Raabs neue Pro-Sieben-Show „Das Ding des Jahres“ – wie gut ist das neue Format?

Von Daniel Benedict


Berlin. Pro Sieben attackiert mit seinem „Ding des Jahres“ den Vox-Erfolg „Die Höhle der Löwen“. Welche Erfinder- und Gründershow ist denn nun besser?

Die erste Erfindung, die als „Ding des Jahres“ antritt, ist ein vollautomatischer Cocktail-Mixer. Kraft ihres Amtes kosten die Juroren das Resultat. Die neue Pro-Sieben-Show beginnt also mit einem Besäufnis und ist damit sofort in der Kernzielgruppe angekommen – und natürlich auch untrennbar mit dem trinkfesten Juror Joko Winterscheidt verknüpft. (Pro Sieben braucht das „Ding des Jahres“ – zum Hintergrund)

Produkte im Willkür-Duell: Der Schwachpunkt beim „Ding des Jahres“

Schon am Cocktail-Mixer erkennt man den Reiz einer Erfinder-Show: Sie entdeckt ein technisches Knowhow, das sich sonst in deutschen Garagen austobt. Und sie ermuntert zu kontroversen Debatten über das Charisma von Produkten. Denn obwohl hier eine Art Hightech-Werkzeugkoffer den seelenlosesten Cocktail seit Tom Cruise zusammenpumpt, schlägt das Gerät in der Gunst des Saalpublikums ein Messgerät für Kinderschuhe – das der REWE-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog als Juror favorisiert hätte.

Wie alle Produkte und Prototypen, die am Ende der ersten Staffel von „Das Ding des Jahres“ einen Werbevertrag gewinnen können, muss auch der Cocktail-Mixer mehrere Publikumsabstimmungen überstehen. Und schon die Duelle sind ein Schwachpunkt im von Stefan Raab entwickelten Show-Konzept. In der Auftaktfolge tritt der Honiglöffel eines Laien gegen das Spielzeug-Auto eines professionellen Modell-Entwicklers an. Der Löffel ist dank „Ablauföffnung“ und „seitlicher Abfließlippen“ tropfresistent und sparsam, dafür mit 19,99 Euro aber selbst heillos überteuert – und fliegt raus. Das Rennauto ahmt dank Computersimulation die Fahrbewegungen realer Maschinen nach – und wird am Ende von der Jury ins Finale gewählt. Das Duell ist so unvergleichbar, dass selbst die Jury es ungerecht findet. (Blutwurst aus Menschenblut: Isst Joko Winterscheidt sich selbst?)

Entertainment des kleinsten gemeinsamen Nenners

Den anderenFinalisten der ersten Show wählt das Saalpublikum aus den vier Siegern der Duelle. Es ist die Zahnbürste„Amabrush“. Dahinter verbirgt sich eine motorisierte Beißschiene, die das komplette Gebiss von Lena Gercke – der dritten Jurorin – in nur zehn Sekunden reinigt. Auf ein Menschendasein hochgerechnet, so der Entwickler, lassen sich mit dem Gerät rund 100 Tage Lebenszeit einsparen. Für noch mehr Gesprächsstoff dürfte ein anderer Hygieneartikel sorgen, der es am Ende nicht ins Finale schafft: taschenförmiges Klopapier, das ein Kraftfahrer mit stark polnischem Akzent als Klo-Revolution präsentiert. Die Idee kam ihm, als er sich am Parkplatz mal mit Filtertüten behelfen musste.

Po abwischen, saufen, Zähne putzen: Was das Raab-Format ohne Raab am deutlichsten kennzeichnet, ist seine Alltagsnähe. Wer weiterkommt, entscheiden Zuschauer wie du und ich – erst die im Saal, im Live-Finale dann die am Fernseher. Bevor gewählt wird, fragt Janin Ullman regelmäßig: „Was können Sie besser gebrauchen?“ Jede Geste der Show holt das Publikum in seiner kleinen Welt ab; alles steuert auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hin. Stefan Raabs Stärke war immer eine höchstindividuelle Begeisterung für Special-Interest-Späße – von der Rutschpartie im Wok bis zum britischen Kneipenspiel. Ausgerechnet er hat mit „Das Ding des Jahres“ jetzt ein Format entwickelt, das so populistisch ist wie Thomas Gottschalk in seinen besten Zeiten.

Was macht Vox in „Die Höhle der Löwen“ besser?

Warum nur, fragt man sich. Vox beweist mit „Die Höhe der Löwen“ schließlich, dass man auch dann noch Quote macht, wenn zum Unterhaltungswert praktischer oder nutzloser Produkte auch noch ein Lerneffekt kommt. Entwicklung, Finanzierung, Vermarktung – den Weg von der Idee zur Ware, den die Investoren der Vox-Show regelmäßig abklopfen, bildet Pro Sieben gar nicht ab. Eine Expertise bringt in die Dreier-Jury ohnehin nur der REWE-Mann ein; abgefragt wird sie kaum. Die Pitches in der „Höhle der Löwen“ finden unter anderen Bedingungen statt als in der Realität. Und sicher scheitern bei der Nachverhandlung viele Deals, die in der Show noch als Erfolg verkauft werden. Trotzdem: Die Kriterien und Routinen realer Geschäftsabschlüsse sind bei Vox das zentrale Thema. Pro Sieben dagegen setzt auf Kuriositäten und Typen. Nicht mal beim Preis, den der Sender am Ende der Staffel einem einzigen Produkt verleiht, spielt ökonomische Logik eine Rolle. Wo die Vox-Investoren die Produkte mit dem Gründer weiterentwickeln, gibt es beim „Ding des Jahres“ am Ende nur Werbung im Wert von 2,5 Millionen Euro. Wie ein Prototyp, der womöglich gewinnt, überhaupt bis zur werbefähigen Marktreife kommt, ist dem Erfinder dann offenbar selbst überlassen.