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Heute Abend im ARD-Programm Tatort heute: Wer ist die Frau, mit der Borowski im Bett landet?

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist Vergangenheit - zum ersten Mal seit sieben Jahren ermittelt der Kieler Tatort-Kommissar Klaus Borowski heute Abend ohne weibliche Verstärkung. An starken Frauen mangelt es in „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ allerdings nicht.

Die Nordsee ist rau, unwirtlich und einsam, als die Frau in ihrem Neopren-Anzug aus den Fluten steigt und barfuß über das Kopfsteinpflaster einer Dorfstraße ihrem Zuhause entgegenstrebt. „Hey, bin wieder da,“ ruft die frühmorgendliche Schwimmerin ins Haus. Doch ihr Oliver oder „Liebling“, wie sie ihn nennt, antwortet nicht. Er liegt tot in der Badewanne. (So war der letzte Tatort mit Sibel Kekilli.)

Famke Oejen heißt die Frau, sie lebt auf der fiktiven Nordseeinsel Suunhold. Wer diesen Namen googelt, bekommt nur den „Unhold“ angeboten, doch bei Theodor Storm und auch im Verlauf des Films wird man auf die Rungholt-Saga stoßen. Darin geht es die Insel Rungholt, die der Sage nach 1362 von einer Sturmflut verschluckt wurde, nachdem sich die Bewohner versündigt hatten. Noch heute, so heißt es, höre man im Meer die Glocken läuten.

Schroffe femme fatale im Tatort heute

Dargestellt wird Famke Oejen von der faszinierenden Christiane Paul. Früh Model, dann Ärztin, schließlich Schauspielerin, seit 2016 Trägerin des „International Emmy Award“, dem Oscar der Fernsehschaffenden. Von der Dorfbevölkerung ausgegrenzt, umgibt Famke Oejen eine geheimnisvoll-attraktive Aura, der auch der Kommissar wenig Widerstand entgegenzusetzen hat. Diese schroffe femme fatale fasziniert Borowski, der nicht nur ihre Täterschaft schnell ausschließt, sondern sie in einer Extremsituation sogar in seinem Hotelbett übernachten lässt. (Christiane Paul gewinnt den Emmy.)

Christiane Paul macht aus dieser Figur den Leuchtturm dieses Tatorts. Lebensfroh und melancholisch zugleich gibt sie die Famke Oejen. Verführerisch und befremdlich, offenherzig und undurchschaubar, sensibel – und gefährlich? NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve sagt, Christiane Paul habe „ihre sirenenhafte Borderline-Heldin mit einer verletzlichen Stärke ausgestattet“.

Korruptionsskandal

Borowski hätte lieber die Flensburger Kollegen ermitteln lassen, doch sein Chef Schladitz (Thomas Kügel) meint, dass er reif für die Insel ist. Schließlich hatte Oliver Teuber, so der vollständige Name des Toten, eine Kieler Vergangenheit: Als Chef des Bauamts war er in einen Korruptionsskandal verstrickt, hatte aus dem Rotlichtmilieu Bestechungsgelder in sechsstelliger Höhe kassiert, bevor er mit dem Geld spurlos verschwand und seine Familie zurückließ.

Auf Suunhold traf er Famke Oejen – der Beginn einer Amour fou, einer Liebe ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Tatsächlich interessierte sich Famke Oejen nicht dafür, woher er kam und was er gemacht hatte – wohl aber einige andere Inselbewohner. Und auch einige Gestalten aus dem Rotlichtmilieu tauchen auf der Insel auf.

Arroganz des Großstädters

Zwar reist Borowski alleine an, doch auf Unterstützung muss er nicht verzichten – auch wenn ihm die Inselpolizei eher suspekt erscheint. Doch vor allem die junge Polizistin Maren Schütz (Anna Schimrigk) lässt sich von der Arroganz des Großstädters nicht erschüttern. Als der Kieler Kommissar sie fragt, ob sie „hier die Reiseleitung“ sei, verliert sie nicht einen Hauch ihrer unbedarft-freundlichen Hilfsbereitschaft. In solchen Szenen zeigt sich die Liebe von Regisseur Sven Bohse („Ku’damm 56“, „Ostfriesenkiller“) zum Detail und seinen Nebendarstellern.

In der Dorfkneipe hingegen regiert das Klischee vieler Fernsehkrimis: In einem muffigen Raum nippt der angereiste Kommissar allein sein Bier, während die Einheimischen sich an kargen Tischen anschweigen oder über schalem Bier die Köpfe zusammenstecken – bis ein Auftritt Leben in die triste 50er-Jahre-Kulisse bringt: Famke Oejen betritt die Spelunke und beschuldigt die Dörfler, einer von ihnen habe ihren Liebsten ermordet. Der Bäcker, bei dem sie arbeitet, steht offenbar ganz oben auf ihrer Liste der Verdächtigen.

„Riders on the Storm“

„Borowski und das Land zwischen den Meeren“ sei auch ein Imagefilm für Schleswig-Holstein geworden, räumt Regisseur Bohse beim Kino-Preview in Kiel ein. Zusammen mit Peter Bender und Ben Braeunlich hat er auch das Drehbuch für diesen überwiegend leise und ruhig erzählten Krimi geschrieben, in dem die Landschaft eine tragende Rolle übernimmt.

Gedreht wurde im letzten Frühjahr auf Amrum, Fehmarn, Pellworm und in Husum – schon deshalb versprüht der Film nicht Sommerfrische, sondern eher die raue Schönheit des Nordens. Und wenn’s mal stürmt, ertönt „Riders on the Storm“. Einen Tatort mit Doors-Untermalung hat’s auch schon lange nicht mehr gegeben.

Die Spannung ist eher subtil als prickelnd, aber alles an diesem Film ist stimmig. Die Darsteller sind hervorragend, die Bilder ausdrucksstark und die Musik nimmt sich immer dann zurück, wenn sie beginnt zu übertreiben. Nur das Finale wirkt dann doch ins Mystische überzeichnet, wird den einen oder anderen Zuschauer etwas ratlos zurücklassen. Alles gut - Ende auch?

Die Neue

Für den Kommissar jedenfalls war’s das schon wieder mit den Solo-Ermittlungen. Bei den Dreharbeiten zur nächsten Folge „Borowski und das Haus der Geister“ stand Axel Milberg zusammen mit Sibel Kekillis Nachfolgerin Almila Bagriacik vor der Kamera. (Das ist die Neue an Borowskis Seite.)

Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren. Das Erste, Sonntag, 25. Februar 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen