Interview mit dem Schauspieler Ulrich Matthes: Eltern verboten mir die Schauspielerei

Von Joachim Schmitz


Berlin. Grüner Tee ist sein Lebenselixier: Es ist gerade mal Mittag, als sich Ulrich Matthes die Tassen neun und zehn an diesem Tag einschenkt. In einem Berliner Café erzählt der begnadete Schauspieler, was er als Kulturstaatsminister in Angriff nehmen würde, warum ihn der Aufstieg der AfD so empört, wie er als Kinderstar beim Film abhob und warum sein jüngster Film „Fremder Feind“ für ihn eine ganz besondere Arbeit war.

Herr Matthes, Sie sind bekennender Fan des Dschungelcamps…

Nein. Ich habe ein einziges Mal in einem Interview launig gesagt, dass ich mir das manchmal anschaue und auch nichts dabei finde. Dem Vorurteil, dass das Dschungelcamp für gehobene Kreise, zu denen der Interviewer mich offenbar zählte, nichts sei, habe ich heftig widersprochen.

Warum?

Gut gemachte Unterhaltung, und dazu zähle ich das Dschungelcamp, ist auch für jemanden, der sich zwischendurch mit Kleist und Shakespeare beschäftigt, absolut von Reiz. Deshalb gucke ich es manchmal, wobei die letzte Staffel für mich von wahnsinniger Langeweile war. Dafür lese ich mit allergrößtem Vergnügen die Texte von Anja Rützel auf „Spiegel online“ darüber. Lesen Sie das auch manchmal?

Ich lese die Texte von Daniel Benedict.

Sehen Sie, so hat jeder seine Darlings, über die sich das auch verfolgen lässt! Geguckt habe ich diesmal nur anderthalb Folgen. Es kommt natürlich total auf die Insassen an – wenn die prickeln und Persönlichkeiten sind, gucke ich es deutlich lieber. Die Texte der Moderatoren sind auf jeden Fall sehr lustig. Außerdem habe ich schon immer mit Leidenschaft Dschungel-Dokus auf Arte geguckt, als Kind habe ich mit meinem Bruder Urwald gespielt und mir auf dem Schaukelpferd vorgestellt, ich bin am Amazonas. Aber ein Fan ist etwas anderes. Ich bin ein Fan der Leichtathletik, aber ein Fan des Dschungelcamps bin ich nicht.

Sie haben mal Interesse am Amt des Kulturstaatsministers geäußert.

Es ging um die Frage, welches etwas profiliertere Amt als das eines Ensemblemitglieds des Deutschen Theaters ich mir vorstellen könnte. Um nicht gleich Kanzler zu sagen, habe ich Kulturstaatsminister gesagt (lacht). Kultur über meinen eigenen Tellerrand hinaus würde mich sehr interessieren. Ich lese die Feuilletons mit großem Vergnügen, und sollte die Bundeskanzlerin oder ihre Nachfolgerin mich fragen, würde ich es mir überlegen.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

(nach längerem Nachdenken) Vielleicht mir zu überlegen, wie man angesichts der Tatsache, dass die Holocaust-Überlebenden wegsterben, die Gedächtniskultur an die Shoa und die Nazi-Verbrechen lebendig erhält, ohne dass es sich auf eine zwanghafte Weise ritualisiert. Das halte ich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten für eine wesentliche Aufgabe deutscher Kulturpolitik.

Zurzeit wird ja diskutiert, ob so etwas für Schüler verpflichtend werden soll.

Ich bin da hin- und hergerissen. Eigentlich halte ich den Vorschlag für eine gute Idee, andererseits verstehe ich auch die Gegenargumente sehr gut. Gerade bei so etwas Heiklem kann man es nicht verbindlich machen, wenn nicht eine innere Bereitschaft da ist oder ein engagierter Lehrer die Schüler vorbereitet.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Ich hatte so einen engagierten Lehrer, der für die Aktion Sühnezeichen Reisen nach Israel organisierte. Er stellte uns damals vor die Wahl, vier Wochen Badeurlaub in Griechenland zu machen oder vier Wochen nach Israel zu gehen, dort zwei Wochen im Kibbuz zu arbeiten und zwei Wochen durchs Land zu reisen. Ich hab mich damals sofort für Israel entschieden und fand die Begegnungen mit Emigranten und Holocaust-Überlebenden zutiefst bewegend und für mein ganzes Leben prägend.

