Versuch, der Umsonst-Kultur entgegenzutreten Streit ums Urheberrecht: Der Kampf gegen die Hydra

Von Wolfgang Kaes

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Osnabrück. In Deutschland wird ein von den Vereinten Nationen verbrieftes Menschenrecht tagtäglich mit Füßen getreten. Nun unternimmt ein Kölner Musiker den verzweifelten Versuch, der Umsonst-Kultur und Billig-Kultur entgegenzutreten. Und findet prominente Mitstreiter.

Daran wird vermutlich auch die neue Bundesregierung nichts ändern. Künstler scheinen im Land der Dichter und Denker doch eine zu unbedeutende Minderheit zu sein; jedenfalls keine Größe, mit der Parteien Wahlen gewinnen – gemessen an der mindestens siebenstelligen Zahl der aktiven, regelmäßigen Raubkopierer in Deutschland. Tagtäglich wird im Rechtsstaat Deutschland ein von den Vereinten Nationen verbrieftes Menschenrecht mit Füßen getreten. In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, die sich auch mit Sklaverei (Artikel 4) oder Folter (Artikel 5) befasst, steht in Artikel 27, Absatz 2: „Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.“

Umsonst-Kultur selbstverständlich

Der milliardenfache Diebstahl geistigen Eigentums wird hierzulande und heutzutage oft als Kavaliersdelikt betrachtet. Die Täter sitzen in deutschen Wohnzimmern und in deutschen Kinderzimmern. Bürger, die im realen Leben niemals auf die Idee kämen, ihren Bäcker oder ihren Gemüsehändler zu bestehlen, verlieren in der nur scheinbar virtuellen Internet-Welt jegliche Skrupel. Menschen, die bei Starbucks für den kleinsten „Caramel Macchiato“, einen Kaffee im Materialwert von wenigen Cent, der binnen Sekunden produziert ist, ohne Murren 4,25 Euro bezahlen, halten es für selbstverständlich, dass ihnen kulturelle Erzeugnisse, die in monatelanger bis jahrelanger Arbeit hergestellt wurden, allzeit und kostenlos zur Verfügung stehen.

Die auf diese Weise in ihrer Existenz bedrohten Opfer sind nicht nur die unmittelbaren Schöpfer von Kultur: Komponisten, Musiker, Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler, Schriftsteller, Fotografen, Grafiker. Sondern zudem all jene, die hinter den Kulissen in diesen extrem personalintensiven, weil nicht industriell, sondern traditionell handwerklich produzierenden Branchen ihr Brot verdienen: Studiomusiker, Tontechniker, Kameraleute, Kinobetreiber, Lektoren, Korrektoren, Buchhändler, Drucker, Übersetzer und viele mehr.

Schaden? Unermesslich

Der volkswirtschaftliche Schaden ist messbar, der kulturelle aber unermesslich. Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag des staatlichen Filmförderers Medienboard Berlin-Brandenburg bezifferte den Verlust durch Raubkopien allein für Deutschland schon im Jahr 2010 für die Musikbranche auf 524 Millionen Euro, für die Filmbranche auf 156 Millionen Euro. Der (bislang noch) geringere Schaden für die Filmwirtschaft ist leicht zu erklären: Das illegale Herunterladen von Spielfilmen erfordert mehr technische Kompetenz, eine höhere Leistungsfähigkeit des Computers sowie eine Breitband-Internetverbindung. Im Fazit der Studie hieß es: „Über die ökonomischen Folgen der Piraterie hinaus dürfen auch die kulturellen Wirkungen nicht übersehen werden, die wiederum zuerst in der Musikindustrie zutage traten. Die Labels beklagen die mangelnde Refinanzierbarkeit der Anfangsinvestitionen in junge Künstler: Viele Produktionen scheitern daran, die Break-Even-Schwelle zu erreichen und die Ausgaben für Touren und Marketing wieder einzuspielen. Eine Kompensation pirateriebedingter Verluste über steigende Einnahmen aus dem Live-Geschäft ist kaum möglich. In der Folge werden immer weniger Investitionen in junge Künstler getätigt.“

