Unterwegs mit einem Locationscout Die Suche nach dem perfekten Drehort

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Hamburg. Eine schicke Villa, das moderne Luxus-Haus oder eine kleine Studentenbude - In Filmen und Serien sind die unterschiedlichsten Wohnungen zu sehen. Wie werden sie gefunden und warum stellen Privatpersonen ihr persönliches Reich dafür zur Verfügung?

„Wenn Blut verschmiert wird, wird die Wohnung selbstverständlich gründlich gereinigt“, sagt Patrick Söhle beiläufig, als er mit einer kleinen schwarzen Digitalkamera durch eine ihm völlig fremde Wohnung läuft und jeden Winkel fotografiert. Das altmodische, rotbraune Ledersofa, die dunkelbraunen Massivholzschränke in denen sich Bücher stapeln, die schmale Küche, in der es nach Apfelkuchen duftet. Die Mieterin, eine ältere Dame im gelben Pullover, rückt sich die Brille zurecht. Sie schaut den jungen Mann, den sie vor fünf Minuten noch gar nicht kannte, etwas entsetzt an, verfolgt aber auch interessiert sein Treiben.

Fast jede Wohnung kommt in Frage

Söhle ist Locationscout. Er ist auf der Suche nach passenden Drehorten für „Morden im Norden“ und das „Großstadtrevier“. Der 30-Jährige zieht von Tür zu Tür um sich eine Kartei mit möglichst vielen verschiedenen Wohnungen aufzubauen, die er später dem Regisseur vorschlagen kann. Die Herausforderung: Fremde Menschen davon überzeugen, ihre heiligen vier Wände für das Fernsehen zur Verfügung zu stellen. „Ich dringe in ihr persönlichstes Reich ein, das muss man wollen“, sagt der studierte Sportwissenschaftler.

Fast jede Wohnung kommt dafür in Frage. Sie darf nur nicht zu eng sein. Schließlich ist am Drehtag eine Filmcrew von zehn bis 15 Personen vor Ort. „Die Leute müssen wissen, worauf sie sich einlassen“, sagt der Locationscout, während er das feinsäuberlich gemachte Bett der älteren Dame ablichtet.

Kaum jemand macht die Tür auf

Zwei Stunden zuvor: Söhle steht leicht gebückt an der Haustür eines Plattenbaus in Stellingen. Er klingelt. Nichts passiert. Bei den nächsten drei Namen drückt er länger, ohne Erfolg. Dann ertönt endlich ein dumpfes „Ja?“ aus der Gegensprechanlage. „Hallo, ich bin Locationscout und auf der Suche nach Wohnungen für Fernsehserien“, erklärt Söhle mit ruhiger Stimme. Die Antwort kommt prompt: „Kein Interesse“. „Manchmal ist es super frustrierend“, sagt der 30-Jährige, der seit drei Jahren als Locationscout unterwegs ist. Nur rund 25 Prozent würden überhaupt aufmachen, wovon wiederum die Hälfte die Tür sofort wieder zuknallt. Fotos könne er nur bei etwa fünf Prozent machen. Trotzdem macht ihm die Arbeit Spaß. „Ich weiß nie, was mich hinter der Tür erwartet.“ Er tauche in fremde Welten ein. „Luxus-Villen sind schon beeindruckend.“ Auch, Restaurants, Wälder oder sogar Höhlen scoutet Söhle.

Jetzt steht der 30-Jährige vor einem Hochhaus. Das Spiel beginnt von vorne. Irgendwann summt plötzlich der Türöffner. Schnell schlüpft der 30-Jährige hinein. Wer ihm geöffnet hat, weiß er nicht. „Das ist egal, Hauptsache drin.“ Er steigt in den Fahrstuhl. Unterwegs wirft er einen Blick in den Spiegel, zieht die dunkelblaue Jacke zurecht, streicht sich durch die blonden Haare und räuspert sich. Der erste Eindruck ist entscheidend. Im 13. Stock angekommen, marschiert er schnurstracks zur ersten Wohnung und klingelt. Das Läuten verstummt. Das Klicken des Schlosses ist zu hören. Ein Mann öffnet, hört gespannt zu, schließt dann aber doch wieder die Tür.

„Manche haben einfach ein anderes Schamgefühl“

Bei der nächsten Wohnung öffnet eine Frau in Jeans, gestreiftem Pullover und braunen Hausschuhen. Der 30-Jährige beginnt seine Erklärung, stoppt aber gleich wieder. „Hier war ich doch schon mal“, erinnert er sich. Auch die freundlich lächelnde Frau erkennt ihn wieder. „Kommen Sie rein“, sagt Senem Sözen. Beim letzten Mal war sie so begeistert, dass sie ihre vier Wände erneut für Filmaufnahmen zur Verfügung stellen würde. Also zückt Söhle seine Kamera und knipst drauf los.

Zwei Türen sind geschlossen. „Mein Sohn schläft noch“, erklärt die Mieterin, geht aber in das Zimmer und winkt den Locationscout hinein. Er bleibt etwas verlegen im Flur stehen. Die Mutter drängt weiter, also folgt Söhle ihr. Im Bett ist eine Person zu erahnen, nur die nackten Füße lugen unter der dicken weißen Decke hervor. Söhle schießt ein paar Fotos und tritt schnell zurück in den Flur. Sözen öffnet die Tür zum Schlafzimmer. Auf dem Bett sitzt ein Mann Mitte 50 in Unterhose und blickt Söhle direkt in die Augen, bevor die Tür zufällt. Solche Situationen erlebt der Locationscout immer wieder. „Manche haben einfach ein anderes Schamgefühl.“

Entschädigung bis zu 1000 Euro

Söhle macht sich wieder auf die Suche. Einen Stock tiefer öffnet ihm ein junger Mann und hört seinen Ausführungen begeistert zu. „Warten Sie, die Chefin ist auch zu Hause“, sagt er und ruft in die Wohnung: „Schaaaaatz?! Komm mal!“ Eine Frau Mitte 30 erscheint neben ihm. Sie ist skeptisch. „Mir ist das zu viel Aufregung. Ich fühle mich gerade etwas überrannt.“ Dafür hat Söhle Verständnis. „Ich will Sie zu nichts überreden, besprechen Sie das und melden sich dann“, erzählt Söhle entspannt. Seine Erfahrung sagt ihm, dass die Begeisterung des Mannes die Frau anstecken wird.

Der Reiz des Fernsehens ist groß. Auch mit der Entlohnung lassen sich viele locken. Das Spektrum reicht von 50 Euro pro Stunde bis zu mehr als 1000 Euro pro Tag. Bei aufwendigeren Projekten werden die Mieter auch mal ins Hotel einquartiert. Interessierte können auch selbst ihre Wohnungen bei Produktionsfirmen vorschlagen.

Regisseur entscheidet

In dem Backsteinhaus ein paar Straßen weiter sitzen Söhle und die ältere Dame mittlerweile an dem runden Esstisch der 69-Jährigen um die Formalitäten zu klären. Wie groß ist die Wohnung? Wie viele Zimmer gibt es? „Sie stellen meine Wohnung aber nicht komplett auf den Kopf?“, will die Rentnerin wissen. Söhle beruhigt sie. Die Firma will „fertige“ Wohnungen um möglichst wenig Aufwand zu haben. „Alles bleibt, wie es ist.“

Ob Bockwoldts Wohnung bald im Fernsehen zu sehen ist, hängt davon ab, ob sie dem Regisseur gefällt. „Ich bin sehr gespannt, das ist etwas komplett ungewöhnliches“, ist die 69-Jährige begeistert.


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