Wie würde der Kulturstaatsminister Matthes der deutschen Theaterszene begegnen, die vielerorts unter Sparzwängen ächzt und in Rechtfertigungsdebatten verstrickt ist?

Ich fang mal mit dem Positiven an: Die deutsche Theaterlandschaft ist erst mal unglaublich reich, und wir werden auf der ganzen Welt enorm darum beneidet. Egal, wo ich bin, höre ich immer wieder von Schauspielerkollegen und Journalisten: Mein Gott, was ihr für eine Kohle habt! Und was ihr euch deshalb trauen könnt. Es ist bei uns eine jahrhundertealte Tradition, dass jede Kleinstadt ihr Stadt- oder sogar Staatstheater hat – so etwas gibt es auch in anderen reichen Ländern Mitteleuropas kaum. Das gilt es zu verteidigen!

Was mancherorts immer schwieriger wird.

Die Kulturstaatsministerin Grütters, also meine zukünftige Vorgängerin (lacht), hat einen Preis für vorbildliche Theater ausgelobt – schöne Idee! Aber natürlich gibt es auch strukturschwache Regionen sowohl im Westen als auch im Osten, wo die Theater zu kämpfen haben. Kultur ist aber vor allem Ländersache, deshalb sind für Theatersubventionen am Ende doch die Kämmerer einer Stadt oder die Kultusminister eines Bundeslandes zuständig.

Genau deshalb sind viele Stadttheater in kommunale Verteilungsdebatten verstrickt.

Die Argumente, mit denen ein Theater gegen einen Kindergarten oder eine Schwimmhalle ausgespielt wird, kann ich nicht mehr hören! Es muss in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland doch möglich sein, für Kindergärten, für die Schwimmhalle und das Theater zu sorgen.

Sie gelten als leidenschaftlicher Zeitungsleser. Lesen Sie auf Papier oder digital?

Mittlerweile beides. Aber ich bin ja nun mal jenseits der 28 und mit dem Rascheln und dem Geruch einer Zeitung ebenso vertraut wie mit den schwarzen Fingern, wenn man beim Frühstück versehentlich in die Butter gegriffen hat und dann umblättert. Das sinnliche Vergnügen einer Zeitungslektüre ist durch das Wischen auf dem Handy einfach nicht zu ersetzen. Auf der anderen Seite bin ich nicht so reaktionär, dass ich sage: Pfui Deibel, diese Apparate lehne ich ab! Natürlich verfolge ich verschiedene Zeitungen und Magazine auch in ihren Online-Auftritten.

Welche Seite einer Zeitung lesen Sie zuerst?

Ich lese immer zuerst die Kultur, danach variiert es von Zeitung zu Zeitung, am Schluss Politik. Übrigens kaufe ich mir allein schon wegen des CUS-Kreuzworträtsels im SZ-Magazin jeden Freitag die „Süddeutsche Zeitung“. Das mache ich jedes Mal, als wäre ich seit zehn Jahren Rentner, säße auf Mallorca und hätte sonst nichts zu tun…

Was lesen Sie nie?

Bei 20 Möglichkeiten, den Wirtschaftsteil zu lesen, lese ich ihn einmal. Au weia.

Würden Sie sagen, dass Ihr Vater als Redakteur und späterer Chefredakteur beim Berliner „Tagesspiegel“ Sie geprägt hat?

Ich habe noch einen Bruder, der ist Arzt und ein sehr guter Fotograf. Und er ist längst nicht so ein Zeitungs-Maniac wie ich. Man kann also aus derselben Familie kommen, und der eine wird Kolibriforscher und der andere Eisenbahnschaffner. Natürlich haben mich meine Eltern geprägt, aber ich habe mehr Eigenschaften von meiner Mutter als von meinem Vater.

Zum Beispiel?

Das Temperament und ganz wesentlich die Fähigkeit zur Empathie, die Lust an offener und freudvoller Kommunikation mit Menschen. Mein Vater war, trotz seines Berufs, eigentlich ein sehr scheuer, zurückgezogener Mensch.

Welches Thema in Zeitungen und Nachrichten hat Sie in letzter Zeit am meisten berührt und aufgewühlt?

Eindeutig der weltweite Aufstieg des Rechtspopulismus und damit einhergehend auch der Aufstieg der AfD in Deutschland. Als Bürger dieses Landes fühle ich mich wie verpflichtet zu sagen: Achtung, Achtung, da passiert etwas Gefährliches, das allen meinen Überzeugungen von Weltoffenheit, Anti-Rassismus und Humanität widerspricht. Ich halte diese Situation zum ersten Mal für so gefährlich, dass ich mich da nicht zurückhalten kann. Deshalb muss ich immer wieder Stellung beziehen gegen die AfD.