Anbieter sind keine Samariter

Auch in der Filmwirtschaft hat der alltägliche Diebstahl geistigen Eigentums unmittelbare Folgen für den Nachwuchs, wie die Studie belegt. Auf die nächste wissenschaftliche Studie in diesem Umfang warten wir noch. Nach Musik und Film sind inzwischen auch Bücher ein bedrohtes Kulturgut, seit es sie nicht nur in gedruckter Form, sondern auch als E-Books gibt. Allein in Deutschland werden pro Monat mindestens eine Million Bücher gestohlen, heißt: über spezielle Portale zu Spottpreisen als elektronische Fassung angeboten. Die Anbieter sind keine Samariter, sondern Geschäftsleute, die ihre Boni über die für ihre Websites geschaltete Werbung verdienen. Und die in Deutschland gültige Buchpreisbindung umgehen, indem sie neu erschienene E-Books zu wenigen Euro das Stück anbieten. Sie firmieren gern im südpazifischen Königreich Tonga (Domain-Kennung: .to) oder anderen rechtsfreien Räumen dieser Erde. Ein deutscher Betreiber outete sich im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ als verkanntes schriftstellerisches Genie, dessen Manuskript von den Buchverlagen abgelehnt wurde und der sich nun auf diese Weise an der gesamten Branche rächen will. Dabei trifft das Raubkopieren in erster Linie die Autoren, die ohnehin nur fünf bis acht Prozent vom Nettoladenpreis eines verkauften Exemplars erhalten und nun erfahren müssen, wie sie um die Früchte jahrelanger Arbeit gebracht werden.

Kein Diebstahl?

Zum Glück spielt die Piratenpartei inzwischen keine bedeutende politische Rolle mehr. Aus deren Kreisen war schon das scheinheilige Argument zu hören, eine Raubkopie sei ja kein Diebstahl im juristischen Sinne, weil das Original ja noch vorhanden sei. Aber gelegentlich plädieren jüngere Vertreter etablierter Parteien die auch mal zu Wort kommen und wahrgenommen werden wollen, für eine „Anpassung“ des Urheberrechts an die „Internet-Realität“, für eine „Kultur-Flatrate“ und eine „Entkriminalisierung“ der Raubkopierer in den Wohnstuben – ebenso gut könnte man eine Entkriminalisierung von Einbrechern fordern, nur weil die Polizei der Alltäglichkeit der Wohnungseinbrüche nicht mehr gewachsen ist. Doch hier schlug der Gesetzgeber den gegenteiligen Weg ein: Ein Wohnungseinbruch ist neuerdings ein Verbrechen und nicht mehr nur ein Vergehen.

Beim Musiker und Schriftsteller Sven Regener erzeugte die Umsonst-Mentalität einen Wutausbruch im Bayrischen Rundfunk, was ihm einen „Shitstorm“ der anonymen „Netzgemeinde“ einbrachte. „Nicht das Recht hat sich dem technisch Machbaren zu beugen, sondern umgekehrt“, sagt der Münchner Soziologe und Autor Christoph Scholder. „Wir erleben eine Deformation der Demokratie zu einer Ochlokratie“, einer Herrschaft des Pöbels, sagt er. „Wenn der Staat nicht mehr für die Durchsetzung der Gesetze und die Sanktionierung der Verstöße sorgt, ist dies ein erstes Anzeichen der Erosion des demokratischen Rechtsstaates.“ Nachdem der Hochschullehrer öffentlich zur Piraterie Stellung bezogen hatte, konnte sein Provider nur mit Mühe in letzter Sekunde eine Attacke abwehren, die seine E-Mail-Adresse lahmgelegt hätte.

„Fuck your copyright blah blah blah“

Andere der rund 5000 Unterzeichner des Appells „Wir sind die Urheber“ von Mario Adorf bis Martin Walser wurden von der grauen, anonymen Netzgemeinde mit Häme („Fuck your copyright blah blah blah“), Beleidigungen oder Hasstiraden überzogen und öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben („Wer kennt die Wohnsitz-Adresse?“). Dabei stehen in dem Appell lediglich einige selbstverständliche, aber offenbar aggressionsfördernde Sätze wie: „Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit. Es garantiert die materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen. Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler von unserer Arbeit leben können.“

