Küche und Kommerz Vor 65 Jahren wurde die erste deutsche Kochshow ausgestrahlt

Von Cornelia Wystrichowski

Vom arbeitslosen Schauspieler zum bekannten Fernsehkoch: Clemens Wilmenrod garnierte seine Gerichte mit unterhaltsamen Geschichten. Foto: NDRVom arbeitslosen Schauspieler zum bekannten Fernsehkoch: Clemens Wilmenrod garnierte seine Gerichte mit unterhaltsamen Geschichten. Foto: NDR

Berlin. Am 20. Februar vor 65 Jahren präsentierte Clemens Wilmenrod die erste Kochshow im deutschen Fernsehen und wurde damit zum Ahnherrn von Fernsehköchen wie Tim Mälzer oder Johann Lafer.

Tim Mälzer, Johann Lafer, Vincent Klink, Cornelia Poletto oder Frank Rosin: Im deutschen Fernsehen brutzeln prominente Köche rund um die Uhr – und das seit 65 Jahren: Am 20. Februar 1953, nur zwei Monate nach dem Start eines regelmäßigen Fernsehprogramms, flimmerte die erste deutsche Kochshow über den Bildschirm – die fünfzehnminütige Sendung „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“, in der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod (1906-1967) simple Rezepte wie Toast Hawaii oder Rumtopf präsentierte.

Freitagabends begrüßte Wilmenrod in den 50er und 60er Jahren seine Zuschauer mit blumigen Floskeln wie „Ihr lieben, goldigen Menschen“ oder „Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus“. Er stammte aus dem Westerwald, hieß eigentlich Carl Clemens Hahn und war gelernter Schauspieler. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Engagement dastand, machte er dem damaligen Hamburger Sender NWDR seine Idee einer Kochshow schmackhaft. Wilmenrod eignete sich flugs die Grundlagen des Kochens an und eroberte die Herzen der weiblichen Zuschauer im Sturm. Sein Erfolgsrezept: Der Mann mit dem filouhaften Charme garnierte seine Gerichte mit hochtrabenden Namen und herrlichen Münchhausiaden, die das wachsende Bedürfnis jener Zeit nach Exotik bedienten. Ein schlichtes Hackfleischgericht nannte er etwa „Arabisches Reiterfleisch“ und behauptete, er habe es im Libanon im Schatten eines Beduinenzelts kennengelernt. Dass seine Ehefrau Erika ihm Papptafeln hochhalten musste, damit der Kultkoch das Salzen oder das Umrühren nicht vergaß, störte keinen.

Weil ihm seine Kritiker Schleichwerbung, Dilettantismus und Rezepteklau vorwarfen, flog Wilmenrods Sendung 1964 aus dem Programm, drei Jahre später nahm er sich das Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Monopolstellung als Fernsehkoch schon verloren. So stand ab 1958 im DDR-Fernsehen Kurt Drummer in „Der Fernsehkoch empfiehlt“ am Herd, und in den 70er Jahren kochte Max Inzinger in der ZDF-Sendung „Drehscheibe“. Sein Satz „Ich habe da schon mal was vorbereitet“ ist bis heute unvergessen.

In den 90er Jahren begann dann der Boom der bis heute populären Kochshows, bei denen die Unterhaltung und nicht mehr der Servicecharakter im Mittelpunkt steht. Alfred Biolek läutete 1994 mit „Alfredissimo“ die Ära der Talk-Kochshows ein, und beim „Kochduell“ auf Vox wurde die Zubereitung von Speisen 1997 zu einem Wettstreit, der mit häuslichem Kochen ungefähr so viel zu tun hat wie Wrestling mit echtem Sport: Hauptsache, die Show stimmt.

Mittlerweile ist das Programm übersättigt mit Rezeptformaten in den unterschiedlichsten Ausprägungen – ein erstaunliches Phänomen, wo doch immer weniger Menschen regelmäßig selber am Herd stehen. In „Das große Backen“ auf Sat.1 etwa geht es um die tollsten Torten, und in „Das perfekte Dinner“ (Vox) laden sich Amateure gegenseitig zum Essen ein. Im ZDF schart Johannes B. Kerner in „Kerners Köche“ Starköche um sich, und Ratgebersendungen wie „Kaffee oder Tee“ (ARD) haben durchweg ihre eigene Kochecke.

Was sich seit den Zeiten von Clemens Wilmenrod nicht geändert hat, ist die Nähe von Küche und Kommerz: In vielen Sendungen blitzt auf teuren Töpfen und anderen edlen Utensilien gut sichtbar das Logo des Herstellers, zum Product Placement in Kochshows gibt es sogar eigene Fachliteratur, und Fernsehköche wie Johann Lafer oder Alfons Schuhbeck werfen nicht nur Kochbücher, sondern auch Utensilien wie Gemüsemesser und Pfeffermühlen auf den Markt. Übrigens: Die weltweit erste Kochsendung lief lange vor Wilmenrods Reihe in den Anfangsjahren des Fernsehens, 1937 bei der britischen BBC: Ein französischer Koch zeigte in einer Viertelstunde die Zubereitung eines Omeletts als Teil eines fünfgängigen Menüs.