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Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Waldlust“ aus Ludwigshafen: Stirbt heute Lena Odenthal?

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Osnabrück. Vorurteile wegstecken! Nach dem Quotendesaster des Impro-Tatorts „Babbeldasch“ kommt nun mit „Waldlust“ ein weiter Ludwigshafen-Tatort von Regisseur Axel Ranisch. Die Musik ist der Star. Und der Film mindestens sehenswert. Bleibt die Frage: Stirbt Lena Odenthal?

Die „Babbeldasch“ ist eine Hypothek. Als vor einem Jahr eine Ludwigshafener Mundarttheatertruppe zusammen mit dem Ermittlerteam um Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) Axel Ranischs Improvisations-Tatort aufführte, griff ein Großteil der vor dem Fernseher versammelten Fans reflexartig zur Fernbedienung und schaltete um oder ab. Laiendarsteller, Dialekt, Improvisation – das war vielen zu viel.

Am Ende verzeichnete das Erste gerade mal 6,35 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 17,6 Prozent – so schlecht war’s nur ganz selten in diesem Jahrtausend. Und im Oktober beschlossen die ARD-Gremien, künftig nur noch zwei „experimentelle“ Krimis am Sonntagabend auszustrahlen.

Einschalten lohnt sich

Dieses Maß ist nach dem Berliner Film-im-Film-im-Film-Tatort „Meta“ für 2018 schon erfüllt, wenn nun der erste Tatort im März über den Bildschirm flimmert. „Waldlust“ ist nach „Babbeldasch“ Axel Ranischs zweite Arbeit für den federführenden SWR. Erneut improvisiert, weil ohne Dialoge im Drehbuch. Und wieder wussten die Schauspieler während der Dreharbeiten nicht, wer der Täter ist. Aber immerhin gibt‘s weder Mundart noch Laiendarsteller. Und, liebe Ab- und Umschalter, ein Krimi, der das Einschalten lohnt.

„Sie haben meine Kollegin niedergeschossen.“ Mit diesen Worten eröffnet die Ludwigshafener Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) in der ersten Szene das Verhör von Bert „Humpe“ Lorenz (Heiko Pinkowski). Das tue ihm leid, sagt der bullige Häftling. „Hat sie überlebt?“, fragt er – und bekommt keine Antwort. Immer wieder springt der Film in dieses Verhör - und bis ganz zum Schluss stellt sich dem Publikum die bange Frage: Stirbt heute Abend Lena Odenthal?

Blutiges Wochenende

Kopper ist raus. Und während sich Lena Odenthals langjähriger Wegbegleiter an Siziliens Sonne wärmt, zieht es das verbliebene Team zum Coaching-Wochenende mit Trainer Simon Fröhlich (Peter Trabner) in ein abgelegenes und heruntergekommenes Hotel im tiefverschneiten Schwarzwald, das Frau Keller (Annalena Schmidt) zum Schnäppchenpreis gebucht hat. Mangels Internetverbindung muss ein einheimisches Polizistenpaar die Kollegen aus Ludwigshafen zu ihrer Herberge lotsen – hinein in ein blutiges Wochenende.

Der einst mondäne Kasten hat seine besten Tage weit hinter sich. Und das Betreiberpaar ist höchst sonderbar: Bert „Humpe“ Lorenz ist eher ein cholerischer Poltergeist als ein zuvorkommender Gastgeber. Er hat 15 Jahre wegen des Mordes an seiner Schwägerin gesessen – nun lebt er in dem Hotel zusammen mit der Tochter des Mordopfers, seiner psychisch schwer angeschlagenen Nichte Doro (Eva Bay) und dem hochbetagten ehemaligen Filmstar Lilo Viardot.

Mit 89 zum Film

Diese Rolle hat Ranisch mit seiner 96-jährigen Großmutter Ruth Bickelhaupt besetzt, die er im zarten Alter von 89 Jahren zum ersten Mal in einem Film unterbrachte. „Ich kannte immer schon diese unglaublich schönen Ballettfotos aus ihrer Jugend in den 20er- und 30er-Jahren,“ berichtete Ranisch vor Jahresfrist im Gespräch mit unserer Redaktion. „Sie wollte professionelle Balletttänzerin werden, doch dann kam der Krieg dazwischen. Ich hatte aber eigentlich immer schon das Gefühl: Diese Frau muss auf die Bühne oder vor die Kamera.“

Mit dem Coaching hat es sich bald erledigt. Zwar hat der Trainer die Handys der Ludwigshafener Polizisten eingesammelt, ein Alkoholverbot und noch ein paar Regeln ausgesprochen. Doch dann findet ausgerechnet er in seinem vegetarischen Abendessen einen menschlichen Fingerknochen. Und der weist zu den grausamen Geschehnissen in der Vergangenheit.

Edgar Wallace lässt grüßen

„Waldlust“ ist mal gruselig, überwiegend schräg, gelegentlich auch lustig. Ältere Zuschauer dürfen sich an Edgar-Wallace-Filme erinnert fühlen, was Axel Ranisch gern bestätigt: „Ich liebe die analogen Klassiker, in denen ein Blick mehr verrät als ein DNA-Test.“

Heimlicher Star seines Films aber ist die Musik. Regisseur Ranisch gab der Komponistin Martina Eisenreich das Drehbuch, bevor die erste Szene im Kasten war. Und war begeistert von dem Ergebnis: „Was in den folgenden Monaten aus diesen knappen Skizzen entstand, war eine gigantische, verwunschen-melancholische Tondichtung für Sinfonieorchester, singende Säge und Cembalo in vier Sätzen, mit einer Gesamtlänge von über 50 Minuten.“

„Was für ein Luxus“

Das Werk wurde von der der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt und quasi zum Leitfaden des Films. Ranisch: „Wir hörten die Musik zum Schreiben, wir hörten sie während der Vorproduktion, während der Proben und Dreharbeiten und schließlich schnitten wir den Film der Musik auf den Leib. Auf diese Weise gehen Musik und Handlung eine derart innige Verbindung miteinander ein wie in keinem meiner Filme jemals zuvor. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass Martinas Sinfonie unser heimliches Drehbuch war. Was für ein Luxus. Was für ein unbeschreibliches Glück.“

Tatort: Waldlust. Das Erste, Sonntag, 4. März 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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