Andere agieren beim Raubkopie-Monopoly still im Hintergrund und reiben sich die Hände angesichts milliardenschwerer Umsätze: Facebook, Google samt Tochter Youtube, Hardware-Hersteller wie Apple, die immer schnellere, immer leistungsfähigere Laptops, Tablets, Smartphones verkaufen wollen. Sie alle benötigen kostenlosen „Content“ in rauen Mengen, weil ihre Hochleistungsmaschinen und Dienstleistungsangebote ohne permanenten Datenverkehr und frische Inhalte keinen praktischen Nutzwert für Kunden besäßen. Betroffen von dieser Entwicklung sind nicht die Rolling Stones mit ihrer Merchandising-Maschinerie, nicht die Hollywood-Blockbuster mit ihrer Mehrfachverwertungs-Strategie oder eine mit gigantischem Werbeaufwand zeitgleich auf den Weltmarkt geworfene literarische Massenware. Betroffen ist die gesamte Gesellschaft, die ein Schwinden der künstlerischen Bandbreite und Tiefe, ein Schwinden der Künstler angesichts mangelnder Existenzgrundlage und ein Verarmen der Kultur erleben wird.

Nun nimmt erneut jemand den Kampf gegen die Hydra auf. Der Kölner Musiker Lando van Herzog gründete die Initiative Project „Fair Play“ und hat eine erstaunliche Zahl prominenter Mitstreiter, darunter Oscar-, Grammy-, Echo-, und Grimme-Preisträger, für eine unabhängige CD-Produktion gewinnen können. Ausgerechnet eine CD? Der Violinist versteht die Produktion des Konzeptalbums als ein politisches Signal. Er will ein Zeichen setzen – für mehr Respekt gegenüber geistigem Eigentum. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, sagte schon Karl Valentin. „Wenn Kunst immer seltener fair entlohnt wird, wird es eines Tages keine Künstler mehr geben“, sagt Lando van Herzog.

Jeder Zweite würde zahlen

Das Jahrbuch 2016 des deutschen Bundesverbandes Musikindustrie dokumentiert eine Untersuchung, nach der „fast die Hälfte“ der 30- bis 39-Jährigen bereit seien, für Musik zu bezahlen. Bei solchen Nachrichten könnte van Herzog aus der Haut fahren: „Ist das nicht erschreckend? Man stelle sich vor, im Jahrbuch des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels stünde: Fast die Hälfte der Konsumenten ist bereit, für den Einkauf in einem Lebensmittelladen an der Kasse zu zahlen. Da offenbart sich der ganze Irrsinn und zeigt die Respektlosigkeit gegenüber künstlerischer Arbeit.“

Bieten moderne Streaming-Dienste wie Spotify nicht eine neue Chance für Musiker, Einnahmen zu erzielen? Da kann der Violinist nur müde lächeln. „Das Honorar des Künstlers für das Streaming seines Musiktitels im Internet beträgt im Schnitt zwischen 0,05 und 0,2 Cent. Gehen wir mal davon aus, der überdurchschnittlich erfolgreiche Song eines schon etablierten Künstlers wäre in den ersten sechs Monaten nach Veröffentlichung 500000-mal gestreamt worden. Dafür erhält der Künstler dann 500000-mal (im besten Fall) 0,2 Cent – das sind 1000 Euro Halbjahresverdienst. Allein die Produktion des Songs hat 5000 Euro gekostet, den Arbeitsaufwand für den Künstler gar nicht eingerechnet. Bei 5000 Streams eines weniger bekannten Musikers sind das zehn Euro Honorar in sechs Monaten. Bei diesen Streaming-Diensten weiß der Künstler nie, was er einnehmen wird. Nur eines weiß er mit Sicherheit: Es wird nicht zum Leben reichen.“

Was wäre zu tun?

Der Gesetzgeber wäre gefordert, fühlt sich aber nicht gefordert. Einige wenige populäre Künstler mit politischem Rückgrat wie etwa Herbert Grönemeyer verweigern sich konsequent den Streaming-Diensten. Van Herzog hat da noch eine Idee. Eine Vision: „Alle Musiker müssten sich zusammenschließen und ihren eigenen Streaming-Dienst gründen.“ Ist das illusorisch? „Als Dieter Overath, der uns unterstützt, vor einem Vierteljahrhundert Transfair und das Fairtrade-Siegel entwickelte, wurde er ebenfalls nur belächelt. Heute findet man die Produkte in jedem Edeka.“


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