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Redakteur unserer Zeitung berichtet Das Geiseldrama von Gladbeck vor 30 Jahren – ich war dabei

Von Joachim Schmitz

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Osnabrück. 30 Jahre ist es am 16. August her, dass das Geiseldrama von Gladbeck die Republik in Atem hielt. Für den Journalismus in Deutschland war es ein bis dato einmaliger Sündenfall. Auch ich habe als junger Redakteur dieser Zeitung damals zu denjenigen gehört, die den Gangstern hinterhergefahren sind. Ein Erfahrungsbericht:

„Was machen wir? Sollen wir los?“ Die Frage, die uns an diesem Abend im August 1988 in der Weltspiegel-Redaktion dieser Zeitung bewegt, ist nicht etwa die nach der Feierabendgestaltung und dem geeigneten Biergarten. Nein, ganz Deutschland ist gleichermaßen gefesselt wie angewidert von einem 54-stündigen Drama, das als „Gladbecker Geiseldrama“ in die deutsche Kriminal- und Mediengeschichte eingehen wird.

Nie zuvor haben Medien bei einem Verbrechen eine derartig zweifelhafte Rolle gespielt, selten hat die Polizei so krass versagt. Zwei notorische Gangster, Hans-Jürgen Rösner (31) und Dieter Degowski (32), haben am Morgen des 16. August 1988 in Gladbeck eine Filiale der Deutschen Bank überfallen und Geiseln genommen. Schon hier nimmt der Fall eine sonderbare Wendung: Kollegen vom Radio rufen in der Bank an, interviewen die beiden und übermitteln anschließend die von Rösner geäußerte Lösegeldforderung: „300.000 Mark in kleinen Scheinen, einen dunklen BMW 735i, zwei Paar Handschellen und freien Abzug.“ Abends ist im „heute-journal“ live zu sehen, wie die Gangster samt Geiseln in einem mit Wanzen und Peilsendern versehenen Wagen abfahren. (Weiterlesen: Harter Stoff: Der packende Zweiteiler „Gladbeck)

Tankstopp in Osnabrück

Die Bankräuber flüchten in Richtung Norden und holen nach einem Fahrzeugwechsel noch Rösners Freundin Marion Löblich zu sich in den Wagen. Nach einer Irrfahrt durchs Ruhrgebiet und einem Zwischenstopp mit Tankstellensuche in Osnabrück landen sie am nächsten Tag in Bremen-Vegesack, wo Rösner eine Stunde lang mit seiner Freundin einkaufen geht, ohne dass die Polizei die Situation nutzt. Und das, obwohl auch Degowski zwischenzeitlich den Wagen verlässt, um zu pinkeln.

Linienbus gekapert

Am Abend kapern die Gangster völlig ungehindert einen Linienbus mit über 30 Insassen und ziehen vor laufenden Fernsehkameras eine irrwitzige Interview-Show ab, ohne dass die Polizei sich in der Lage fühlt einzugreifen. Reporter betreten den Bus und schießen Bilder, von der Staatsmacht ist nichts zu sehen. Ein Pressefotograf statt der Polizei nimmt Kontakt zu den Gangstern auf, die Bilder sind später in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF zu sehen. Rösner gibt vor dem Bus eine regelrechte Pressekonferenz und sagt in die Kameras „Ich scheiß auf mein Leben“. Die Scharfschützen haben wiederholt gutes Schussfeld, bekommen jedoch nicht den Befehl zum finalen Rettungsschuss. Als es dunkel ist, rollt der Bus aus Bremen heraus, wieder verfolgt von etlichen Reportern in ihren Fahrzeugen.

Makabre Reise

Das alles haben wir in Osnabrück noch über den „Nachrichtenticker“ und das Fernsehen verfolgt. Nun aber geht die makabre Reise weiter, wieder zurück Richtung Osnabrück. An der Autobahnraststätte Grundbergsee zerrt Degowski die Geisel Silke Bischoff aus dem Bus, damit sie Fernsehinterviews geben kann. Wenig später feuert er auf den 15-jährigen Emanuele de Georgi, weil sich die Polizei Rösners Freundin beim Toilettengang geschnappt und festgenommen hat. Als man die Frau wieder freilassen will, hat der verantwortliche Polizist gerade sein Funkgerät ausgestellt, dann bricht auch noch der Schlüssel für die Handschellen ab – dies wird dem jungen Emanuele zum Verhängnis, Degowski schießt. Die Polizei hat nicht einmal einen Rettungswagen zur Raststätte beordert. Zwei Stunden nach dem Schuss stirbt der Junge.

Mit dem Linienbus geht die Flucht weiter – ein Schweif von Journalistenautos im Gefolge. Wir entscheiden in der Redaktion: Wenn alle anderen dabei sind, dann müssen wir auch. Und fahren Richtung Raststätte Dammer Berge. Dort reihen wir uns in den Reporter-Konvoi ein und erleben eine unvergessliche Nacht.