Was Sie ja auch tun.

Ja. Dieses Gefühl hatte ich nicht in den langen Jahren von Helmut Kohl, den habe ich zwar nie gewählt, aber auch nie für ein Unglück gehalten. Er war mir weder persönlich noch politisch sympathisch, aber ich habe anerkannt, dass er sich sehr um die europäische Einigung bemüht hat. Ich habe niemals das Gefühl gehabt, ich müsse jetzt in die SPD oder bei den Grünen eintreten und mich gegen Kohl engagieren. Bei der AfD habe ich dagegen stark das Bedürfnis, mich gegen sie zu bekennen.

Sie haben als Kind von neun bis zwölf schon in Filmen mitgespielt. Und dann quasi Ihre Karriere unterbrochen.

Das klingt ja so, als hätte ich den Entschluss gefasst! Meine Eltern haben es mir verboten, weil ich durch diese Filmerei unerträglich wurde. Ich war noch viel naseweiser und altkluger, als ich ohnehin schon war… In einer Erwachsenenwelt permanent im Mittelpunkt zu stehen tut keinem Kind dieser Welt gut. Ich war größenwahnsinnig und ballaballa. Wenn’s immer nur heißt Ulrich hier und Uli da, dann ist das nicht gut für ein ohnehin mit kräftigem Selbstbewusstsein ausgestattetes Kind, wie ich es war. Meine Eltern hatten Gott sei Dank das Gefühl, sie müssten das rigoros stoppen und mich wieder zu einem ganz normalen Kind machen, das zur Schule geht und da seine Erfolge und Misserfolge erlebt. Das hat dann auch wunderbar geklappt. Selbstbewusst bin ich immer noch, aber das Durchgeknallte hat sich, so hoffe ich, gegeben.

In Ihrem Film „Fremder Feind“ haben Sie eine Vaterrolle, und zwar eine sehr extreme. Der Verlust eines Kindes ist vermutlich eine der furchtbarsten Erfahrungen, die man überhaupt machen kann.

Ich würde sagen, es ist die furchtbarste.

Wie machen Sie als Schauspieler, der kein Vater ist, eine solche Erfahrung für sich spürbar und damit spielbar?

Indem ich meinen Beruf ausübe und meine Fähigkeit zur Empathie, meine Fantasie und mein Herz aktiviere. Ich versuche in allen Rollen, mir vorzustellen, wie es dem Menschen, den ich zu verkörpern habe, in der Situation X oder Y gehen könnte. Und dann ist nichts anderes gefragt als Mitgefühl, Fantasie, Konzentration, Spiellust und in anderen Zusammenhängen auch Humor.

Die Romanvorlage hieß „Krieg“, der Film zunächst auch, nun kommt er als „Fremder Feind“ ins Programm. Warum?

Weil die verantwortliche WDR-Redaktion das Gefühl hatte, dass bei dieser Mischung aus psychologischem Kammerspiel und Thriller der knallige Titel „Krieg“ bei einem deutschen Fernsehpublikum möglicherweise falsche Assoziationen hervorrufen könnte.

Der Romanautor Jochen Rausch hat gesagt: „Als ich Ulrich Matthes sah, hatte ich das Gefühl, ich begegne der Hauptfigur Arnold Steins persönlich.“ Mehr Ritterschlag kann’s kaum geben. Sind Sie auch selbst zufrieden?

Ich habe mich sehr darüber gefreut. Aber ich neige grundsätzlich dazu, auch bei Arbeiten, mit denen ich zufrieden bin, immer noch zu gucken, wo es nicht ganz stimmt. Im Theater sehe ich mich selbst ja nicht, ich habe also nur ein inneres Gefühl. Beim Film kann ich mich auf der Leinwand sehen und hören und denke dann manchmal: Na, da hättest du noch ein bisschen mehr so und so… Insgesamt finde ich den Film sehr gelungen, und trotzdem sehe ich auch ein paar Sätze im Drehbuch, bei denen ich finde, das hätte noch ein bisschen besser sein können.

Sie spielen einen Pazifisten aus der Generation Cordhosenträger – und können doch bestens mit einem Gewehr umgehen.

Das war wirklich ganz einfach. Ich bin ein mit den Händen total ungeschickter Mensch. Aber dieses Gewehr war echt einfach zu bedienen, da reicht es, wenn man ein paar Filme gesehen hat… Mit dem Gewehr konnte selbst ich ungeschickter Weihnachtssternverhunzer nach kürzester Zeit glänzend umgehen.

