Von Kindstod bis Ufo-Sichtung „Notrufzentrale“ – Kritik zur Vox-Reihe über Polizei Osnabrück

Von Daniel Benedict


Osnabrück. Wer nimmt den Hörer ab, wenn wir die 110 oder 112 wählen? Diese simple Frage beantwortet die neue Vox-Doku-Reihe „Die Notrufzentrale“. Für Osnabrücker gilt das sogar im Wortsinn, denn die örtliche Regionalleitstelle ist eine von dreien, in der das Filmteam gedreht hat.

„Ich kam aus dem Landrevier im Emsland, wo manchmal eine ganze Woche das Telefon nicht geklingelt hat“, sagt der Osnabrücker Kommissar Bastian. Mit dem Wechsel in die Stadt wurde die Ausnahmesituation sein Alltag. Die Kamera begleitet ihn im Gespräch mit einem Mädchen, das zuhause bedroht wird. Im Hintergrund hört der Polizist die offenbar betrunkene Mutter brüllen – und wir hören mit: Anonymisiert werden alle Notrufe eingespielt. Was sich vor Ort abspielt, sehen wir nicht. Gedreht wurde die Doku-Reihe nur in der Leitstelle. „Kannst du dich im Badezimmer einschließen? Kannst du die Wohnung verlassen?“, fragt Bastian die 18-Jährige – die nur acht Jahre jünger ist als er selbst. Parallel dazu beordert eine Streife zur Wohnung und bleibt solange am Apparat, bis er die Kollegen eintreffen hört. Seine Methode: „Ich versuche einfach, ruhig auf die Leute einzugehen und mich in ihre Situation einzufühlen.“ (Was sagt der Chef zum Vox-Dreh bei der Arbeit? Ein Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Osnabrücker Abteilung lesen Sie hier.)

„Die Notrufzentrale“: Die neue Doku-Reihe von Vox berichtet unter anderem über den Alltag in der Leitstelle von Osnabrück. Im Bild: Bastian von der Osnabrücker Polizei. Foto: MG RTL

Den Unfall live am Telefon hören

Sein Kollegen Can, ebenfalls Leitstelle Osnabrück, nimmt einen Anruf entgegen, der deutlich gelassener beginnt. Eine Autofahrerin meldet einen umgestürzten Baum auf der Landstraße. Ihr Tonfall ist entspannt, fast heiter – bis man hört, wie ein weiteres Fahrzeug krachend in das Hindernis rast. Can lässt seine Gesprächspartnerin die Unfallstelle mit einem Warndreieck sichern und bittet sie, den Zustand des Fahrers überprüfen: Er lebt. Als der Polizist einen Rettungs- und Räumeinsatz organisiert hat, wendet er sich seiner Kollegin zu und berichtet: Das letzte Mal, als er auf diese Weise Ohrenzeuge eines Unfalls wurde, war der Fahrer hinterher tot.

Die schlimmsten Geschichten der Nothelfer

Solche Geschichten haben alle Notruf-Kräfte der Doku zu berichten: Kathrin aus Nürnberg erinnert sich an einen Unfall mit vier Toten, drei davon Kinder, bei dem die Hilfe erschwert wurde, weil die Anruferin ihren Standort nicht angeben konnte. Wer weiß schon immer ganz genau, zwischen welchen Abfahrten er sich befindet? Ihr Kollege Thomas war der erste Ansprechpartner einer Mutter, die einen plötzlichen Kindstod melden musste. Auch die Stressbewältigung nach solchen Fällen ist Thema der Sendung. Thomas sieht man nach seinen Gesprächen mehrfach vor der Tür eine Zigarette rauchen; in ernsten Fällen lässt er sich von den Einsatzkräften den Ausgang berichten. Wenn ein angedrohter Selbstmord sich als Blödelei herausstellt, herrscht Erleichterung.

Ufo-Alarm in der Notrufzentrale

Immer wieder sieht man die Polizisten und Feuerwehrleute auch lachen. Und tatsächlich sammelt „Die Notrufzentrale“ auch kuriose Anrufe. Eine Frau meldet eine Zecke unter ihrem Augenlid, eine andere sitzt auf einem Parkplatz fest, der nachts überraschend abgesperrt ist. Ein Dritter warnt vor einem „ungefähr vier Meter großen Flugobjekt“. Und das stark blutende Opfer eines Sexunfalls kann nicht selbst zum Krankenhaus fahren – weil er erst 16 Jahre alt ist.

Der Schnitt ist so hektisch wie der Alltag in der Notrufzentrale

Schon in der ersten Folge thematisiert „Die Notrufzentrale“ eine gewaltige Zahl von Einsätzen: häusliche Gewalt und Reanimation, Schlaganfälle, Stalker, Schlägereien, blutende und bewusstlose Personen auf der Fahrbahn. Über den hastigen Rhythmus transportiert die Doku die Hektik, in der hier existenzielle Entscheidungen getroffen werden; zugleich erschwert die hohe Taktung die Orientierung. Als Ruhe-Inseln werden O-Töne eingeschnitten, in denen die telefonischen Ersthelfer mal die aktuelle Situation reflektieren, mal ihren beruflichen Werdegang skizzieren. Man hätte mehr davon vertragen. Wer ist hier Polizist, wer Feuerwehrmann? Unterscheiden sich Aufgaben und Kompetenzen des Kommissars Bastian von denen der Disponentin Kathrin? Falls das in der ersten Folge beantwortet wurde, geht es zumindest leicht unter.

Das Iduna-Hochhaus bei Nacht

Zwischen den Büroszenen setzt die Doku-Reihe auf die Dramatik von Nachtbildern, in Osnabrück gern vom Iduna-Hochhaus. Tatsächlich gehen Vox zufolge die Mehrzahl der Notrufe hier allerdings während der Tagschicht ein. Nach Anrufaufkommen und Zuständigkeitsbereich ist die Osnabrücker Regionalleitstelle die kleinste in der Sendung. Nach Infos der Polizei gehen bei der gemeinsamen Leitstelle von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr täglich allein etwa 400 Notrufe über die Rufnummer 110 aus dem knapp eine Million Einwohner umfassenden Gebiet von Stadt und Landkreis Osnabrück, dem Emsland und der Grafschaft Bentheim ein. Die Einsatzfahrzeuge der Polizei rücken jeden Tag zu etwa 500 Einsätzen aus. Hinzu kommen die Notrufe für Feuerwehr und Rettungsdienst aus Stadt und Landkreis Osnabrück, die von 38 Mitarbeitern disponiert werden.

In der Potsdamer Leitstelle der Polizei Brandenburg, in der ebenfalls gedreht wurde, gehen täglich etwa 1.000 Anrufe ein, zuständig ist das Team für 2,5 Millionen Menschen in ganz Brandenburg. Die Notrufzentrale von Feuerwehr und Rettungsdienst in Nürnberg ist für ein Einzugsgebiet von 1,2 Millionen Einwohnern zuständig; täglich sind 2.300 Anrufe zu beantworten.

Wie geht‘s weiter? Sendetermine von „Die Notrufzentrale“

Die ersten acht Folgen von „Die Notrufzentrale“ laufen seit dem 5. Februar immer montags um 22.15 Uhr auf Vox. Pro Sendung werden zwei Leitstellen thematisiert; Osnabrück setzt in der zweiten Folge aus und wird zum nächsten Mal am 19. Februar zu sehen sein. In den weiteren Folgen werden auch Leitstellen-Disponenten des Bereichs Feuerwehr/Rettungsdienst aus Osnabrück zu sehen sein. Eine zweite Staffel soll bereits in Planung sein.