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Heute Abend im ZDF-Programm Starker Film: „Südstadt“ mit Anke Engelke und Andrea Sawatzki

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Drei Paare unter einem Dach – Kumpeleien, Konflikte, Krisen. Mit „Südstadt“ bringt das ZDF am Montagabend einen höchst sehenswerten „Fernsehfilm der Woche“ ins Programm.

Es beginnt wie ein Scheidungsdrama. Anna Lehmann (Anke Engelke) lässt sich von einer Anwältin beraten, wie sie am besten die Trennung von ihrem Ehemann Martin (Matthias Matschke) über die Bühne kriegt. Als sie gefragt wird, wie ernst ihr die Scheidungsabsichten sind – Schnitt.

In der nächsten Szene rettet Notärztin Eva Simon (Andrea Sawatzki) einem in die Klinik eingelieferten Unfallopfer das Leben. Wenig später klingelt ihr Telefon: Thomas (Dominic Raacke), der neue Lover. Eva wechselt vom funktionalen in den sanften Tonfall.

Unterhaltsam und realistisch

Dritte Szene: Die junge Mutter Saskia Fröhlich (Bettina Lamprecht) räumt auf, während ihre kleine Tochter Wirtschaftsnachrichten guckt und plötzlich ruft: „Da ist Papa.“ Stimmt, Kai Fröhlich (Alexander Hörbe) arbeitet beim Fernsehen, während Mama sich um Heim und Herd kümmert.

Was diese Szenen miteinander zu tun haben? Alle drei Paare wohnen unter einem Dach in einem Mehrfamilienhaus der Kölner Südstadt. Und so wie das gutbürgerliche Viertel heißt auch der Film, den Matti Geschonneck auf Grundlage des hervorragenden Drehbuchs von Magnus Vattrodt gedreht hat. Was sich auf den ersten Blick vielleicht nach etwas abgestandener Fernsehunterhaltung anhört, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als unterhaltsam, realistisch und stellenweise geistreich.

Negative Aufladung

Am Abend sind die drei Paare bei Eva zum Essen verabredet. Die Ärztin will den anderen ihren neuen Freund vorstellen, der bei ihr einziehen will und damit „Der Neue“ im Haus ist. Doch es ist nicht der nette Abend, der irgendwann kippt, sondern von Anfang an voll daneben. Die negative Aufladung ist mit Händen greifbar. Nicht nur innerhalb des Hauses, sondern auch innerhalb der Beziehungen prallen ziemlich konträre Lebensentwürfe aufeinander.

Wenn man mit dem Fremdschämen fertig ist, kann man sich als Zuschauer wunderbar in diese fein geschriebene und inszenierte Geschichte hineinziehen lassen. „Ich habe schnell gemerkt, dass da jemand ganz genau und kein bisschen hysterisch hinschaut und zuhört. Magnus schreibt tolle, realistische und wahrhaftige Dialoge. Er interessiert sich für den Einzelnen und die kleine Geschichte in der großen,“ schwärmt Anke Engelke im Gespräch mit unserer Redaktion von Drehbuchautor Vattrodt. (Hier gibt‘s das komplette Interview mit Anke Engelke)

Ein Gegenwartsfilm

Und findet auch für den Regisseur nur lobende Worte: „Es geht im Film nicht um Effekte, sondern um das Hier und Jetzt. Matti Geschonneck mit seiner DDR-Vergangenheit hat mir einen ganz tollen Begriff dafür mitgegeben, er sagte: Das ist ein Gegenwartsfilm. So nannte man das in der DDR, im Gegensatz zu den historischen Filmen.“

Der Alltag in der Südstadt ist wahrlich kein Ponyhof. Martin ist seit Monaten heimlich arbeitslos und vertreibt sich die Zeit gern mit dem Betrachten von Pornos. Saskia hat die Nase voll vom Hausfrauendasein und sich gegen den Willen ihres Mannes für einen Job beworben. Eva rettet als Ärztin Leben, hat aber etliche gescheiterte Beziehungen und ähnlich viele Therapien hinter sich.

„Drenk noch eine met“

Es knirscht und knarzt in diesem Haus, doch der Film ist nicht seine eigene Eskalation verliebt, sondern weckt ein gewisses Verständnis für jeden Einzelnen in seiner Situation. Das Ensemble ist hervorragend, Drehbuch und Dialoge haben nichts Überzogenes oder gar Künstliches, sondern spiegeln das wahre Leben.

Und die kölsche Note ist unterschwellig präsent, ohne aufdringlich zu werden. Vor allem, als Martins Vater Eberhard, von Manfred Zapatka zur Sympathiefigur des Films gemacht, plötzlich verstirbt und bei der Beerdigung ein Chor wunderbar gefühlvoll den vielleicht größten Hit der Bläck Fööss anstimmt: „Drenk noch eine met.“

Fortsetzung erwünscht

Anke Engelke wünscht sich eine Fortsetzung von „Südstadt“, um die sechs Protagonisten weiter zu beobachten und zu wissen, wie es weitergeht: „Sie gefallen mir alle, weil sie echt und gar nicht perfekt sind, sondern fehlbare Menschen.“ Dem kann man zustimmen.

Südstadt. ZDF, Montag, 26. Februar 2018, 20.15 Uhr.