Studie zum Medienverhalten Medien sind für Familien kein Thema

Von Tilmann P. Gangloff

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Geredet wird mit dem Nachwuchs fast nur über die Nutzungsdauer: Das sechsjährige Mädchen Amy schaut sich einen Zeichentrickfilm im Fernseher an. Foto: dpaGeredet wird mit dem Nachwuchs fast nur über die Nutzungsdauer: Das sechsjährige Mädchen Amy schaut sich einen Zeichentrickfilm im Fernseher an. Foto: dpa

tpg Frankfurt. Eltern sprechen mit ihren Kindern kaum über Medien, so eine neue Studie. Trotzdem bescheinigen sich die Meisten große Kompetenz in der Medienerziehung.

Früher war nicht alles besser, aber vieles einfacher; zum Beispiel Medienerziehung. Wer heute im Alter des typischen ARD- und ZDF-Publikums ist, also um die sechzig, ist in einer Zeit groß geworden, als es im Grunde nur diese beiden Programme gab. Um Mitternacht war Sendeschluss, Sendungen für Kinder hießen „Kinderstunde“, und es war eine echte Herausforderung, in den Kinos einen Film zu sehen, für den man noch zu jung war; Medienerziehung war quasi ein Selbstläufer.

Das änderte sich in den Achtzigerjahren, als mit Sat.1 und RTLplus die ersten Privatprogramme auf Sendung gingen. Weil mittlerweile viele Haushalte einen Videorecorder besaßen, wurde Jugendmedienschutz ein öffentlich diskutiertes Thema. Viele der heutigen Eltern mit jungen Kindern sind also zwar mit einem größeren audiovisuellen Angebot groß geworden als die eigenen Eltern, aber ihre Medienkindheit lässt sich nicht annähernd mit den aktuellen Verhältnissen vergleichen; reine Kindersender gibt es hierzulande zum Beispiel erst seit 1995, als Super RTL gegründet wurde. Diese Eltern gehören auch noch nicht zu den „Digital Natives“, die in das Zeitalter des Internets hineingeboren worden sind. Medienerziehung stellt für sie daher eine Herausforderung dar, bei der sie nicht aus eigenen Erfahrungen schöpfen können. Wie gehen sie also damit um?

Es geht nur um die Nutzungsdauer

Die erschütternde Antwort: offenbar gar nicht. So lässt sich zumindest eine Untersuchung interpretieren, die zwar bereits 2016 durchgeführt worden, aber erst jetzt veröffentlicht worden ist. Medienthemen spielen in den Gesprächen zwischen Eltern und Kindern laut FIM-Studie (Familie, Interaktion, Medien) anscheinend kaum eine Rolle, und wenn doch, dann geht es in erster Linie um die Dauer der Mediennutzung. Herausgeber des Berichts ist der 1998 gegründete Medienpädagogische Forschungsverband Südwest (MPFS). FIM gibt es nach 2011 erst zum zweiten Mal; bekannter sind daher KIM (Kinder, Internet, Medien) und JIM (Jugend, Information, Multimedia). Da sich die verschiedenen Untersuchungen ergänzen, konnten die Forscher leicht überprüfen, ob die Antworten der für FIM befragten Eltern ins allgemeine Bild passen.

Vertrauen auf Selbstkontrolle

Auf die Frage, wer für den Schutz der Kinder vor negativen Medieneinflüssen verantwortlich sei, geben 78 Prozent der Eltern an, diese Verantwortung liege bei ihnen. 13 Prozent nennen die Medienunternehmen, 8 Prozent erwarten, dass Staat und Behörden Schutz bieten. Bei der praktischen Umsetzung des Jugendmedienschutz es zeigten sich dann allerdings „gewisse Lücken“, wie die FIM-Autoren feststellen. Sie beziehen sich mit dieser Aussage auf die jüngste KIM-Studie, die besagt: Auf 73 Prozent der von den Kindern genutzten Geräte sind keinerlei Jugendschutzprogramme installiert. Offenbar verlassen sich die Eltern darauf, dass die Einrichtungen der Selbstkontrolle ihre Arbeit ordentlich machen. Über die Hälfte der Eltern ist der Ansicht, die aktuelle Form der Alterskennzeichnung von Medieninhalten sei ausreichend; nur 7 Prozent geben an, die Altersangaben nicht zu beachten. Fast ein Drittel wünscht sich allerdings eine inhaltliche Begründung der Altersklassifikation.

Medien kaum Gesprächsthema

Wie gering die Rolle der Medien als familiäres Gesprächsthema ist, zeigen weitere Zahlen. Dass sich Eltern mit ihren Kindern in erster Linie über Schule oder Kindergarten unterhalten, ist nicht weiter überraschend (60 Prozent); es folgen der Freundeskreis der Kinder (41 Prozent) sowie Alltagserlebnisse und Freizeitplanung (jeweils und 20 Prozent). Medienthemen (5 Prozent) liegen abgeschlagen auf dem letzten Platz und beschränken sich in erster Linie aufs Fernsehen, gefolgt von Tageszeitungsinhalten sowie dem Internet. Wichtigster Gesprächspartner für Medienthemen ist nach Angaben der Eltern ohnehin der Partner.

Einen potenziellen Konfliktstoff stellen Medien nur bei einem Fünftel der Familien dar. Meist geht es dabei um die Nutzungsdauer; das werden die meisten Eltern noch gut aus der eigenen Kindheit kennen. Weitere Streitthemen sind die Inhalte und insbesondere die Altersbeschränkung von Medien; auch das haben die meisten Menschen unter sechzig schon mal erlebt, weil sie einst pünktlich zum „Tatort“ das Wohnzimmer verlassen mussten. Heute geht es vermutlich eher um die Gewalthaltigkeit bestimmter Video- und Computerspiele; für pazifistische Eltern ist es nicht leicht zu akzeptieren, wenn sich der Nachwuchs die Zeit mit „Killerspielen“ vertreibt. In rund der Hälfte der Familien gibt es immerhin Vereinbarungen mit den Kindern hinsichtlich der Mediennutzung, und offenbar werden diese Absprachen meistens auch eingehalten. Natürlich ist auch das Teil der Medienerziehung, aber der Weg zur Medienmündigkeit darf nicht allein eine Frage der Quantität sein.


Der 1998 gegründete Medienpädagogische Forschungsverband Südwest (MPFS) wird gemeinsam von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) getragen; die Studien zum Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen werden gemeinsam mit dem SWR durchgeführt. Die knapp 90 Seiten lange FIM-Studie steht im Internet (www.mpfs.de/studien/fim-studie/2016/), kann aber auch als Broschüre kostenlos auf der Website (mpfs.de) bestellt werden. tpg

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