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Thema Pflege Warum der Tatort aus Bremen „Im toten Winkel“ scheitert

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Zum drittletzten Mal ermitteln Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) in Bremen. Der Tatort „Im toten Winkel“ versucht sich heute Abend am Thema Pflege – und scheitert.

Der Tatort überbietet sich gern in spektakulären Intros. Rasend schnelle Schnitte, irre Kamerafahrten, starke Musik versprechen oft ein Spektakel, das der nachfolgende Krimi dann gelegentlich auch bieten kann. Der Bremer Tatort und sein Hausregisseur Florian Baxmeyer haben sich da besondere Verdienste erworben. Die letzten Folgen „Nachtsicht“ und „Zurück ins Licht“ waren Paradebeispiele. (So war der letzte Bremer Tatort „Zurück ins Licht“)

Diesmal sehen wir: Eine triste Wohnhausanlage, eine zugezogene Gardine, einen Rollstuhl. Medikamente, zwei Hände, einen alten Mann mit versteinerten Gesichtszügen, einen Hund. Und wir hören das Ticken einer Uhr.

Ehefrau erstickt

Im Schlafzimmer nebenan liegt eine alte Frau im Bett. Sie schläft. Schweren Schrittes geht der greise Horst Claasen (Dieter Schaad) zu ihr, atmet kurz durch – und erstickt sie mit einem Kissen. Seine Frau. Die Frau, an deren Seite er sein Leben verbrachte, die an Demenz erkrankte und deren Pflege ihn so sehr überforderte, dass er sich für den Tod entschied. (Eckhart von Hirschhausen zu Missständen in Pflege und Gesundheitswesen)

Als der Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix), der für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MKD) über die Pflegestufe der Patienten urteilt, kurz darauf bei den Claasens klingelt, öffnet der Rentner nicht. Stattdessen ruft er die Polizei an: „Meine Frau ist tot. Und ich werde jetzt auch sterben. Können Sie bitte im Laufe des Tages vorbeikommen, um uns aus der Wohnung zu holen?“

Mordverdächtiger Greis

Die Tabletten, die Horst Claasen schluckt, reichen nicht aus, um ihn vor dem Eintreffen der Rettungskräfte aus dem Leben zu befördern. Und so wird aus dem lebensmüden Greis für die Bremer Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) der Beschuldigte in einem Tötungsverfahren. Ist Horst Claasen ein Mörder, weil er das Leben nicht mehr ertrug und seiner Frau nicht mehr zumuten wollte?

Das Thema Pflege hat mit seinen Facetten Notstand und Betrug den Tatort erreicht. Und es dürfte niemanden verwundern, dass er das in Bremen macht. Denn Lürsen und Stedefreund sind wohl das Ermittlerpaar, das sich am stärksten um die viel beschworene gesellschaftliche Relevanz des Tatorts verdient gemacht hat.

Ohne Florian Baxmeyer

Hausregisseur Florian Baxmeyer ist diesmal allerdings nicht mit von der Partie. Und das war womöglich ein Fehler. Denn Drehbuchautorin Katrin Bühlig und Regisseur Philip Koch kann man eigentlich nur eines bescheinigen: Gut gemeint.

Sie wollen aufzeigen, welche menschlichen Katastrophen das Pflegesystem nach sich zieht. Und ihr extrem langsames Erzähltempo mag vielleicht der Thematik entsprechen. Doch als Zuschauer hat man auch nach einer halben Stunde noch nicht das Gefühl, einen Tatort zu sehen, sondern eher ein Dokudrama über Missstände im deutschen Gesundheitswesen.

Aus der Schockstarre

Es dauert lange, bis es ein echtes Mordopfer gibt. Bis der Film sein Thema vom Pflegenotstand auf Pflegebetrug ändert. Bis man weiß, dass man einen Tatort sieht. Bis man ahnt, dass Verzweiflung Menschen zu Mördern machen könnte. Aber auch das macht’s nicht besser. „Im toten Winkel“ ist ein Film wie aus der Schockstarre, in dem der Kommissarin keine besseren Sätze einfallen als „Mein Vater hatte auch Alzheimer“.

Vieles wirkt aufgesagt, die Nebenrollen sind alles andere als gut besetzt, Sabine Postel wirkt wie eine Betroffenheits-Beauftragte und Oliver Mommsen wie im falschen Film. Allen voran aber nervt Helen Reinders (Camilla Renschke) als Lürsens Tochter und Vorgesetzte. Diese Konstellation hat noch nie gut funktioniert, und sie tut es in diesem Film weniger denn je. Wenn es einen Grund gibt, diesen Bremer Tatort zu beenden, dann ist es Helen Reinders. (Interview mit Oliver Mommsen zum Tatort-Aus für Lürsen und Stedefreund)

Chance vertan

Mit guten Dialogen und guten Darstellern hätte es ein guter Film zu einem wichtigen Thema werden können, vor dem auch der Tatort nicht halt machen muss. Doch es wird erklärt und erklärt und erklärt. Geredet und geredet und geredet. Kamera, Schnitt und Regie – alles wirkt bemüht, aber nicht gekonnt.

„Im toten Winkel“ mag bedrücken, berührt aber nicht wirklich. Natürlich kann und muss man aus einem Stoff über Pflegenotstand und –betrug keinen Arthouse-Film machen. Aber ein bisschen mehr als schlecht gespielte Verzweiflungsausbrüche, betroffene Blicke und leidgeplagte Gesichter hätte es schon sein dürfen.

Tatort: Im toten Winkel. Das Erste, Sonntag, 11. März 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 3 von 6 Sternen


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