Syrien.

Sehen Sie Ihre Serien zur Zeitgeschichte auch als Fortsetzung Ihres Studiums? Ich habe gelesen, dass Sie einen Abschluss in Geschichte haben.

Ich bin vor dem Abschluss abgegangen. Eigentlich hatte ich mich sowieso immer als Sportler gesehen; ich wollte Fußball spielen – und schreiben. Als ich zur Washington University gegangen bin, lehrte da der Autor Stanley Elkin. Der hat mich dann ermutigt, mit einer seiner Short Storys aufzutreten: „Push the Bully“ hieß sie. „What I hate are new kids and sissies, dumb kids and smart, rich kids, poor kids, kids who wear glasses, talk funny, show off, patrol boys and wise guys and kids who pass pencils and water the plants — and cripples, especially cripples. I love nobody loved.“ Den ersten Monolog kann ich immer noch aufsagen.

Das haben Sie noch im Kopf?

Ich erinnere mich an alles. Als ich als „Hamlet“ aufgetreten bin, habe ich den vollständigen Text gelernt, nur für den Fall, dass der Regisseur nichts streicht. Was er natürlich getan hat. Wenn ich etwas auswendig lerne, dann kenne ich es wie nichts anderes. Es schwimmt für immer in meinem Hirn. Das gehört zu den Dingen, die ich an der Schauspielerei wirklich mag. Wenn ich in der Schule Shakespeare aufsagen musste, hab ich es gehasst – aber nur weil ich es damals eben nicht richtig auswendig konnte.

Sie haben in Woody Allens „Blue Jasmin“ mitgespielt; viele Schauspieler distanzieren sich gerade von ihm – wegen Vorwürfen, die seit 25 Jahren bekannt sind, also auch bei Ihrer Vertragsunterzeichung.

Ich habe nicht gründlich nachgefragt, weil ich so begeistert war, mit Woody Allen zu arbeiten. Ich fand es für sehr ungewöhnlich, dass er in Soon-Yi eine Frau geheiratet hat, die er zwar nicht selbst adoptiert hatte, aber die für ihn wie eine Tochter war. (Sie war die Adoptivtochter von Allens Partnerin Mia Farrow, Anm. d. Red.) Wenn man mit einem seiner Helden arbeiten kann, möchte man an ihn glauben. Dass er ein großer Künstler ist, glaube ich immer noch. Mit ihm arbeiten würde ich nicht mehr.

Wieso nicht?

Wir leben in revolutionären Zeiten. Und es ist an der Zeit für echte Veränderungen. In der ganzen Kulturgeschichte gibt es Künstler, die verabscheuungswürdig waren und deren Werke ich trotzdem weiter ansehe. Wenn ein Museum jetzt Balthus ausstellen würde, gäbe es einen Aufschrei. (Der Maler ist wegen seiner erotischen Darstellung von Kindern umstritten; Anm. d. Red.) Ich finde es lohnend, sich auch für das Gedankengebäude von amoralischen Menschen zu interessieren. Daraus besteht meine ganze Karriere. Ich würde es zum Beispiel sehr wertvoll finden, sich noch einmal mit „Manhattan“ auseinanderzusetzen. Der Film erzählt viel über das Thema. (Woody Allen spielt darin einen 42-Jährigen, der eine 17-Jährige liebt; Anm. d. Red.) Damals haben wir darüber gelacht; wir haben also alle für eine lange Zeit mitgemacht. Aber wie gesagt: Ich würde nicht mehr mit ihm arbeiten.

Bei Allen geht es nicht nur um Soon-Yi, mit der er bis heute verheiratet ist, sondern auch darum, ob er seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht hat. Falls das wahr sein sollte, hätte man sich schon in den 90ern distanzieren müssen, oder? Das ist nichts, was erst durch #MeToo im neuen Licht erscheint.

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mehr, was ich darüber wusste. Selbst wenn ich davon gehört hatte, war ich nicht interessiert, es richtig zu verstehen – weil ich den Mann so bewundert habe. Inzwischen haben wir einen Wendepunkt erreicht. Wir müssen bei allen Vorwürfen unterscheiden: Manche Leute sind Kriminelle, manche haben sich unmoralisch verhalten, und manche sind einfach nur Arschlöcher. Mit Arschlöchern arbeite ich ständig.

Aber Woody Allen könnte vollkommen unschuldig sein. Es steht Wort gegen Wort, und der Vorwurf von Dylan Farrow ist womöglich eine falsche, dem Kind damals eingeredete Erinnerung. (Zu diesem Schluss kamen 1993 die Gutachter.)

Aber das ist sehr selten. Es macht keinen Spaß, sich öffentlich mit so etwas zu offenbaren. Dylan Farrow hat jetzt bestimmt nicht nur mit Menschen zu tun, die sie großartig finden. Es gibt sicher eine Menge Woody-Allen-Fans, die sich wünschen, dass es nicht wahr ist. Offen gesagt, weiß ich es ja selbst nicht. Aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir Zeichen setzen müssen. Wir müssen den Opfern glauben – ich denke, es ist extrem selten, dass jemand über solche Dinge lügt. Das fühlt sich unfair an; und bestimmt ist es das in manchen Fällen auch. Zeiten radikaler Umbrüche kosten einige Menschen den Kopf.


Peter Sarsgaard wird am 7. März 1971 auf einem Luftwaffenstützpunkt in Illinois geboren, wo sein Vater als Ingenieur arbeitet – weshalb die Familie immer wieder den Wohnort wechselt. Sarsgaard wird katholisch erzogen, begleitet Gottesdienste als Messdiener und träumt von einer Karriere als Profi-Fußballer. Während des Studiums an der Washington University in St. Louis entdeckt er die Schauspielerei. Erste Fernsehauftritte hat Sarsgaard in Serien wie „Law & Order“. Seine erste Filmrolle ist das Mordopfer von Sean Penns Figur in „Dead Man Walking“ (1995). Den Durchbruch bringt ihm „Boys Don’t Cry“ (1999), wo er selbst den Mörder eines Transsexuellen spielt. Wichtige Rollen übernimmt Sarsgaard in Bill Condons „Kinsey“ (2004), Sam Mendes‘ „Jarhead“ (2005) und Lone Scherfigs „An Education“ (2009). Zuletzt ist er als Robert Kennedy in der Biografie „Jackie“ (2016) und als Schurke im Western „Die glorreichen Sieben“ (2016) zu sehen. In Woody Allens „Blue Jasmine“ spielt er einen reichen Diplomaten. In der Netflix-Serie „Wormwood“ ist er ein CIA-Agent, der nach LSD-Experimenten unter unklaren Umständen zu Tode kommt. Seine aktuelle Serie „The Looming Tower“ erzählt die Vorgeschichte von 9/11. Peter Sarsgaard ist mit seiner Kollegin Maggie Gyllenhaal verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter und lebt in New York.

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