Unverantwortliches Verhalten

Am nächsten Tag, nach dem blutigen Ende des Geiseldramas, berichten Andreas Schulte und ich nicht nur über Gangster, Opfer und Polizisten, sondern auch über Kollegen: „Viele der Verfolger versuchen, so nahe wie möglich an die Geiselnehmer heranzukommen, die Standspur wird von Journalisten, Schaulustigen und Polizisten in Zivilfahrzeugen zur dritten Fahr- bzw. Überholspur umfunktioniert. Stoßstange an Stoßstange folgt die Karawane dem Geiselnehmerbus in Richtung Lotter Kreuz . . .“

Zwischen Bramsche und Osnabrück stoppen die Geiselgangster den Bus plötzlich auf dem linken Fahrstreifen der A 1. Sie geben acht oder neun Schüsse ab, einige Reporter sind ihnen offenbar zu nahe gekommen. Die Scheiben des Busses zerbersten, verletzt wird zum Glück niemand. „Hier ist der Teufel los“, rufen Polizisten in ihr Funkgerät, während einige unserer Kollegen versuchen, ihre Absperrungen zu durchbrechen oder zu umgehen. „Die Reporter spielen Wildwest“, sagt ein anderer Polizist und gibt unserer Seite-3-Geschichte des nächsten Tages ihren Titel.

Hohes Risiko

Kurz hinter der holländischen Grenze kommt der Bus zum Stehen, bei Oldenzaal lassen die Gangster einen Großteil ihrer Geiseln frei. Zuvor müssen wir wieder mit ansehen, wie Kollegen durch die Büsche zum Bus schleichen, um an gute Bilder zu kommen. Wenn die Gangster eines ihrer Teleobjektive mit einem Zielfernrohr der Polizei verwechseln, kann es zur Tragödie kommen.

Auch wir beteiligen uns zunächst ohne großes Nachdenken an der aberwitzigen Verbrecherjagd. Mitten in der Nacht klingeln wir einen müden Niederländer aus dem Bett, der uns den Weg durch den Oldenzaaler Wald erklärt. Vor jeder Biegung zittern wir fast – schließlich könnte dahinter der Bus mit den Gangstern stehen, die dann womöglich das Feuer eröffnen. Irgendwie fällt uns ein Stein vom Herzen, als wir von einer Polizeiabsperrung gestoppt werden. Der Weg durchs Unterholz kommt nicht infrage, da sind wir uns einig. In Oldenzaal endet also unsere zweifelhafte Verfolgungsfahrt an der Polizeisperre, im Gegensatz zu anderen ist für uns Schluss. Als der völlig übermüdete Rösner versehentlich seine Freundin anschießt, eröffnet auch die Polizei das Feuer – ohne Folgen.

Zurück nach Deutschland

Die Gangster verschwinden mit einem dicken BMW als neuem Fluchtfahrzeug – nun haben sie nur noch die 18-jährige Silke Bischoff und ihre gleichaltrige Freundin Ines Voitle als Geiseln. In der Kölner Innenstadt, vor dem Pressehaus und einem WDR-Gebäude, veranstalten sie die letzte ihrer bizarren Medienshows. Auch Frank Plasberg, damals noch Radioreporter für SWF 3, macht ein Interview mit den Geiselgangstern. Ein Fotograf bittet Degowski, Silke Bischoff noch mal die Pistole an den Kopf zu halten, damit auch er zu seinem Bild kommt. Ines Voitle kommt sich vor „wie ein Tier im Zoo“. Schließlich nehmen die Gangster Udo Röbel vom Kölner „Express“ in ihren Wagen und lassen sich von ihm den Weg aus der Stadt zeigen. Im Nachhinein sieht Röbel ein, dass auch er seiner „Sensationsgier, ja fast schon -geilheit“ erlegen ist.

Wenig später kommt es, nach 54 Stunden, zum dramatischen Ende auf der Autobahn – ein Sondereinsatzkommando der Polizei beendet das Geiseldrama. Im Kugelhagel stirbt die Geisel Silke Bischoff, laut Obduktionsbericht durch eine Kugel der Waffe von Rösner. Ines Voitle kann sich retten, die Verbrecher überleben nahezu unverletzt.

Schwarze Nacht

Wir Journalisten müssen uns in den nächsten Tagen harte kritische Fragen stellen, auch von unseren eigenen Kollegen. Am Osnabrücker Journalistenstammtisch kommt es zu einer erhitzten Diskussion, schließlich sind sich alle mehr oder weniger einig: Es war eine schwarze Nacht für die deutschen Medien, und wir haben einen kleinen Teil dazu beigetragen. Die Selbsterkenntnis kommt spät – aber sie hält sich bis heute. Und der Deutsche Presserat hat längst seinen Kodex geändert, darin heißt es nun: „Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“


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