Dieser Stoff, die Kulisse, eine Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig – ist „Fremder Feind“ nicht eigentlich ein Kinofilm?

Ich betreibe niemals Fernseh-Bashing, auch da gibt’s gute und weniger gute Produkte. Natürlich sind gerade die Naturaufnahmen eigentlich großes Kino, andererseits ist die sehr psychologische Geschichte mit wenigen Figuren auch fürs Fernsehen okay. Und Mittwochabend, 20.15 Uhr, ist doch ein super Sendeplatz! Da hocken ein paar Millionen, die wir im Kino vermutlich nicht hätten. Es war eher eine glückhafte Ausnahme, dass der Venedig-Chef diesen Film eingeladen hat, obwohl er wusste, dass es ein Fernsehfilm ist. Er fand ihn halt toll.

Das Wetter spielt auch mehr als eine Nebenrolle, dabei hat’s erst zwei Tage vor den Dreharbeiten angefangen zu schneien. War es für Sie nicht ziemlich anstrengend, auf 1500 Meter Höhe durch hüfthohen Schnee rauf- und runterkraxeln zu müssen?

Es war anstrengend, aber ich habe sehr viel Energie und bin abends immer vergnügt ins Bett gegangen und konnte sehr gut schlafen. Wir hatten bei den Nachtdrehs bis zu minus 28 Grad. Es war irre kalt, manchmal konnte ich nichts mehr bewegen und war wie schockgefroren. Aber dann wurde ich ins Warme geführt, und es ging weiter. Ich will gar nicht so tun, als hätte ich’s nicht genossen. Leonardo DiCaprio, der bedeutendere Kollege, hatte es bei „Revenant“ deutlich schwerer… Außerdem bin ich wie ein Husky – mein absolutes Lieblingswetter sind minus vier Grad und klarer, trockener Frost. Ich liebe dieses Wetter, das finde ich noch schöner als 28 Grad im Sommer.

Wie war’s für Sie, so viele Szenen mit einem Hund zu haben?

Ich bin wirklich ein großer Hundefreund und wollte schon als Kind immer einen haben. Aber der hier war echt ein bisschen dämlich… Es gibt ja dämliche Menschen, es gibt aber auch dämliche Hunde. Ich schätze, es war wirklich mühsam im Schnitt, diesen dämlichen und schauspielerisch auch eher unbegabten Hund so hinzukriegen, dass er zumindest sympathisch rüberkommt.

Das klingt jetzt aber garstig.

Nee, nee. Ich bin nach wie vor großer Hundefreund. Aber der war dämlich (lacht).

Ulrich Matthes zur #MeToo-Debatte: Ein Schlussstrich wäre absurd.

Ulrich Matthes

wird am 9. Mai 1959 in West-Berlin als Sohn des Zeitungsjournalisten und späteren „Tagesspiegel“-Chefredakteurs Günter Matthes und der Hausfrau Else Matthes geboren. Zusammen mit einem älteren Bruder wächst er im Westen der geteilten Stadt auf, bekommt schon ab dem neunten Lebensjahr erste Film- und Synchronsprecherrollen, muss diese frühe Karriere aber auf Geheiß seiner Eltern mit 13 wieder abbrechen.

Nach dem Abitur studiert er an der FU Berlin Germanistik und Anglistik, bricht aber nach fünf Semestern ab und nimmt Schauspielunterricht bei der renommierten Lehrerin Else Bongers. Seine Theaterengagements führen ihn nach Krefeld, Düsseldorf, München und Berlin, wo er seit 2004 ständiges Ensemblemitglied am Deutschen Theater ist. 2005 und 2008 wird er von der Zeitschrift „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gekürt, 2008 zudem mit dem Faust-Theaterpreis ausgezeichnet.

Auch beim Film macht Matthes Karriere und wird mit zahlreichen Auszeichnungen wie dem Bayerischen Filmpreis, der Goldenen Kamera, dem Grimmepreis und dem Lettischen Filmpreis geehrt. Zu seinen bekanntesten Rollen gehört die des Joseph Goebbels in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (2004). Am kommenden Mittwoch ist er in dem hervorragenden TV-Drama „Fremder Feind“ (Das Erste) zu sehen.

Ulrich Matthes lebt in Berlin-Charlottenburg. Über sein Privatleben spricht er in der Öffentlichkeit nicht.