Lohnende Lektüre Wie die Digitalisierung die mediale Öffentlichkeit verändert

Von Tilmann P. Gangloff

Kollektive Erregung: Die Nachricht einer vermeintlichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa aus Berlin-Marzahn über soziale Netzwerke löste eine Demonstration vor dem Kanzleramt aus. Foto: dpaKollektive Erregung: Die Nachricht einer vermeintlichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa aus Berlin-Marzahn über soziale Netzwerke löste eine Demonstration vor dem Kanzleramt aus. Foto: dpa

Osnabrück. Wie soziale Netzwerke und Digitalisierung die mediale Öffentlichkeit verändern, haben zwei Wissenschaftler analysiert und in einem Buch veröffentlicht.

Männer wie Stephan Russ-Mohl und Bernhard Pörksen sind bislang nicht als Alarmisten aufgefallen, aber sie warnen eindringlich vor der aktuellen Entwicklung: Die Medienwissenschaftler analysieren in ihren neuen Büchern den Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit. Die jeweiligen Titel sprechen Bände: „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ (Russ-Mohl) und „Die große Gereiztheit“ (Pörksen).

Russ-Mohl, Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Universität Lugano, will die Erkenntnisse aus Medienforschung und Medienpraxis zusammenführen und eine Brücke über die Grenzen der Disziplinen schlagen; er gibt einen vorzüglichen Überblick über den Stand der kommunikationswissenschaftlichen Forschung. Pörksen hat sein Werk dagegen einen Essay genannt. Die scheinbar bescheidene Bezeichnung ist insofern angebracht, als der Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen ein ausgesprochen meinungsfreudiges Buch geschrieben hat. Zwar ist Russ-Mohls Arbeit weit mehr als nur eine Bestandsaufnahme, zumal auch er vor Kapitelüberschriften wie „Die Pest der Desinformation“ oder Formulierungen wie „Triumph der (…) Schwarmdummheit“ nicht zurückschreckt, aber Pörksen formuliert nicht nur bei Fragestellungen wie „Droht der permanente Skandal?“ oder „Versinkt die Welt im Dauerspektakel?“ deutlich plakativer. In ihrer Diagnose allerdings sind sich beide einig, und die muss jeden Leser erschrecken, der die Medien bislang als inoffizielle vierte Gewalt im Staat und als unabhängige Kontrollinstanz der Mächtigen betrachtete. Das gilt theoretisch zwar immer noch, aber die sozialen Netzwerke haben sich längst zu einer fünften Gewalt entwickelt, mit deren Hilfe Populisten und Propagandisten Verwirrung stiften. Die Gesellschaft, schreibt Russ-Mohl, sei im Begriff, die Glaubwürdigkeit der Medien „und damit die Essenz unserer Demokratie zu verspielen“.

Am spannendsten sind die Bücher immer dann, wenn die Autoren ihren Erkenntnisgewinn aus konkreten Anlässen ziehen. Bei den Beispielen für harmlose Ereignisse oder unbefangene Facebook-Meldungen, die durch ihre Verbreitung in den sozialen Netzwerken eine rasante Eigendynamik angenommen haben, gibt es zwangsläufig viele Überschneidungen. Während Russ-Mohl eher die Phänomene als solche analysiert, geht Pörksen einen Schritt weiter: Man könne die Wirkungen einer Medienmacht nicht erkennen, „wenn man einfach nur die Ereignisgeschichte referiert“. Deshalb befasst er sich mit den Kräften, die im Hintergrund wirken, denn sie veränderten „den Charakter dessen, was wir Öffentlichkeit nennen“. Die besagten Beispiele reichen von der vermeintlichen Vergewaltigung der 13-jährigen russischstämmigen Lisa aus Berlin-Marzahn durch Migranten. „Fake News“, die schließlich sogar den russischen Außenminister zu einer Reaktion veranlassten, bis hin zu dem absurden Gerücht, Hillary Clinton sei Teil eines Pädophilen-Rings, dessen Zentrale eine Pizzeria in Washington sei. Pörksen erwähnt noch viele weitere und zum Teil weitaus unappetitlichere Belege für dieses „Bullshit-Bingo“. Er bezeichnet diese Verschmelzungen von Information und Emotion, von Original und Fälschung als „Kollaps der Kontexte“ und interpretiert sie als Anzeichen für eine mediengeschichtliche Zäsur: weil es keine „Rückzugsräume der Unbefangenheit“ mehr gebe.

Während Russ-Mohl die Ursachen für die mit dieser Entwicklung untrennbar verbundene Krise der etablierten Medien nicht zuletzt bei den Journalisten sucht, die ihren Glaubwürdigkeitsverlust viel zu lange ignoriert hätten und zudem Teil elitärer Netzwerke seien, ist der Journalismus (allen voran die Boulevardpresse) bei Pörksen nur einer von gleich fünf Krisenherden. Beide plädieren dringend für die schon lange überfällige Einführung eines Schulfachs Medienerziehung und hoffen auf Bündnisse. Russ-Mohl sieht eine Lösung unter anderem in einer engeren Kooperation von Journalismus und Wissenschaft, Pörksen hofft dagegen darauf, dass sich die vierte und fünfte Gewalt im Rahmen eines dialogischen Journalismus‘ wechselseitig inspirieren. Er nennt dies die „konkrete Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ und spricht daher auch nicht von Medienerziehung, sondern von Erziehung zur Medienmündigkeit; hier könnten „die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung“ werden. Auf diese Weise sollen die Kollateralschäden, die durch die ungeprüfte Weitergabe von Falschmeldungen oder durch „kommentierenden Sofortismus“ entstehen, ebenso vermieden werden wie „digitale Schmetterlingseffekte“, bei denen ein unbedachter Tweet dank der „Kybernetik der Erregung“ einen globalen Shitstorm verursachen kann.